VonStefan Schollschließen
Im von ukrainischen Truppen besetzten Bezirk Sudscha in der westrussischen Region Kursk sollen noch etwa 3000 Zivilpersonen ausharren. Aber nur 348 Namen sind bekannt. Nach den anderen wird oft verzweifelt gesucht.
Was unternimmt Russland, um 3000 seiner Bürgerinnen und Bürger aus der ukrainischen Besatzung zu befreien? „Unser Präsident Wladimir Putin unterstreicht ständig, dass das Wichtigste die Menschen sind“, betont die Aktivistin Ljubow Priluzkaja. „Wir wollen eine Bestätigung dieser Worte sehen.“
Alexander Chinschtejn, geschäftsführender Gouverneur der russischen Region Kursk, stellte sich vergangenen Samstag bei einem Treffen mit Bürger:innen und Geflüchteten fünf Stunden lang drängenden Fragen. Aber Chinschtejn, zuvor Duma-Abgeordneter mit besten Kontakten zum Geheimdienst FSB, ließ sich nicht einschüchtern. Er forderte alle auf, die Hand zu heben, die zweifelten, dass Russlands Armee die Region Kursk vollständig befreien werde.
Anfang August 2024 waren ukrainische Truppen überraschend in die Grenzregion eingedrungen und eroberten über 1200 Quadratkilometer Kursker Boden. Seither laufen russische Gegenoffensiven. Nach Angaben russischer Militärs in Moskau wurden dabei knapp zwei Drittel des verlorenen Geländes zurückerobert.
Doch die ukrainischen Truppen geben sich nicht geschlagen. Sie führen Gegenangriffe durch und kontrollieren weiterhin den Bezirk Sudscha. Dort sollen nach Angaben von Aktivist:innen noch etwa 3000 von ursprünglich knapp 27 000 Einwohner:innen ausharren, sehr oft alte Leute. Ihr Schicksal löst immer mehr Unruhe und Proteste aus.
Das mobile Telefonnetz und das Festnetz brachen unmittelbar nach der ukrainischen Invasion am 6. August zusammen, ebenso das Internet. Dort arbeite nur der ukrainische Anbieter Kievstar, sagt der Kursker Freiwillige Wladimir Sinelnikow. „Die Menschen können ihre Verwandten nicht erreichen, um ihnen zumindest ein Lebenszeichen zu geben.“ Sinelnikow und andere Aktive sammeln die Namen von Einwohner:innen, die in Sudscha und Umgebung geblieben sind. Ihre jüngste veröffentlichte Liste von Mitte Januar umfasst 348 Menschen.
Doch Tausende russische Verwandte, viele von ihnen selbst Flüchtlinge, wissen nicht, was aus ihren zurückgebliebenen Eltern oder Großeltern geworden ist. Hunderte Zivilpersonen soll das ukrainische Militär in einem Wohnheim im Zentrum von Sudscha untergebracht haben. Das Internationale Rote Kreuz arbeite dort nicht, sagt Sinelnikow. Mehrere Familien und zwei Schwerkranke seien ins ukrainische Sumi gebracht worden.
Die Zahl der Todesopfer ist ungewiss. Der russische Diplomat Rodion Miroschnik spricht von vermutlich etwa 100 Zivilpersonen, die in den besetzten Kursker Gebieten umgekommen seien. Um die Übrigen wird gebangt, sie werden oft verzweifelt gesucht. Eine Frau, die nach Brjansk geflohen ist, erzählte dem Portal „lenta.ru“, die Polizei dort habe auf ihre Vermisstenanzeige mit der Mitteilung reagiert, sie habe den Fall an die Kollegen in Sudscha weitergeleitet – wo es längst keine russische Polizei mehr gibt.
In den sozialen Netzwerken häufen sich Fotos der Zurückgebliebenen versehen mit einem eigenen Hashtag. Aktivistin Ljubow Priluzkaja, deren Eltern ebenfalls noch in Sudscha sind, fragte Gouverneur Chinschtejn und die russische Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa in einem Videoaufruf, warum es keinen „grünen Korridor“ zur Evakuierung der Stadt gebe, wenn die Gegenseite sich schon öffentlich dazu bereit erklärt habe. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums lehnt die ukrainische Seite den Dialog über einen Austausch ab, Kiew behauptet das Gegenteil.
Laut Aktivist Sinelnikow ist nicht das Militär für den Korridor zuständig, vergangenes Jahr habe man etwa 60 Menschen herausgebracht, davon 46 über Belarus nach Kursk, die übrigen seien zu Verwandten in die Ukraine oder in die Moldau gefahren. Doch offenbar wolle die russische Staatsmacht das nicht wiederholen, da die Ukraine bei einer russischen Evakuierung aus Sudscha Gegenforderungen stellen könnte. Und um mehrere Tausend Menschen über zwei Grenzen zu transportieren, sie mit den nötigen Dokumenten zu versorgen und medizinisch zu untersuchen, bedarf es viel politischen Willens. Und der scheint zu fehlen.
„Alle rechnen mit einer raschen Befreiung der Gebiete“, sagt Priluzkaja. Sie hofft, dass ihre Eltern leben, aber sie hat keine zuverlässigen Informationen. Die russischen Truppen sollen schon vor Wochen den Stadtrand von Sudscha erreicht haben. In der Stadt gäbe es keinen Strom, keine Heizung oder fließendes Wasser. „Dafür werden ständig Artilleriebeschüsse veranstaltet.“ Sinelnikow will diese Woche eine aktualisierte Liste der Überlebenden von Sudscha herausgeben, mit einigen neuen Namen. „Aber drei Menschen sind seit der letzten Veröffentlichung ums Leben gekommen.“
