VonMartin Trotzschließen
Gibt es ein Geheimnis ewiger Liebe? Ich rufe meine Großeltern an und bitte sie um Tipps. Was folgt, ist knallhart offen.
Heino und seine Frau Hannelore waren mehr als vier Jahrzehnte lang unzertrennlich (anders als diese Leute, die merkten, dass sie ihre Partner:innen nicht wirklich lieben). Ganze 44 Jahre war der legendäre deutsche Schlagersänger mit seiner Frau verheiratet, bevor Hannelore am 8. November 2023 verstorben ist. Zum Abschied bei der Beisetzung in Kitzbühel legte Heino seiner Gattin für jedes einzelne der 44 Ehejahre eine Rose aufs Grab.
Kitschig? Auf keinen Fall. Für mich lebten Heino und Hannelore – bei aller Vorsicht, da ich ihre Ehe nicht kannte – eine rührende Liebesgeschichte. Zumindest nach allem, was über die beiden bekannt ist. Auch ich glaube an die ganz große Liebe und denke, dass es wichtige Werte, Eckpfeiler, ja vielleicht sogar ein Geheimrezept gibt. Da kann ein Paar, das lange zusammen ist, mit Sicherheit ein paar hilfreiche Insights liefern, oder? Skepsis und betretenes Schweigen bei meinen Kolleginnen in der Redaktion verunsicherten mich – bis ich meine Großeltern anrief.
61 Jahre verheiratet: Oma und Opa sprechen über ihre Beziehung
Gerda, 83, und Wolfgang, 85, lernten sich am 28. Oktober 1960 in Güstrow bei Rostock kennen und sind seit 61 Jahren verheiratet, also fast so lang wie die Daschners, die über falsche Romantik und Liebestöter sprechen. Besonders stolz sind meine Großeltern auf ihre drei Kinder, zehn Enkel und sieben (bald neun) Urenkel. Tja, was sind denn nun ihre Tipps, damit die Beziehung wie bei ihnen oder Heino und Hannelore richtig lange hält?
Meine Oma überlegt nicht lange: „Den anderen immer an der langen Leine laufen lassen, sich nicht so beengen. Jeder muss auch mal sein Ding machen dürfen. Es ist wichtig, dass man sich nicht so auf die Pelle rückt. Jeder muss seinen Freiraum haben.“ Man könne also nicht immer sagen ‚Das und das musst du jetzt machen‘, das funktioniere nicht. Was ich sofort für meinen Alltag mitnehme: „Beim Streiten auch mal schweigen und es klären, wenn man sich beruhigt hat – und eben nicht im Affekt handeln.“
Ich glaube, dass es in Leben und Partnerschaft nicht ohne ganz viel Humor geht. Und werde bestätigt: „Am Anfang hab’ ich gedacht: ‚Mit dem wirst du nicht alt‘“, erzählt meine Oma. „Und ja: Wir sind am Anfang beide auch mal um den Tisch gelaufen und haben uns gestritten.“ Das Kopfkino springt an. „Doch man wird lebenserfahrener, schlauer, der Zusammenhalt wird natürlich auch größer durch die Kinder“, erzählt Gerda und das leuchtet mir ein.
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Früher waren die Frauen ja auch gänzlich abhängig von ihren Männern? Meine Oma hält dagegen
Meine Kolleginnen in der Redaktion waren (zu Recht, wie ich finde) skeptisch, weil so lange Ehen oft auch durch alte Rollenbilder geprägt seien, die heute nicht mehr gelten (sollten). Zudem blieben mutmaßlich auch viele Paare zusammen, weil die Frau finanziell abhängig war. „Ganz früher war das ganz sicher so, dass Frauen eben auch abhängiger waren von ihren Männern, vor allem im Westen. Aber ich war immer selbstständig. Ich hab immer gearbeitet, ich hab immer mein Geld verdient“, kontert meine Oma, die als Mecklenburgerin aus der ehemaligen DDR stammt und als Chefkrankenschwester auf der Kinderstation im Krankenhaus gearbeitet hat.
Dann wird‘s romantisch – oder kitschig? „Wenn wir uns gestritten haben, wenn ich ihn dann angeguckt habe, hab‘ ich auch da immer eine gewisse Liebe empfunden. Das ist bis heute so geblieben.“ Wer es glaubt, wird selig? Ich glaube ihr, ist ja auch meine Oma. Die Chemie müsse stimmen, man müsse sich sehr mögen, sagt sie, und verliert ein vorsichtig kritisches Wort über die junge Generation: „Die Abwechslung heutzutage ist auch interessant, klar, dann guckt man um die Ecke und findet wieder jemanden interessant. Aber man darf vielleicht nicht immer alles gleich wegwerfen, wenn man jung ist.“ Ich behaupte: Die Hälfte der Menschen in jeder deutschen Millionenstadt fühlt sich gerade angesprochen.
Was macht „ewige Liebe“ aus? Heute würden wir wohl von Commitment sprechen
Ich selbst bin seit fünf Jahren vergeben, habe zwei kleine Kinder mit meiner Freundin. Der Alltag ist teilweise eisenhart, die Beziehung kommt wie bei allen anderen Eltern nicht selten zu kurz, menschliche Schwächen und Gefühle tun ihr Übriges.
Was sicher nicht alle Probleme löst, aber bestimmt eine gute Basis ausmachen kann: „Ich war mir immer sicher, dass er nicht mit einer anderen loszieht. Das Gefühl musst du haben, dass der eine beim anderen bleibt. Wenn du das Gefühl hast, dass du einen Hallodri hast, der mit jeder rummacht, ist es schwierig“, haut meine Oma ganz salopp raus und ich bin ein bisschen baff. Das war on point.
Mein Opa kommt zur Tür rein, er schaltet sich sofort ein. Für ihn ist klar, was eine lange und glückliche Partnerschaft ausmacht: „Liebe, Liebe, Liebe!“ Alles klar. „Wir streiten so gut wie nie“, meint er. Da bin ich natürlich skeptisch. „Jetzt nicht mehr“, ruft Oma aus dem Hintergrund. Das klingt ehrlich(er). „Wir haben uns ausgestritten“, rufen beide und lachen herzlich.
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Wolfgang will 114 werden, doch meine Oma hat keine Lust auf den „alten Knacker“
Noch ein letzter Tipp von Opa Wolfgang: „Immer die Nerven auf einem Haufen behalten.“ Was heißt das? „Wir verstehen uns gut und es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir bis ans Lebensende miteinander zusammenbleiben. Wir wollen mindestens 80 Jahre zusammenbleiben. Ich will 114 werden, weißt du ja, und dann bleiben wir auch weit über 80 Jahre zusammen.” Mein 85-jähriger Opa ist stolz auf sein Alter und versprüht Leidenschaft und Lebenslust, so viel steht fest. Doch meine Oma bremst ihn an dieser Stelle herrlich gekonnt aus: „Ich hab Opa gesagt: Dann muss er sich noch eine Frau suchen, wenn er 114 werden will. Das mache ich nicht mehr mit mit so einem alten Knacker.“
Der Satz verblüfft mich. Ich sag's ja: eine ordentliche Prise Humor... Mein Handy blinkt auf. Meine Oma schiebt nach unserem Telefonat noch etwas Ernstes hinterher via Messenger. Es sei wichtig, dass man sich auf den Partner und seine Treue verlassen kann. Gegenseitige Achtung und Rücksichtnahme seien das Fundament.
Klingt so theoretisch und leicht gesagt, doch die beiden füllen diese Werte seit über sechs Jahrzehnten mit Leben. Ich denke nach und finde, dass uns allen sicher eine gehörige Portion Respekt und Demut gut tut – vor Heino und Hannelore, Wolfgang und Gerda oder anderen Paaren, die seit Jahrzehnten glücklich waren oder (glücklicherweise) noch sind. Was jede:r Einzelne davon für sich mitnimmt, steht auf einem ganz anderen Blatt.
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