Wegen Ukraine-Krieg

Lindner für Öl- und Gasförderung in der Nordsee: „Werden wir noch brauchen“

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Finanzminister Christian Lindner (FDP) zieht die weitere Öl- und Gasförderung in der Nordsee wieder in Betracht. (Archivbild)
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Deutschland will unabhängiger von Erdgas aus Russland werden. Öl- und Gasförderung wieder eine Option. Zuspruch von Christian Lindner, der direkt Kritik erntet.

Berlin/Kiel – In der Ukraine herrscht weiterhin Krieg*. Geführt wird dieser von Russlands Präsident Wladimir Putin. Gegen das flächenmäßig größte Land der Erde wurden bereits zahlreiche Sanktionen ausgesprochen. Zudem ist Deutschland darum bemüht, künftig weitaus unabhängiger von Erdgas aus Russland zu sein. Alternativen gibt es einige, sie müssen sich jedoch bewähren und zeitnah zur Verfügung stehen. Die erneute Öl- und Gasförderung in der Nordsee ist weiter eine Option – findet auch Christian Lindner (FDP).

Öl- und Gasförderung in der Nordsee: Finanzminister Christian Lindner (FDP) spricht von „Übergangszeit“ wegen Ukraine-Krieg

Denn angesichts der Spannungen mit Russland hat der Bundesfinanzminister eine weitere Förderung von Öl und Gas in der Nordsee wieder ins Spiel gebracht. „Wir müssen aber auch die Festlegung des Koalitionsvertrages, in der Nordsee den Abbau von Öl und Gas nicht fortsetzen zu wollen, hinterfragen“, sagte Lindner dem „Tagesspiegel“ am Sonntag, 13. März 2022.

Christian Lindner gibt zu bedenken, dass dies „aufgrund der Entwicklung der Weltmarktpreise [...] wirtschaftlicher zu werden“ scheint. In diesem Kontext spricht der FDP-Chef und Bundesfinanzminister von einer „Übergangszeit“, die für Öl und Gas noch notwendig sei.

Wirtschaftsministerium offen für „zusätzliche Förderungen in der Nordsee“

Im Wirtschafts- und Klimaschutzministerium zeigt man sich in dieser Hinsicht grundsätzlich offen. „Man muss jetzt alles prüfen, dazu gehört ein Tempolimit und auch zusätzliche Förderungen in der Nordsee. In der jetzigen Situation muss jeder bereit sein, über seinen Schatten zu springen, damit die Versorgungssicherheit verbessert wird“, heißt es von Staatssekretär Oliver Krischer (Grüne) gegenüber der dpa.

Derzeit würde man prüfen, unter welchen Bedingungen eine Erhöhung der Öl- und Gasförderung in Deutschland kurzfristig überhaupt möglich sei. Krischer lässt aber bereits durchblicken, dass die zusätzlichen Mengen bis zum Anfang des nächsten Winters „überschaubar“ sein dürften.

Ampelkoalition hatte sich im Koalitionsvertrag festgelegt, keine neuen Genehmigungen für Öl- und Gasbohrungen zu erteilen – Ausnahmen deutsche Nord- und Ostsee

Gleichwohl würden aber auch Maßnahmen geprüft, „mit denen kurzfristige Verbrauchssenkungen erreicht werden können, allen voran ein Tempolimit“. Damit spielt Oliver Krischer auf die enorm gestiegenen Spritpreise an, bei denen in Deutschland erstmals sowohl für Benzin als auch für Diesel mehr als zwei Euro pro Liter gezahlt werden mussten. Und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kann selbst drei Euro pro Litel für Kraftstoff nicht ausschließen.

Doch zurück zur möglichen Förderung von Öl und Gas. Tatsächlich hatten sich SPD, Grüne und FDP im Rahmen ihres Koalitionsvertrags darauf verständigt, keine neuen Genehmigungen für Öl- und Gasbohrungen „jenseits der erteilten Rahmenbetriebserlaubnisse für die deutsche Nord- und Ostsee“ zu erteilen. Was also nun?

Greenpeace-Kritik an Christian Lindners Nordsee-Vorhaben zur Förderung von Öl und Gas

Die Überlegungen von Christian Lindner, der mittlerweile einen Tank-Rabatt forcieren soll, weist die Umweltschutzorganisation Greenpeace als „Nebelkerze“ zurück. Manfred Santen, Experte für Chemie, Plastik und Green-IT, verweist darauf, dass die Fördermengen von Öl in der Nordsee aktuell nur etwa zwei Prozent des Bedarfs in Deutschland abdecken.

Selbst wenn alle derzeit bekannten Ölvorkommen in der deutschen Nordsee erschlossen würden, könnten die dort vermuteten Mengen den aktuellen deutschen Ölbedarf gerade einmal etwa zwei Monate decken.

Manfred Santen, Experte für Chemie, Plastik und Green-IT bei Greenpeace

Hinzukommt, dass die Vorkommen im streng geschützten Nationalpark Wattenmeer lägen. Mögliche Unfälle im Rahmen der Bohrungen nach Öl und Gas hätten katastrophale Auswirkungen auf die Umwelt, Vertreter verschiedener Inseln hatten deswegen bereits Kritik am Vorhaben geäußert. Vielmehr bräuchte es laut Santen einen schnellen Ausbau von erneuerbaren Energien.

Unesco-Welterbe in der Nordsee könnte neuen Öl- und Gasbohrungen Strich durch die Rechnung machen

Kritik an den Äußerungen von Christian Lindner erfolgt aber auch durch den schleswig-holsteinischen Umwelt- und Energieminister Jan Philipp Albrecht (Grüne). „Herr Lindner sollte sich auf die Aufgaben konzentrieren, von denen er etwas versteht“, heißt es von ihm.

Neue Bohrungen durch das Unesco-Weltnaturerbe in der Nordsee sind mit dessen Schutz ohnehin gänzlich unvereinbar.

Den schleswig-holsteinischen Umwelt- und Energieminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) gegenüber der dpa

Von einem „viel zu späten Einstieg in neue Gas- und Ölforderungen“ hält Albrecht also nichts. Stattdessen nimmt er die Politik und damit die Bundesregierung in die Pflicht, „endlich bei der Elektrifizierung des Verkehrs in die Puschen [zu] kommen“. Denn dies sei nicht nur der einzige Weg, um die Klimaziele im Mobilitätssektor schnell zu erreichen.

Sondern auch die beste Antwort auf dauerhaft zu hohe Spritpreise. „Denn selbst wenn wir Versorgungssicherheit aus anderen Quellen realisieren: Fossile Energieträger werden nicht wieder auf frühere Preisniveaus zurückkehren“, heißt es zum Schluss von Schleswig-Holsteins Energieminister Albrecht. (mit Material der dpa) * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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