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Nach mehr als einem halben Jahr ist der Ausgang im Ukraine-Krieg offener denn je. Ein Ende nicht in Sicht. Laut einem US-Historiker steuert Russland aber auf die entscheidende Wende zu.
München - Alles hat ein Ende. Hinsichtlich des Ukraine-Kriegs ist das eine erfreuliche Erkenntnis. Aber wie wird dieser Konflikt enden? Das Kämpfen. Die Zerstörung. Das Töten. Etwa mit einem großen Knall? Also einer Atombombe? Das befürchten nicht wenige Menschen - gerade im Westen.
Timothy Snyder hat sich Gedanken über den Ausgang der russischen Invasion gemacht und seine Schlussfolgerungen in einem Blog ausführlich dargelegt. Der US-Historiker, der sich vor allem mit Osteuropa beschäftigt, betont zwar, dass natürlich niemand die Entwicklung vorhersehen könne. Doch ein Einsatz von Nuklearwaffen durch Wladimir Putin sei sehr unrealistisch. Vielmehr laufe alles auf einen Machtkampf in Moskau hinaus, der den Fokus des Kreml-Herrschers ändern werde.
Ukraine-Krieg vor dem Ende? US-Historiker Snyder erwartet Machtkampf in Russland
„Das Szenario, das ich hier vorschlagen werde, ist eine konventionelle Niederlage Russlands in der Ukraine, die in einen russischen Machtkampf übergeht, der einen russischen Rückzug aus der Ukraine erfordert. Historisch gesehen ist dies eine sehr bekannte Kette von Ereignissen“, schreibt Snyder. Dann nimmt er sich die Zeit, um die Nuklearwaffen-Theorie zu entkräften.
Zwar hielten viele Beobachter einen Atomwaffeneinsatz für naheliegend, „weil uns andere Möglichkeiten zu fehlen scheinen und es sich wie ein Ende anfühlen würde“. Doch diese Denkweise „schürt Ängste und verhindert klares Denken“.
Atombombe im Ukraine-Krieg? Putin hat Angst in unseren Köpfen festgesetzt
Genau darum aber gehe es Putin. Die Angst vor der Atombombe habe sich so sehr in unseren Köpfen festgesetzt, dass wir uns auch Drohungen vorstellen würden, „die Russland gar nicht ausspricht. Wir fangen an, über eine ukrainische Kapitulation zu reden, um den psychologischen Druck abzubauen, den wir empfinden.“
Das Ziel des Kreml-Chefs laute: Die Unterstützer stellen aufgrund der Nuklear-Bedenken ihre Lieferungen an die Ukraine ein und er gewinne Zeit, um seine Reservetruppen an die Front zu bringen und den ukrainischen Vormarsch zu verlangsamen.
Snyder betont aber: „Die Ukrainer widerstehen seit sieben Monaten der nuklearen Erpressung. Wenn sie das können, können wir das sicher auch.“ Und dann stellt er die Fragen, die einem Atomwaffeneinsatz im Weg zu stehen scheinen.
Putin und die Atombombe: Würde Russland das nach der Mobilisierung riskieren?
„Würde Putin das politische Risiko einer großangelegten Mobilisierung eingehen, russische Jungs in die Ukraine schicken und dann in deren Nähe eine Nuklearwaffe detonieren lassen?“ Schon jetzt seien viele Russen vor der Einberufung geflohen. Noch viele mehr könnten sich ihnen anschließen, sollten sie die Gefahr eines Nuklearschlags befürchten.
Außerdem habe Putin Teile der Ukraine zu russischem Staatsgebiet erklärt. Also: „Würde Moskau wirklich eine Nuklearwaffe auf einem Gebiet nutzen, das es als russisch beansprucht, Menschen töten oder verstrahlen, die es als russische Bürger, Zivilisten und Soldaten ansieht?“
Fraglich wäre überhaupt, ob ein Atomwaffeneinsatz den Ukraine-Krieg beenden würde. Dagegen wäre eine heftige Antwort anderer Länder sicher. „Die Amerikaner konnten monatelang darüber nachdenken, und ich kann mir vorstellen, dass ihre Reaktion auf den Einsatz von Atomwaffen so aussehen würde, dass russische Streitkräfte außer Gefecht gesetzt werden würden und Putin persönlich gedemütigt würde“, mutmaßt Snyder. Ganz zu schweigen davon, dass Putin damit den Verlust der Unterstützung seiner Partner riskieren würde.
Ukraine-Krieg und die Atombombe: US-Historiker sieht bei Putin kein Motiv für einen Einsatz
Der Professor von der Yale University kann sich nach den bisherigen Erfahrungen seit Beginn der Invasion auch nicht vorstellen, dass Russland seine Atomwaffen in die Ukraine oder nahe an die Grenze verlegen würde. Aufgrund der Artillerie der Verteidiger hätten die Truppen bereits viel Equipment verloren. Fielen die Nuklearwaffen dem Gegner in die Hände, wäre das wohl Putins persönlicher GAU. Gegen einen Einsatz von Atomraketen spreche, dass diese abgeschossen werden oder auf die Erde stürzen könnten.
Erschwerend komme für Putin hinzu, dass die ukrainischen Kämpfer sehr dezentralisiert kämpfen würden, es also keine großen Ansammlungen von Soldaten oder Ausrüstung gebe. Grundsätzlich fehle dem russischen Präsidenten das Motiv für einen Nuklearwaffen-Einsatz, da er schon wolle, dass wir mit seiner Lage sympathisieren. Also seine Sicht auf den Konflikt verstehen.
Weiter stellt Snyder fest, dass es schon mehrere Situationen gegeben hätte, in denen Putin aus der Emotion heraus auf den Knopf hätte drücken können. Als Beispiele nennt der 53-Jährige die Niederlage bei Kiew nach einem Monat Krieg oder den jüngsten Kollaps der russischen Armee in der Region um Charkiw.
Video: Eskalation im Ukraine-Krieg?
Putins Macht bröckelt: Ukraine-Krieg ist in russischen Wohnzimmern angekommen
Womit wir in dem Blog bei Snyders Theorie für den Kriegsausgang angekommen wären. Die diversen Rückschläge auf dem Schlachtfeld hätten dazu geführt, dass sich Putins Position in Moskau zum Schlechteren verändert habe. Bislang habe das Regime auf zwei Regeln gefußt. Nummer eins: Was im TV passiert, ist wichtiger, als das, was in der Realität passiert. Nummer zwei: Was im Ausland passiert, ist wichtiger, als das, was in der Heimat passiert.
Dies sei nach der Teilmobilisierung nicht mehr aufrechtzuerhalten. Der Krieg ist in den russischen Wohnzimmern angekommen. Und es lässt sich nicht länger bestreiten, dass vieles nicht so läuft, wie der Kreml sich das ausgemalt hat. Nun würden die Menschen, die einen Sieg öffentlich weiter für möglich halten, Putin schwach erscheinen lassen. Wegen denjenigen, die den Krieg als Fehler betiteln, wirke der Präsident obendrein dumm.
„Wenn du einen Krieg nicht gewinnen kannst, musst du ihn eher heute als morgen beenden. Ich vermute, dass Putin das noch nicht erkennt“, befürchtet Snyder, der die Mobilisierung als Kompromiss ansieht. Was wiederum „zeigt, dass Putin nicht alleine entscheidet“.
Putin gegen Kadyrow und Prigoschin: Heftige Kritik am Kreml-Chef „muss zur Spaltung führen“
Damit kommt der Holocaustforscher zur heftigen Kritik vom tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow und von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin an der Kriegsführung. „Da jeder weiß, dass Putin die eigentliche Befehlsgewalt hat, muss dies zu einer Spaltung führen“, schlussfolgert Snyder. Die beiden Befehlshaber würden zwar ein kompromissloseres Vorgehen propagieren, selbst jedoch ihre eigenen Leute schützen wollen. So hätte die Ukraine in den zurückeroberten Gebieten nicht gegen Wagner-Söldner gekämpft.
Laut Snyder würde Putin von Kadyrow und Prigoschin bloßgestellt werden, da sie von ihm fordern, er solle „einen Krieg gewinnen, den sie selbst nicht zu gewinnen scheinen“. Der Wendepunkt im Ukraine-Krieg sei erreicht, wenn realisiert werde, dass andere Verbündete ihre Männer zurückhalten würden, weil es dann sinnlos wäre, die eigenen Männer zu verausgaben. Kommandeure brauchen auch künftig jemanden, der ihre Befehle ausführt. Putin könne weder eine diskreditierte noch eine demoralisierte Armee recht sein, will er auch künftig an der Macht bleiben.
Für den 70-Jährigen gehe es allerdings auch darum, dass die mobilisierten Kräfte in der Ukraine siegen oder sterben. Denn: „Falls sie fliehen, werden sie zu einer gefährlichen Gruppe, die vielleicht bereit ist für einen neuen Führer.“
Putin vor dem Ende des Ukraine-Kriegs? „Schlimmer, in Russland zu verlieren“
Ein solcher Machtkampf in Russland - womöglich zwischen Putin und seinen langjährigen Vertrauten Kadyrow und Prigoschin - würde laut Snyder zur Folge haben, dass jeder Befehlshaber seine Männer in der Heimat braucht und eben nicht in der Ukraine. Ob zur Abschreckung und zum eigenen Schutz. Doch auch bewaffnete Konflikte zwischen den Lagern seien nicht auszuschließen.
Der Historiker ist sicher: „Für alle Betroffenen mag es schlimm sein, in der Ukraine zu verlieren, aber es ist schlimmer, in Russland zu verlieren.“ Die infolge des Kriegs ausgebrochene Instabilität im eigenen Land würde die Mächtigen dazu animieren, ihren Zirkel rund um Moskau zusammenzuziehen. „Und das wäre natürlich eine sehr gute Sache für die Ukraine und für die Welt“, findet Snyder.
Putin vor Verlust der Macht? „Militärische Siege der Ukraine verändern politische Realitäten in Russland“
Putin benötige dann auch keinen Vorwand, um seine Truppen aus der Ukraine zurückzuholen. Denn es gehe ja um sein politisches Überleben. „Bei all seiner persönlichen Verbundenheit mit seinen politischen Ideen gehe ich davon aus, dass es ihm mehr um die Macht geht“, verfestigt Snyder seine Theorie. Demnach hätten die Russen plötzlich andere Dinge im Kopf als den Ukraine-Krieg.
Doch erst dieser hätte den Weg zum Machtkampf geebnet. Snyder fasst in seinem Blog zusammen: „Der Krieg wird enden, wenn die militärischen Siege der Ukraine die politischen Realitäten in Russland verändern - ein Prozess, der meiner Meinung nach bereits begonnen hat.“ (mg)


