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Die Lieferung der M1 Abrams aus den USA an die Ukraine naht. Doch sind die Panzer gegen die Drohnen-Gefahr Russlands gewappnet? Davon hängt ihre Schlagkraft ab.
München/Saporischschja/Bachmut - Die Ukraine wartet sehnlichst darauf, im September sollen sie nun kommen: 31 wuchtige Kampfpanzer der USA, die dabei helfen sollen, die völkerrechtswidrige russische Invasion unter Kreml-Machthaber Wladimir Putin wieder hinter die Grenze zurückzuschlagen.
Ukraine-Offensive: Kiew bekommt bald Abrams-Kampfpanzer aus den USA
Dass die amerikanischen Panzer als Game-Changer im Ukraine-Krieg dienen, darf schon vor ihrer Ankunft auf den Schlachtfeldern bezweifelt werden – nicht nur wegen ihrer letztlich überschaubaren Stückzahl.
Angefangen dabei, dass das riesige Militärgefährt als echter Spritfresser gilt, hat der M1 Abrams mehrere Schwachstellen, die zwischen der Region Saporischschja und Bachmut im Donbass zum Nachteil für die ukrainischen Soldaten werden könnten. Besonders eine tückische Drohne der Putin-Armee dürfte den Abrams dabei gefährlich werden.
Die Rede ist von der Lancet-Drohne, einem regelrechten „Panzerkiller“. Etliche Videos, die mutmaßlich von der russischen Seite in den sozialen Netzwerken verbreitet werden, lassen mittlerweile darauf schließen, dass sich zum Beispiel die gelieferten deutschen Leopard-2-Kampfpanzer gegen die „lauernde Lenkwaffe“ (loitering weapon) kaum oder gar nicht verteidigen lassen.
M1 Abrams für die Ukraine: Russische Lancet-Drohne wird dem US-Panzer gefährlich
Denn: Die „Leos“ haben zur Luftverteidigung nur ein schweres Maschinengewehr MG3 auf dem Dach montiert, das vom Kommandanten händisch bedient werden muss. Was die Trefferwahrscheinlichkeit gegen Panzerabwehrwaffen und Drohnen deutlich minimiert. Auch beim M1 Abrams fehlt eine serienmäßig eingebaute Luftverteidigung gänzlich. Zwar hat der Panzer gleich drei schwere Maschinengewehre auf der Karosserie installiert – zwei M240 und ein Browning M2. Doch der Kommandant und der Ladeschütze kommen sich im Gefecht im schlechtesten Fall mit ihren Visieren in die Quere.
| Name: | M1 Abrams |
| Funktion: | schwerer Kampfpanzer |
| Erstauslieferung: | Anfang der 1980er Jahre |
| Hauptbewaffnung: | 120-mm-Glattrohrkanone von Rheinmetall |
| Sekundärbewaffnung: | zwei M240-Maschinengewehre und ein Browning M2 |
| Gewicht: | 61,3 Tonnen |
| Verbrauch: | 700 Liter auf 100 Kilometer |
| Länge/Breite: | 9,83 m / 3,66 m |
Gegen Lancet-Drohnen mit einer Geschwindigkeit zwischen 80 und 110 km/h sind die Maschinengewehre bis auf mögliche Glückstreffer ohnehin machtlos, während die Ukrainer ihrerseits mit neuen FPV-Kamikaze-Drohnen Jagd auf russische Panzer machen. Zum Beispiel auf den angeblich unzerstörbaren T-90M aus Putins Armee. Damit nicht genug der Abrams-Schwachstellen: Um die Panzer schneller liefern zu können, stellt das US-Verteidigungsministerium nur die ältere Version M1A1 bereit – und nicht die kampfertüchtigte modernere Variante M1A2.
M1 Abrams für die Ukraine: Geringere Panzerung als bei den deutschen Leopard-2-Panzern
Wie kampfwertgesteigert diese ältere Version das ukrainische Schlachtfeld erreicht, bleibt abzuwarten. Um den russischen Lancet-Drohnen etwas entgegensetzen zu können, bräuchte es sogenannte Air-Burst-Munition. Diese wird in einer Art Schrotkugelhagel verschossen. Ob sich eine entsprechende Vorrichtung nachträglich in die M1 Abrams integrieren lässt, ist nicht bekannt. Und auch nicht, inwieweit sich die schweren Kampfpanzer durch Käfigpanzerungen schützen lassen. Diese bringen die Ukrainer auch an anderen Panzern an, damit die Geschosse von Panzerfäusten bestenfalls vor der Hülle detonieren. Die russischen Streitkräfte setzen dagegen wohl explizit geschulte „Panzerjäger“ mit schultergestützten Lenkwaffen ein. Was kaum zu verteidigen ist?
Fotos zufolge wurden einige M1 Abrams offenbar nachträglich mit sogenannten Flares ausgestattet, also Täuschkörpern, wie sie auch Kampfhubschrauber verwenden, die hitzesuchende Raketen ablenken sollen. Ob dies für die in die Ukraine geschickten Panzer gilt, muss abgewartet werden. Auch die Panzerung macht derweil mit Blick auf die Gefahr durch die Lancet-Drohne Sorgen. Denn: Beim M1A1 ist diese an der Turmfront angeblich nur 680 Millimeter dick.
Zum Vergleich: Die Verbundpanzerung des Leopard-2A6 soll im Turmbereich bei 850 bis 930 Millimetern liegen. Dennoch steuerten russische Drohnen-Piloten Twitter-Videos zufolge die Lancet direkt in den Turm der „Leos“ – und das offenbar erfolgreich.
Wie bei den deutschen Leopard-2 gilt auch bei den „Abrams“ der steile hintere Teil der Türme als Schwachstelle, weil dort keine Schrägen angebracht sind, an denen Granaten abprallen könnten. Wäre dies nicht schon ernüchternd genug, gilt der M1 Abrams als sehr wartungsintensiv, was etlichen Exemplaren beim Irak-Feldzug der Vereinigten Staaten Anfang des Jahrtausends zum Verhängnis wurde. Mancher Panzer blieb einfach liegen.
M1 Abrams für die Ukraine - US-Panzer braucht auf Schlachtfeld extrem viel Treibstoff
Dies war wohl auch so, weil ein einzelner M1 Abrams auf 100 Kilometer angeblich bis zu 700 Liter Treibstoff verbraucht. Noch ein Vergleich: Der Leopard-2A6 schafft dieselbe Distanz wohl mit rund 120 Litern Treibstoff. Die Ukrainer müssen also tunlichst eine passende Logistik zum Tanken integrieren, und das direkt an der Front. Während sie gleichzeitig auf gutes Wetter hoffen müssen.
Denn: Mit einem geschätzten Gewicht von 61,3 Tonnen sind die „Abrams“ regelrechte Riesen. Die weiten Ebenen der Ukraine sind indes bekannt dafür, sich ab Herbst bei viel Regen in Schlammlandschaften zu verwandeln, in denen ein Panzer auch mal stecken bleibt. Auch, wenn die Schlagkraft seiner deutschen 120-mm-Glattrohrkanone von Rheinmetall nicht zu vernachlässigen ist. Der M1 Abrams kommt wohl ein paar Monate zu spät. (pm)
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