VonFranziska Schwarzschließen
„The Line“ ist ein gigantisches, futuristisches Bauprojekt. Aber es wird von Anschuldigungen überschattet: So soll dafür ein Mann getötet worden sein.
London/Riad – Autofrei, klimaneutral, eine Million Menschen beherbergend: Die Megastadt „The Line“ ist Kern des „Neom“-Projekts in der saudischen Wüste. Und sie braucht Platz – gewonnen auch durch Umsiedlung. Dabei schrecken die dortigen Behörden offenbar nicht vor Gewalt zurück. Ein ehemaliger saudischer Sicherheitsdienstmitarbeiter hat jetzt im Gespräch mit der BBC schwere Vorwürfe erhoben.
Rabih Alenezi teilte dem britischen Sender mit, er habe 2020 den Befehl erhalten, Dorfbewohner eines Stammes zu vertreiben. Einer von ihnen protestierte demnach gegen die Zwangsräumung – und wurde erschossen. Ihm war angeordnet worden, gegen die „Rebellen“ im Zweifel auch „tödliche Gewalt“ anzuwenden, schilderte Alenezi der BBC. Er habe den Befehl nicht ausgeführt. Seit vergangenem Jahr lebt er im Exil in Großbritannien.
Öko-Firma zweifelt wegen Menschenrechten an Projekt in Saudi-Arabien
Vor allem Howaitat-Mitglieder wohnten in den betroffenen Ortschaften in der Provinz Tabuk. Die BBC konnte Alenezis Angaben nicht unabhängig verifizieren. Der österreichische Standard hob aber im Januar hervor, wie ein Howaitat-Mitglied 2020 in einem Video auf die gewaltsame Vertreibung aufmerksam machte. Kurz darauf war er nach Informationen des Standard durch einen Kopfschuss gestorben.
Der Business Insider wiederum sprach mit dem Gründer von Solar Water, der sich ursprünglich an Neom beteiligte. Er habe den Vertrag aber 2022 wieder gelöst, nachdem er Berichte über Menschenrechtsverletzungen gehört hatte. „Sie bahnen sich mit Bulldozern ihren Weg durch Dörfer und alles andere, das ist einfach unglaublich“, erläuterte Malcom Aw dem Business Insider seine Entscheidung.
Saudi-Arabien will weg vom Öl – und hin zu mehr Überwachung?
„The Line“ soll nur 200 Meter breit, aber 170 Kilometer lang werden, daher der Name: „die Linie“. Mit dem Projekt will Saudi-Arabien weg von fossilen Brennstoffen, hin zu Luxustourismus und KI-Innovationen. Doch Datenschützer warnen bereits vor einer „dystopischen Überwachung“ in der auf KI setzenden Metropole, berichtete der Standard.
Nach Angaben der Regierung von Saudi-Arabien wurden bislang etwa 6000 Menschen wegen „The Line“ umgesiedelt. Die britische Menschenrechtsorganisation ALQST schätzt ihre Anzahl laut BBC deutlich höher.
Mohammed bin Salman ist seit seiner Ernennung zum Kronprinzen im Jahr 2017 zum faktischen Herrscher des Landes aufgestiegen. Er hat seitdem eine gesellschaftliche Öffnung vorangetrieben und das Land auch für Touristen zugänglicher gemacht. Gleichzeitig hat die Unterdrückung kritischer Stimmen und die Verfolgung etwa von Frauenrechtlerinnen im Land noch zugenommen. (frs)
