VonPatrick Mayerschließen
Die Bundeswehr übt in Litauen den Ernstfall. Von Estland bis in die Slowakei - wo wie viele deutsche Soldaten an der Nato-Ostflanke sind. Und welche Aufgaben sie zur Abschreckung Russlands haben.
München/Rukla/Ämari - Es ist wieder so weit: Soldaten der deutschen Bundeswehr trainieren mit dem Bataillon der enhanced Forward Presence (eFP) in Litauen den Ernstfall. Die Nato-Übung, die Ende Oktober im Baltikum läuft, nennt sich „Iron Wolf II“. Das Militärmanöver findet jedes Jahr statt, hat vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs aber freilich eine gegenwärtige Bedeutung zur Abschreckung Russlands.
Ukraine-Krieg: 40.000 Nato-Soldaten an der Ostflanke zur Abschreckung Russlands
Nach dem völkerrechtswidrigen Überfall Moskaus auf seinen westlichen Nachbarn, wurden mittlerweile 40.000 Soldaten des transatlantischen Verteidigungsbündnisses, unter anderem Teile der Nato Response Force (NRF), an die Ostflanke zwischen dem Baltikum und Rumänien verlegt.
Darunter sind unseren Recherchen zufolge aktuell auch mehr als 1500 deutsche Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Merkur.de erklärt, wo sie stationiert sind, was ihre Aufgaben sind, und woher sie kommen.
Bundeswehr in Estland: Luftwaffe überwacht Nato-Luftraum über dem Baltikum
Estland: Im Rahmen der Nato überwachen seit August Soldaten aus Deutschland den Luftraum über dem Baltikum. Konkret: Vier Eurofighter vom taktischen Luftwaffengeschwader 71 „Richthofen“ sind in Ämari stationiert. Der Militärflugplatz liegt rund 45 Kilometer westlich der Hauptstadt Tallinn (rund 430.000 Einwohner), direkt an der Ostsee. Dazukommt ein Eurofighter-Kampfjet vom Militärflugplatz Nörvenich bei Köln.
Im Video: Kompakt - Die wichtigsten News zum Russland-Ukraine-Krieg
Die deutschen Piloten sollen für die Luftsicherheit der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sorgen. Der Einsatz sei im Rahmen der Nato Routine, hieß es von der Luftwaffe.
„Wir patrouillieren und bei einer Luftraumverletzung gibt es einen Alarmstart“, erklärte ein Luftwaffen-Sprecher. Mit den Kampfjets wurden im Hochsommer insgesamt 140 Soldatinnen und Soldaten nach Estland verlegt. In der Regel seien sie zwei Monate im Einsatz und würden dann ausgetauscht, schilderte der Luftwaffen-Sprecher weiter.
Bundeswehr in Litauen: Deutsche Leopard 2 und Panzerhaubitzen 2000 unweit der Grenze zu Belarus
Litauen: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der litauische Präsident Gitanas Nausėda hatten im Juni vereinbart, dass die Bundeswehr eine internationale Kampftruppenbrigade leitet, die als vorgeschobener Gefechtsstand dient. Bereits seit 2017 gibt es als Reaktion auf die russische Annexion der Krim die sogenannte multinationale „Battlegroup Lithuania“ unter Kommando der Bundeswehr - in Bataillonsgröße. Gemeinhin wird dieser Kampfverband seit seiner Aufstellung auch als „Stolperdraht“ bei einer möglichen russischen Invasion bezeichnet.
Derzeit hat Oberstleutnant Marco Maulbecker, Kommandeur des Panzerbataillons 203 aus Augustdorf (NRW), das Kommando über die rund 1.600 Frauen und Männer starke Battlegroup (Nato-Bezeichnung). Dem Bataillon gehören neben Truppen der Bundeswehr Soldatinnen und Soldaten aus den Niederlanden, aus Norwegen, Belgien, Tschechien und Luxemburg an. Den Großteil stellt Deutschland mit 1000 bis 1200, die Bundeswehr koordiniert zudem weitgehend die Logistik. Die Nato-Battlegroup arbeitet eng mit der litauischen Iron Wolf-Brigade von Oberst Aurelijus Motiejūnas zusammen, mit der sie aktuell beschriebene Übung abhält.
Neben dem Bataillon für die enhanced Forward Presence (eFP) soll die Bundeswehr künftig den Kern der schnell verlegbaren Brigade für Litauen von 3000 bis 5000 Soldaten stellen. Für diese Aufgabe ist die Panzergrenadierbrigade 41 „Vorpommern“ aus Neubrandenburg vorgesehen, die einen Teil ihrer Soldaten in Litauen stationieren wird, große Teil der Waffensysteme und Mannstärke aber in Deutschland bereithält. An der aktuellen Übung sind indes auch Soldaten und Militärfahrzeuge des Jägerbataillons 413 Torgelow (Mecklenburg-Vorpommern) beteiligt.
Schwer nachvollziehbar ist aktuell, wie viele deutsche Panzer und Artilleriesysteme in Litauen bereitstehen. Im Februar wurden kurz vor Kriegsausbruch sechs Panzerhaubitzen 2000 auf den Stützpunkt in Rukla verlegt, der nur rund 110 Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt liegt. 2017 hatte Deutschland 20 Schützenpanzer vom Typ Marder und sechs Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 nach Litauen verlegt. Jüngst kam das leichte Flugabwehrsystem „Ozelot“ hinzu.
Bundeswehr in der Slowakei: Gemeinsamer Patriot-Flugabwehrverband mit den Niederlanden
Slowakei: Bis Ende Oktober wurden rund 300 Soldatinnen und Soldaten der Luftwaffe als Teil des deutsch-niederländischen Flugabwehrraketenverbandes (FlaRakVbd eVAenhanced Vigilance Activities SVK) in die Slowakei geschickt, teilte die Bundeswehr mit, zur „Steigerung der Luftverteidigungsfähigkeit“.
Die Soldaten bedienen sogenannte Flugabwehrsysteme „Patriot“ mit automatischer Freund-Feind-Erkennung. Das „Patriot“-System kann mit seinem Radar bis zu 100 Luftziele gleichzeitig verfolgen und zeitgleich bis zu fünf militärische Ziele bekämpfen. Es besteht aus ...
- einem Feuerleitstand, aus dem der Feuerkampf geführt wird (Bundeswehr-Sprech),
- einem Multifunktionsradargerät auf einem LKW,
- bis zu acht Startgeräten auf ebenso vielen LKW, die jeweils bis zu acht Lenkflugkörper fassen,
- und einem Richtfunktrupp mit Generatoren sowie Antennenmastanlage.
Die Soldaten sind als Teil der multinationalen „Battlegroup Slovakia“ unter tschechischem Kommando am Standort Sliač im Zentrum der Slowakei mit ihren rund 5,5 Millionen Einwohnern stationiert. (pm)


