Keine weißen Männer ganz vorne

„Brutal“: Liz Truss baut Kabinett mit harter Hand um – Ex-Staatssekretär konfrontiert sie persönlich

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Regiert sie bald mit einem „Freundes-Kabinett“? Die neue britische Premierministerin Liz Truss
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Noch nie war das Kabinett in London so divers wie unter Liz Truss - aber bildet es auch viele Standpunkte ab? Es gibt Skeptiker.

London - Boris Johnson ist zurückgetreten, Liz Truss ist „die Neue“. Was kann Großbritannien von seiner frisch ernannten Premierministerin erwarten? Bei der Aufstellung ihres neuen Kabinetts hat Truss am Dienstag (6. September) jedenfalls schon einmal kräftig hingelangt. Die sonst nüchterne Nachrichtenagentur PA nannte die Regierungsumbildung „brutal“.

Erstmals ist nun kein weißer Mann in einem der „vier großen Staatsämter“, Premierminister, Finanzen, Außen- und Innenministerium. Truss ernannte zugleich aber fast ausschließlich Vertraute, Loyalisten und Vertreter des rechten Flügels ihrer Konservativen Partei und entließ alle Unterstützer ihres parteiinternen Widersachers Rishi Sunak - Beobachter merkten an, dass Truss kein Kabinett der Einheit schmiedet.

Liz Truss baut Kabinett um: Tories reagieren verhalten

Finanzminister Kwasi Kwarteng, Außenminister James Cleverly und Innenministerin Suella Braverman stehen der Konservativen Truss politisch nahe. Kwarteng wird als erster Schwarzer für die Finanzen der Regierung in London zuständig sein, Cleverly ist der erste schwarze Außenminister Großbritanniens. Die indischstämmige Braverman gilt als innenpolitische Hardlinerin. Die bisherige Arbeitsministerin Therese Coffey gilt als engste Verbündete von Truss, übernimmt das Gesundheitsministerium und wird zugleich Vizeregierungschefin.

Alle drei Minister sind bisher als glühende Gegner der als „woke“ bezeichneten neuen Sensibilität im Umgang mit Rassismus und anderen Formen von Diskriminierung aufgetreten. Kwarteng, Cleverly und Braverman unterstützen die umstrittenen Pläne Londons, in Großbritannien ankommende Migranten nach Ruanda abzuschieben.

Die oppositionelle Labour-Partei zollte Truss für die diverse Regierungsspitze Respekt - kritisierte aber die politische Ausrichtung der neuen Regierung. „Es geht darum, woher du kommst - aber auch darum, was du tust“, sagte Labour-Vizechefin Angela Rayner im Radiosender BBC.

Ehefrau von Ex-Staatssekretär wütet gegen Truss: „System stinkt“

Unterdessen hat die Ehefrau des entlassenen Staatssekretärs Johnny Mercer für Aufsehen gesorgt. „Der beste Mensch, den ich kenne, wurde von der schwachsinnigen Liz Truss gefeuert“, twitterte Felicitiy Cornelius-Mercer. „Dieses System stinkt und behandelt Menschen entsetzlich.“ Mercer diente drei Mal mit den britischen Truppen in Afghanistan und war der erste Staatssekretär, der hauptsächlich für Veteranen zuständig war. Der 41-Jährige zeigte sich enttäuscht, äußerte sich aber deutlich zurückhaltender als seine Frau.

Deren Schilderung zufolge fragte der konservative Politiker die neue Regierungschefin Truss: „Warum würdest Du das tun wollen, wer kann diese Rolle besser erledigen als ich, welcher Deiner Kumpel bekommt den Job, Du hast doch eine Leistungsgesellschaft versprochen.“ Darauf habe Truss geantwortet: „Ich weiß es nicht.“ Später teilte Downing Street mit, dass Staatssekretär James Heappey zusätzlich Mercers Aufgaben übernimmt. (dpa/frs)

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