Hunderte Mitarbeiter auf Jobsuche

Lindners Niederlage: FDP-Fraktion erlebt traurigen Tag - schon zum zweiten Mal

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Die FDP schafft es zum zweiten Mal nicht, den Bundestag zu erreichen. Wie vor zwölf Jahren resultiert daraus die Zerschlagung der Fraktion.

Berlin – Mindestens zwei Tage lang konnten sie sich darauf vorbereiten. Aber eigentlich sogar wochen- und monatelang. An diesem Mittwoch tragen die Politiker der FDP ihre Bundestagsfraktion zu Grabe. Zum zweiten Mal nach 2013, nachdem diesmal mit dem schlechtesten Ergebnis der Parteigeschichte auf Bundesebene der Wiedereinzug ins Parlament deutlich verfehlt wurde.

Die Abwicklung geht in Form einer Liquidation vonstatten. Das heißt, dass jeder mit öffentlichen Mitteln angeschaffte Besitzposten registriert werden muss, um ihn anschließend versteigern zu können. Das gilt für Bürostühle, Tische, Schränke, Lampen oder Computer.

FDP fliegt aus Bundestag: 91 Abgeordnete und hunderte Mitarbeiter müssen auf Jobsuche gehen

Sie werden allesamt nicht mehr gebraucht. Es wird also kräftig ausgemistet. Und auch an der FDP-Spitze wird einmal durchgefegt. Parteichef Christian Lindner, Generalsekretär Marco Buschmann und die stellvertretende Vorsitzende Bettina Stark-Watzinger kündigten bereits ihren Rückzug von ihren Ämtern an. Also jenes Trio, das bis zum Ampel-Bruch im November prominente Posten im Kabinett von Bundeskanzler Olaf Scholz bekleidete.

Wie es für sie weitergeht, ist offen – wie bei so vielen anderen in der und rund um die Partei. Neben den 91 FDP-Abgeordneten, die ihre Mandate verloren haben, müssen sich auch hunderte Mitarbeiter auf die Suche nach neuen Jobs begeben. Darunter neben jenen, die bei der Fraktion beschäftigt sind, auch eine dreistellige Zahl an Personen, die direkt bei den einzelnen Abgeordneten angestellt sind.

Politische Karriere beendet? Christian Lindner und seine FDP sind nicht länger im Bundestag vertreten.

Die Fraktionsspitze um ihren Chef Christian Dürr will die Betroffenen bei der Jobsuche unterstützen, entsprechende Planungen sollen bereits angelaufen sein. „Wir müssen das jetzt erstmal verdauen“, sagte eine Mitarbeiterin des 47-Jährigen der Nachrichtenagentur Agence France-Presse (afp): „Klar ist natürlich, dass es für die Mitarbeiter, die sich während der Ampel, aber auch in den letzten Wochen mit sehr viel Herzblut engagiert haben, schwierig ist.“

FDP-Fraktion raus aus dem Bundestag: Helfen Kontakte zu Unternehmen und Verbänden?

Zu Wort kommt auch der Büroleiter eines führenden FDP-Fraktionsmitglieds, der schon die Liquidation 2013 mitgemacht hat. Er hebt hervor, dass die FDP-Mitarbeiter von den engen Kontakten der Partei zu Unternehmen und Wirtschaftsverbänden profitieren könnten. So bestehe die Option, auf die bestehenden Netzwerke zurückzugreifen.

Darauf dürften auch einige Politiker hoffen. So sagte die seit 2017 für die FDP im Bundestag sitzende Renata Alt laut afp: „Ich werde ohne ein Mandat sicher einem Beruf nachgehen müssen, so wie vor meinem Bundestagsmandat.“ Noch wolle sie sich nicht festlegen, in welche Richtung es gehe.

Diese bekannten Politiker sitzen jetzt nicht mehr im Bundestag

Christian Lindner
Die FDP ist an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert und scheidet damit aus dem Bundestag aus. Noch 2017 hatte Parteichef Christian Lindner sie mit neuem Image und einem zweistelligen Ergebnis nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition wieder ins Parlament geführt – doch die Rechnung ging dieses Mal nach Ampel-Bruch und Unzufriedenheit der Wählerinnen und Wähler mit der Partei nicht auf.  © imago
Johannes Vogel, Fraktionsgeschäftsführer der FDP
Dem Wahlergebnis fiel damit auch Johannes Vogel zum Opfer. Er war zuletzt Fraktionsgeschäftsführer der FDP im Bundestag sowie stellvertretender Bundesvorsitzender. Durch das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde zieht auch er nicht wieder in den Bundestag ein.  © Rabea Gruber/dpa
FDP-Politikerin und frühere JuLi-Chefin Ria Schröder
Ria Schröder gilt als eine der personellen Hoffnungen der Freien Demokraten. Die Juristin war Vorsitzende der Jugendbewegung Junge Liberale und ist Mitglied des FDP-Bundesvorstands.  © Hannes P. Albert/dpa
Früherer FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai
Bijan Djir-Sarai saß ebenfalls für die FDP im Bundestag und war bis November 2024 ihr Generalsekretär. Nach dem Ampel-Bruch trat er von der Position zurück.  © Sebastian Gollnow/dpa
Linda Teuteberg, FDP-Spitzenkandidatin in Brandenburg
Linda Teuteberg hatte viel vor mit der FDP, als sie 2019 Generalsekretärin wurde. Von diesem Amt entfernte Christian Lindner sie jedoch zugunsten Volker Wissings schon vor dem Ende ihrer Amtszeit wegen Streitigkeiten. Auch sie ist durch das schlechte Abschneiden der FDP bei der Bundestagswahl 2025 nicht mehr im Bundestag vertreten. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Wolfgang Kubicki (FDP)
Auch den stellvertretenden Bundesvorsitzenden und FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki werden wir in dieser Legislaturperiode wegen des Scheiterns an der Fünf-Prozent-Hürde nicht im Deutschen Bundestag sehen.  © Michael Kappeler/dpa
Christian Dürr, Fraktionschef der FDP im Bundestag
Christian Dürr ist Mitglied im Bundesvorstand der FDP und war zuletzt Fraktionsvorsitzender der Liberalen im Bundestag. Auch er scheidet mit seiner Partei wegen ihres schlechten Wahlergebnisses aus dem Bundestag aus.  © imago
Marco Buschmann, FDP
Marco Buschmann war in der Ampel-Koalition als Bundesjustizminister tätig. Mit dem Bruch der Ampel gab er das Amt jedoch an Volker Wissing ab, der nach dem Zerwürfnis der Koalition aus der Partei austrat.  © Michael Kappeler/dpa
Volker Wissing, ehemals FDP und mittlerweile parteilos
Volker Wissing, in der Ampel-Koalition Verkehrsminister und später zusätzlich Justizminister, ließ zwar nach dem Scheitern der Ampel seine Partei hinter sich. In den neuen Bundestag zieht der jetzt parteilose Rechtsanwalt aber trotzdem nicht ein. Er möchte sich aus der Politik zurückziehen und in seiner Kanzlei arbeiten. © Hannes P Albert/dpa
Jens Teutrine, früherer Chef der Jungen Liberalen
Jens Teutrine war wie Ria Schröder auch Chef der Jungen Liberalen, bevor er in den Bundestag einzog. Mit dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag endet auch sein Mandat. © Serhat Kocak/dpa
Bettina Stark-Watzinger, ehemalige FDP-Bundesbildungsministerin
Ein weiteres prominentes Gesicht der Ampel-Koalition verlässt den Bundestag: Bettina Stark-Watzinger, die während der letzten Legislaturperiode Bundesbildungsministerin war.  © Christine Schultze/dpa
Sahra Wagenknecht, BSW-Gründerin und frühere Linken-Chefin
Politisch eklatant unterschiedlich, eint sie doch dasselbe Schicksal: Wie die FDP scheiterte auch das BSW an der Fünf-Prozent-Hürde – und zwar äußerst knapp. Einst Linken-Chefin, gründete Sahra Wagenknecht Anfang 2024 das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Trotz des aus dem Stand starken Abschneidens bei den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg zieht das Bündnis nach der Bundestagswahl knapp nicht ins Parlament ein.  © Frank Ossenbrink/imago
Amira Mohamed Ali, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Amira Mohamed Ali war einst Abgeordnete der Linken, gründete jedoch zusammen mit Sahra Wagenknecht das BSW. Sie ist Parteivorsitzende – und nicht mehr im Bundestag. © Christoph Hardt/imago
Sevim Dagdelen, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Auch Sevim Dagdelen entschied sich zum Parteiaustritt aus der Linken und zum Eintritt ins BSW, das bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte und somit nicht im Bundestag vertreten ist.  © imago
Grünen-Politiker Cem Özdemir
Die Grünen verlieren nach der Bundestagswahl 2025 sogar ein Ministergesicht: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir wird nicht mehr im Parlament vertreten sein. Jedoch entschied er das bereits selbst lange vor der Wahl. Er will der Bundespolitik den Rücken kehren und strebt in seiner Heimat Baden-Württemberg das Amt des Ministerpräsidenten an. © Hannes P Albert/dpa
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar dürfte über die Grenzen Berlins hinaus nicht besonders bekannt gewesen sein – bis Ende 2024 Vorwürfe der Belästigung gegen ihn laut wurden. Eigentlich wollte er in seinem Wahlkreis Berlin-Pankow wieder zur Bundestagswahl antreten, jedoch entschied sich der Kreisverband bei einer erneuten Abstimmung stattdessen für Julia Schneider, die nun in den Bundestag einzieht. Die Vorwürfe hatten sich im Übrigen als falsch erwiesen.  © imago
Grünen-Politikerin Tessa Ganserer
Tessa Ganserer ist eine der bekanntesten Trans*-Politikerinnen Deutschlands. Im Bundestag setzte sich die Grüne vor allem für die Rechte queerer Menschen ein. Dass sie in der 21. Wahlperiode nicht mehr im Parlament sitzt, war ihre eigene Entscheidung. Sie trat nicht mehr als Kandidatin an. Wegen des „menschenverachtenden Hasses“, der ihrer Person entgegengebracht worden sei, wolle sie ihrem Leben noch einmal eine andere Richtung geben. © Dwi Anoraganingrum/imago
Grünen-Politikerin Renate Künast
Auch die prominente Grünen-Politikerin Renate Künast wird nicht mehr im neuen Bundestag vertreten sein – ebenfalls aus freien Stücken. Sie wollte nicht mehr antreten, „um Platz für Jüngere zu machen“, hatte Künast im Sommer 2024 erklärt. Vorher war sie bereits Landwirtschaftsministerin, Grünen-Fraktionschefin und Parteivorsitzende gewesen.  © Christoph Soeder/dpa
SPD-Politikerin Michelle Müntefering
Auch bei der SPD verlassen bekannte Gesichter den Bundestag. Michelle Müntefering (SPD), Ehefrau von Franz Müntefering, sitzt ebenfalls nicht mehr im Parlament. Das war jedoch schon vor der Bundestagswahl klar: Die SPD hatte nicht mehr sie, sondern Hendrik Bollmann für ihren Wahlkreis Herne - Bochum II nominiert. © M. Popow/imago
SPD-Politiker und ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, Michael Müller
Michael Müller (SPD) war einst Regierender Bürgermeister von Berlin und zog 2021 in den Bundestag ein. Damals hatte er in seinem Wahlkreis Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf die meisten Stimmen bekommen, diesmal landete er hinter Lukas Krieger (CDU) und Lisa Paus (Grüne) nur auf dem dritten Platz und verpasste damit sein Ticket ins Parlament.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert
SPD-Promi Kevin Kühnert hatte eine steile politische Karriere hingelegt. Er war Vorsitzender der SPD-Jugendorganisation Jusos, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und seit 2021 Generalsekretär. Von dem Amt trat er 2024 zurück und kündigte an, sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Politik zurückzuziehen und nicht mehr für den Bundestag kandidieren zu wollen.  © Michael Kappeler/dpa
SPD-Politiker Michael Roth
Der hessische SPD-Politiker Michael Roth entschied sich ebenfalls weit vor der Wahl, nicht mehr für den Bundestag anzutreten. In seinem Fall spielte auch sein Einsatz für die Ukraine eine Rolle, der nicht allen in der Partei gefallen habe, und er habe sich mit der Zeit von den Sozialdemokraten und dem Politikbetrieb entfremdet. © imago
CDU-Politiker Helge Braun
Trotz ihres Wahlsiegs verliert auch die Union ein bekanntes Gesicht: Helge Braun war unter Angela Merkel Kanzleramtschef. Ende 2024 kündigte der Arzt aus Gießen an, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen.  © Kay Nietfeld/dpa
CSU-Politiker Peter Ramsauer
Auch aus der Schwesterpartei CSU verschwindet eine bekannte Persönlichkeit: Der frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer scheidet aus dem Bundestag aus – auf eigenen Wunsch war er nicht mehr angetreten. © Michael Kappeler/dpa
Susanne Hennig-Wellsow, Die Linke
Auch die Linke verbüßt trotz überraschend starkem Wahlergebnis Abgänge: unter anderem Susanne Hennig-Wellsow. Die frühere Bundesparteivorsitzende ist nicht mehr zur Bundestagswahl angetreten. Sie wollte sich beruflich etwas Neuem widmen. © Frederic Kern/imago

Die studierte Chemie-Ingenieurin war als Vorsitzende des Menschenrechts-Ausschusses oft auf Dienstreisen. Im November fungierte sie in den USA als Wahlbeobachterin und erlebte folglich die politische Wiederauferstehung von Donald Trump aus nächster Nähe mit. Klar ist für Alt, dass sie sich weiter politisch für die FDP engagieren will.

Bundestagswahl-Ergebnisse der FDP seit der Wiedervereinigung

1990: 11 Prozent

1994: 6,9 Prozent

1998: 6,2 Prozent

2002: 7,4 Prozent

2005: 9,8 Prozent

2009: 14,6 Prozent

2013: 4,8 Prozent

2017: 10,7 Prozent

2021: 11,4 Prozent

2025: 4,3 Prozent

FDP-Fraktion vor Liquidation: „Wir werden in den Bundestag zurückkehren“

Innerhalb der Fraktion soll die Stimmung traurig, aber auch gefasst sein. Aus der Erfahrung der Vergangenheit wird auch Mut geschöpft. Denn nur vier Jahre nach dem Bundestags-Aus kehrte die FDP 2017 mit einem zweistelligen Ergebnis zurück und galt 2021 schließlich gemeinsam mit den Grünen als Kanzler-Macher.

„Die FDP hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie Krisen meistern kann – und das wird auch diesmal so sein“, zeigt sich Fraktionsvize Christoph Meyer optimistisch und prognostiziert: „Wir werden in den Bundestag zurückkehren, denn wir können auf ein intaktes Fundament zurückgreifen.“

Raus ohne Applaus: FDP-Chef Christian Lindner (r.) und -Fraktionschef Christian Dürr müssen den Bundestag verlassen.

Noch ist das aber Zukunftsmusik. Die Gegenwart gehört einem Chefliquidator. Dieser soll bei der Sitzung der scheidenden Fraktion am Mittwochnachmittag eingesetzt werden und die Fraktion rechtskonform abwickeln.

Fortan stehen der FDP und ihrer „Fraktion in Liquidation“ – so lautet der offizielle Rechtsstatus – keine Mittel mehr zu. Für die Abwicklung kann sie also nur einsetzen, was noch übrig ist. Beim ersten Mal erstreckte sich der Prozess der Versteigerung über Jahre. Diesmal geht die Fraktionsspitze davon aus, dass das Abwicklungsverfahren mindestens anderthalb Jahre in Anspruch nehmen wird. An dessen Ende dürfte sich also bereits abzeichnen, ob den offenbar vor einem Machtkampf stehenden Liberalen nach Jahren voller Wahldebakel der Umschwung gelingt. (mg, mit afp)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Jens Schicke

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