Eskalation im Nahost-Konflikt

Libanon verbietet Hisbollah nach Raketen-Attacken auf Israel

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Rauchschwaden über einem Dorf im Südlibanon.
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Die Hisbollah feuerte erstmals seit November Raketen auf Haifa. Israel reagiert mit massiven Luftschlägen. Nun erklärt Beirut die Miliz für illegal.

Um ein Uhr früh in der Nacht auf Montag heulten in Haifa plötzlich die Sirenen, ganz ohne Vorwarnung. Der Luxus der Frühwarn-Meldung am Handy, an den sich die Menschen nach zwei Kriegstagen schon gewöhnt hatten, war den Bewohner:innen von Haifa diesmal nicht gegönnt. Kein „In ein paar Minuten musst du mit der Sirene rechnen“ – sondern sofort Alarm. Das bedeutet: Um in den Schutzraum zu gelangen, hat man eine Minute Zeit. In den weiter nördlich gelegenen Gebieten sogar nur eine halbe Minute.

Der Grund, warum es keine Vorwarnung gab, war bald klar. Nicht aus dem 2000 Kilometer entfernten Iran kamen die Raketen, sondern aus rund 60 Kilometern Entfernung, aus dem Süden des Libanon. Die pro-iranische Hisbollah-Miliz ist somit offiziell in den Krieg eingestiegen. Auf die sechs Raketen, die auf Haifa abgefeuert wurden und von der Raketenabwehr neutralisiert werden konnten, folgten noch einige Kampfdrohnen.

Es war der erste Hisbollah-Angriff auf Israel seit November 2024. Damals war ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und der Hisbollah in Kraft getreten, das eine Waffenruhe einläutete, die äußerst laut war. In den vergangenen Monaten griff Israels Armee fast täglich Ziele der Hisbollah im Libanon an, seit Januar nahm das Tempo der Luftschläge noch zu.

Die Folgen eines israelischen Angriffs in Beirut.

Israels Armee hatte sich darauf eingestellt, dass die Hisbollah früher oder später auf die Angriffe reagieren würde. Dass es so lange dauerte, bis die Hisbollah die ersten Raketen abfeuerte, verwunderte viele. Nicht einmal der Tod Ali Chameneis löste eine prompte Reaktion aus. Das ist ein Zeichen der Schwäche: Die Miliz sieht sich im Libanon unter großem Druck.

In Israels Sicherheitsapparat löst die erste Hisbollah-Attacke seit sechzehn Monaten paradoxerweise fast so etwas wie ein Aufatmen aus. „Israel hat darauf gewartet“, sagt Sima Shine, Expertin des Instituts für Nationale Sicherheitsstudien (INSS).

Der Schlag gibt Israel die Rechtfertigung für eine ausgeweitete Offensive. Die Hisbollah „wird einen hohen Preis zahlen“, kündigte Generalstabschef Eyal Zamir kurz nach dem Raketenbeschuss an.

In der Nacht führte die israelische Armee mehrere Angriffswellen in Beirut und im Südlibanon durch. Mindestens 31 Menschen kamen dabei laut offiziellen libanesischen Angaben zu Tode. In mehr als 50 Dörfern im Südlibanon wurden die Menschen von Israels Armee aufgefordert, sich aus der Schusslinie zu begeben – und in Richtung Norden des Landes zu evakuieren.

Am Montag dann erklärte die libanesische Regierung die militärischen Aktivitäten der vom Iran unterstützten Hisbollah-Miliz für illegal. Das kündigte Ministerpräsident Nauaf Salam in einer Fernsehansprache an. Damit verändert sich der Status der Gruppe von einer teilweise geduldeten Widerstandsbewegung zu einer verbotenen Organisation.

Die Hisbollah wurde im letzten Krieg zwar deutlich geschwächt. Rund 80 Prozent des Bestands an Raketen soll vernichtet worden sein. Laut israelischen Schätzungen hält die Miliz aber immer noch rund 25.000 Raketen. Eines der Ziele der israelischen Operation im Iran ist es, die Geldflüsse der Hisbollah auszutrocknen.

Wird es auch zu einer israelischen Bodenoffensive im Libanon kommen? Die Armee schließt das nicht aus. „Alle Optionen sind auf dem Tisch“, heißt es. „Die Zeit wird es zeigen“, sagt Sprecher Nadav Shoshani in einem Pressebriefing. Es gebe derzeit keine konkreten Maßnahmen, die eine unmittelbare Bodeninvasion bedeuten. Da sich die Auseinandersetzung mit der Hisbollah aber „über Wochen hinziehen“ könnte, „müssen wir auf alles vorbereitet sein“.

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