Exklusives Interview

Neubauer attackiert Scholz: Kein Klimakanzler, sondern „fossiler Kanzler“

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Klimaaktivistin Luisa Neubauer über die Versäumnisse der Ampel, Strategien gegen die Ohnmacht angesichts der Krise und was sie von ihrer Großmutter gelernt hat.

Frau Neubauer, haben die Grünen jetzt die Klimabewegung verraten?

Die Grünen machen ja nicht Klimapolitik der Bewegung zuliebe, sondern der Welt zuliebe. Das Ganze herunterzubrechen auf ein Problem zwischen den Grünen und „Fridays for Future“, verpasst den Dreh- und Angelpunkt: dass es vielmehr ein Konflikt ist zwischen Politik und Wirklichkeit.

Sie sprechen von Politik der Welt zuliebe. Die Grünen haben auf ihrem Parteitag am vergangenen Wochenende gegen ein Moratorium für Lützerath gestimmt.

Dass die Basis vor so eine Entscheidung gestellt wurde, war in meinen Augen schon falsch. Robert Habeck und Mona Neubaur hatten mit dem Deal ja eigenständig Fakten geschaffen. Für Lützerath, also für Klimagerechtigkeit, zu stimmen, hieß also für die Delegierten, der eigenen Parteiführung in den Rücken zu fallen. Das knappe Abstimmungsergebnis zeigt aber auch, dass die Partei nicht geschlossen war.

Luisa Neubauer im Interview: Grüne sollen hart bleiben

Die Vorsitzende Ricarda Lang hat sich verteidigt: Vor die Wahl gestellt, etwas zu tun, das nicht perfekt sei, oder gar nichts zu tun, werde man sich für das nicht perfekte Handeln entscheiden. Können Sie das nachvollziehen?

Ich verstehe, dass das für die Grünen eine komplizierte politische Situation ist. Ich finde aber nicht, dass es irgendwem hilft, weitreichende politische Entscheidungen zu treffen ohne ein wissenschaftliches Fundament.

Sie beziehen sich auf die Einigung mit RWE über den Kohleausstieg in NRW bis 2030.

Ja. Dort wurde argumentiert, dass 280 Millionen Tonnen CO2 damit eingespart werden. Diese Zahl stammt offenbar von RWE. Und, so sagen es unabhängige Berechnungen, würde durch den vorgezogenen Ausstieg 2030, im Zweifel überhaupt kein CO2 eingespart. Das sich die Grünen darauf eingelassen haben, ist ein großer Fehler, auch für das politische Vertrauen. Dass Christian Lindner erfolgreicher das Tempolimit beschützt als die Grünen Lützerath, das kann man auch niemandem erklären.

Luisa Neubauer beim Bundesparteitag der Grünen.

Aber müssen die Grünen nicht solche Kompromisse schließen, solange sie an der Regierung sind?

Um einen Kompromiss schließen zu können, braucht es Verhandlungsmasse. Das Pariser Klimaabkommen und die 1,5-Grad-Grenze sind aber schon verhandelt. Mit dem sogenannten Kompromiss sind sie aber zur Verhandlungsmasse geworden. Außerdem wird versucht, das Dorf Lützerath als Symbol zu degradieren, zu einem Kuscheltier der Klimabewegung. Lützerath steht aber auf Millionen Tonnen CO2, die nicht mehr abgebaggert werden dürfen.

„Fridays for Future“ will 100 Milliarden Euro fürs Klima

„Fridays for Future“-Aktivist:innen treffen sich Ende Oktober mit Christian Lindner, um über ein 100-Milliarden-Sondervermögen für den Klimaschutz zu sprechen. Wie kam es zu dem Treffen?

Wir haben unsere Forderung nach einem Sondervermögen für das Klima von 100 Milliarden Euro vor etwa einem Monat aufgestellt. Wir haben dann auch gleich Gespräche bei Christian Lindner, Robert Habeck und Olaf Scholz angefragt. Christian Lindner hat zugesagt.

Haben Herr Habeck und Herr Scholz auch zugesagt?

Herr Lindner war der Erste, wir werden bei Herr Habeck und Herr Scholz nachhaken.

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Was erwarten Sie von dem Treffen?

Der Bundesparteitag der Grünen hat die Forderung nach 100 Milliarden für das Klima aufgenommen. Die Idee, dass man 2023 keine neuen Schulden machen kann, ist nicht mehr haltbar. Deshalb freuen wir uns auf ein konstruktives Treffen.

Olaf Scholz ein „fossiler Kanzler“

Bundeskanzler Olaf Scholz hat in dieser Woche bei der Atomdebatte gezeigt, dass er durchaus mal ein Machtwort sprechen kann. Was erwarten Sie von ihm im Klimaschutz?

Er hat sich Klimakanzler auf seine Plakate schreiben lassen. Wir erleben allerdings einen fossilen Kanzler. Scholz nickt es ab, dass endlos neue LNG-Infrastruktur gebaut wird, obwohl wir damit unsere Klimaziele nicht einhalten können. Er fährt zu den größten Diktaturen und bittet um neues Öl zu jedem Preis. Wir werden fossile Krisen und fossile Kriege langfristig nicht mit fossilen Energien lösen. Dass wir in diesem Winter provisorische Lösungen brauchen, wissen wir, aber wir dürfen nicht in neue Abhängigkeiten abrutschen.

Wie bewerten Sie die Klimabilanz der Ampel bisher insgesamt?

Viele Menschen lassen sich gerade davon beruhigen, dass einzelne Sachen gut laufen. Das stellt auch niemand infrage. Man sieht, dass etwa am Ausbau der Erneuerbaren gearbeitet wird, am Moorschutz, am Tierschutz. In dieser Zeit gibt es aber keine Entscheidung, die nicht irgendwelche ökologischen Konsequenzen hat – in der Verkehrspolitik, in der Baupolitik, in der Gesundheitspolitik. Es wäre der Job der Regierung dafür zu sorgen, dass sich jede Entscheidung ökologisch behaupten kann. Das heißt aber auch, dass ein Kanzler nicht erst von seiner Macht Gebrauch macht, nachdem sich die beiden anderen Partner monatelang wegen ein paar Monaten Atomkraft die Köpfe eingeschlagen haben.

Sie haben auch einen Schutzwall vor der rechten Anti-Klima-Front gefordert. Was befürchten Sie?

Es gibt die Tendenz zu sagen: In dieser Koalition geht das vielleicht nicht, da müssen wir auf eine andere warten. Es wird aber nie eine Koalition geben, in der es einfacher ist. Wenn wir sehen, in welche Richtung Friedrich Merz und seine Kollegen gerade rhetorisch abrutschen, wollen wir uns nicht ausmalen, wie das aussieht, wenn er an die Regierung käme. Das heißt, dass in den nächsten drei Jahren auch Vorarbeit geleistet werden muss.

Neubauer hat Buch mit Großmutter geschrieben

Wie genau?

Es muss mehr in Mechanismen gedacht werden. Welche Regeln sorgen dafür, dass die Klimaziele unter anderen Regierungen bestehen bleiben, auch wenn diese sagen sollten, die Klimakrise sei doch kein so großes Problem? Dafür sind etwa feste, jährliche Sektorziele wichtig.

Zur Person

Luisa Neubauer (26) ist Klimaaktivistin und das bekannteste Gesicht der „Fridays for Future“-Bewegung in Deutschland. Die Geografiestudentin lebt in Göttingen und Berlin.

„Gegen die Ohnmacht“ heißt das Buch, das sie mit ihrer Großmutter Dagmar Reemtsma, geboren 1933, geschrieben hat. Es ist bei Klett-Cotta erschienen und kostet 24 Euro.

Sie haben ein Buch zusammen mit Ihrer Großmutter geschrieben. Was habe Sie von ihr gelernt?

Meine Großmutter geht viel eher davon aus, dass Menschen, die schlechte Entscheidungen in der Klimapolitik treffen, schlecht informiert sind. Das heißt, sie geht wahnsinnig wohlwollend an Politikerinnen, aber auch an Mitbürgerinnen heran. Sie praktiziert das, was man Vertrauensvorschuss nennt. Das ist ein solch bereicherndes Gegenmodell zum allgegenwärtigen Zynismus in der Klimakrise.

Doch gerade aus der Boomer-Generation gibt es viele, denen es sehr schwer zu fallen scheint, sich eine andere Lebensweise vorzustellen. Erleben Sie das Thema vor allem als Generationenkonflikt?

Nicht unbedingt. Was meine Großmutter und ich vor allem besprechen, ist die Lethargie in Sachen Weltbewusstsein. Jede Generation ist davon betroffen und jede kann sich dagegen wehren. Die Boomer haben in Sachen Klima sicherlich den schlechtesten Ruf, aber auch das lässt sich ja ändern.

Jeder Mensch kann sich am Klima-Protest beteiligen

Welche Lethargie meinen Sie?

Es gibt die Tendenz, das Aktivistische auf einen jugendlichen Zeitraum zu beschränken. Es geht aber darum, dauerhaft eine aktivistische Haltung zur Welt zu finden und sich immer wieder zu fragen: Trage ich dazu bei, dass alles so weitergeht oder sogar immer schlechter wird? Mit Gruppen wie „Azubis for Future“, „Architects for Future“ oder „Pädagogen for Future“ wollen wir zeigen, dass es in jedem Lebensbereich und in jeder Lebensphase die Möglichkeit gibt, die Welt nicht zu verdrängen, sondern zu umarmen.

Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit

Olaf Scholz spricht zur Energiepolitik.
Olaf Scholz (SPD) ist der neunte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Politisch wird er dem konservativen Flügel der Sozialdemokraten zugerechnet. Lange Zeit galt er als reiner „Scholzomat“ – ein Spitzname, den er sich wegen seiner mechanisch wirkenden Sprechblasen in seiner Zeit als Generalsekretär unter Kanzler Gerhard Schröder verdiente. Kurz nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine kündigte er in einer Sondersitzung des deutschen Bundestages einen Wandel der deutschen Politik an: „Wir erleben eine Zeitenwende.“  © Britta Pedersen/dpa
Robert Habeck auf Deutschlandtour.
Robert Habeck ist Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz im Kabinett Scholz sowie Stellvertreter des Kanzlers. Vom 27. Januar 2018 bis zum 14. Februar 2022 hatte er zusammen mit Annalena Baerbock den Bundesvorsitz der Partei Bündnis 90/Die Grünen inne. Habeck ist auch als Schriftsteller tätig. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Andrea Paluch veröffentlichte er mehrere Romane, u.a. Hauke Haiens Tod (2001). © Soeren Stache/dpa
Jörg Kukies kommt zu Beginn der Sitzung des Bundeskabinetts im Kanzleramt.
Am 7. November 2024 hat Jörg Kukies das Amt des Finanzminister übernommen. Der Sozialdemokrat Kukies ist derzeit Staatssekretär im Kanzleramt und gilt als einer der wichtigsten Berater von Kanzler Scholz. Er ist sein Mann für Wirtschaft und Finanzen und verhandelt für ihn die Abschlussdokumente der G7- und G20-Gipfel.  © Michael Kappeler/dpa
Christian Lindner im Kanzleramt in Berlin am 27. Juli 2022.
Christian Lindner ist Bundesminister der Finanzen im Kabinett Scholz. Der FDP-Politiker ist seit dem 7. Dezember 2013 Bundesvorsitzender der Liberalen. Schon 2017 sah es lange so aus, als würde die FDP an der Regierung beteiligt sein. Doch nach vierwöchigen Sondierungsgesprächen zur Bildung einer Jamaika-Koalition erklärte Lindner die Verhandlungen schließlich für gescheitert. Seine Begründung: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren!“ © Emmanuele Contini/Imago
Nancy Faeser (SPD), alte und neue Landesvorsitzende der SPD in Hessen und Bundesinnenministerin, freut sich über ihre Wiederwahl.
Nancy Faeser führt im Kabinett Scholz als erste Frau das Bundesministerium des Innern und für Heimat. Die Juristin ist seit dem 2. November 2019 Vorsitzende der SPD Hessen. Zuvor war sie 16 Jahre lang Abgeordnete des Hessischen Landtags und ab 2019 als Vorsitzende der hessischen SPD-Fraktion auch Oppositionsführerin. Zudem war sie Spitzenkandidatin der SPD bei der Landtagswahl in Hessen 2023. Als Abgeordnete im Landtag erhielt sie zwei Drohbriefe, die mit NSU 2.0 unterschrieben waren. © Andreas Arnold/dpa
Annalena Baerbock ist im Kabinett Scholz Bundesministerin des Auswärtigen. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt innehat. Bei der Bundestagswahl 2021 trat sie als Kanzlerkandidatin der Grünen an, die sich aber mit 14,8 Prozent der Zweitstimmen mit Platz drei hinter SPD und Union begnügen mussten. Von Januar 2018 bis Februar 2022 war sie gemeinsam mit Robert Habeck Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen.
Annalena Baerbock ist im Kabinett Scholz Bundesministerin des Auswärtigen. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt innehat. Bei der Bundestagswahl 2021 trat sie als Kanzlerkandidatin der Grünen an, die sich aber mit 14,8 Prozent der Zweitstimmen mit Platz drei hinter SPD und Union begnügen mussten. Von Januar 2018 bis Februar 2022 war sie gemeinsam mit Robert Habeck Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. © Thomas Imo/Imago
Marco Buschmann FDP, Bundesjustizminister, stellt Eckpunktepapier zum Selbstbestimmungsgesetz vor.
Marco Buschmann war bis zum 7. November 2024 Bundesminister der Justiz im Kabinett Scholz. Der FDP-Politiker war von Oktober 2017 bis Dezember 2021 Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion. Im Herbst 2020 warnte er während der Corona-Pandemie vor einer Verfassungskrise. Buschmann war auch Mitkoordinator der erfolgreichen Verfassungsklage der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und FDP gegen den Berliner Mietendeckel. Nach dem Rauswurf von Finanzminister Christian Lindner verließ Buschmann die Ampel.  © Jürgen Heinrich/Imago
Volker Wissing, Bundesverkehrsminister FDP, vor der Kabinettssitzung im Berliner Kanzleramt Bundeskanzleramt in Berlin
Volker Wissing wurde nah dem Ampel-Aus für sein Ausscheren aus dem Kurs von FDP-Parteichef Christian Lindner belohnt. Der Bundesminister für Digitales und Verkehr erhielt zusätzlich das Justizressort. Einer der letzten großen Ampel-Fans in der FDP zog nach dem Koalitionsbruch Konsequenzen: In einem beispiellosen Schritt trat er aus der Partei aus und bleibt bis zu den geplanten Neuwahlen als Parteiloser im Amt. Der Jurist war vom 19. September 2020 bis zum 23. April 2022 Generalsekretär der FDP. Wissing gibt als Hobby Weinbau an, vor allem im familieneigenen Weingut.  © Stefan Boness/Imago
Hubertus Heil besucht die Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in Berlin-Spandau.
Hubertus Heil ist im Kabinett Scholz Bundesminister für Arbeit und Soziales – ein Amt, das der SPD-Politiker bereits seit dem 14. März 2018 innehat. Heil ist seit Dezember 2019 stellvertretender Bundesvorsitzender der Sozialdemokraten. Von November 2005 bis November 2009 und von Juni bis Dezember 2017 war er Generalsekretär seiner Partei. Heil spricht sich für einen Mindestlohn von mindestens 12 Euro aus, eine Erhöhung des Rentenalters auf über 67 Jahre lehnt er ab. © M. Popow/Imago
Boris Pistorius ist als Nachfolger von Christine Lambrecht ins Chefbüro des Verteidigungsministeriums im Bendlerblock gerückt. Pistorius gehört dem SPD-Parteivorstand an und gilt als erfahrener Polit-Manager. Von 1980 bis 1981 absolvierte er seinen Wehrdienst, anschließend studierte er Rechtswissenschaften in Osnabrück und Münster. Pistorius war zuvor seit 2013 Innenminister in Niedersachsen.
Boris Pistorius ist als Nachfolger von Christine Lambrecht ins Chefbüro des Verteidigungsministeriums im Bendlerblock gerückt. Pistorius gehört dem SPD-Parteivorstand an und gilt als erfahrener Polit-Manager. Von 1980 bis 1981 absolvierte er seinen Wehrdienst, anschließend studierte er Rechtswissenschaften in Osnabrück und Münster. Pistorius war zuvor seit 2013 Innenminister in Niedersachsen. © Michael Kappeler/dpa
Verteidigungsministerin Lambrecht besucht Marder-Kompanie
Bis zum 19. Januar 2023 hatte Christine Lambrecht das Amt der Verteidigungsministerin inne. Die SPD-Politikerin stand zumeist unter einem immensen Druck. Kritische Stimmen warfen ihr fehlende Sachkenntnis, die schleppend angelaufene Beschaffung für die Bundeswehr, aber auch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit vor. Irritation rief schließlich eine Neujahrsbotschaft hervor, in der sie begleitet von Silvesterfeuerwerk in Berlin über den Ukraine-Krieg sprach. © Robert Michael/dpa
Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft läuft beim Treffen der G7 Agrarminister zum Eingang des Schlosses Hohenheim.
Cem Özdemir ist Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft im Kabinett Scholz. Özdemir ist der erste Bundesminister mit türkischem Migrationshintergrund. Von November 2008 bis Januar 2018 war er Bundesvorsitzender der Grünen. Im Dezember 2021 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden des gemeinnützigen Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ gewählt. Nach dem Ampel-Aus übernahm er auch das Ministerium für Bildung und Forschung.  © Bernd Weißbrod/dpa
Lisa Paus (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, spricht beim hybriden Gipfeltreffen „Women7-Summit“.
Elisabeth „Lisa“ Paus ist seit dem 25. April 2022 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Kabinett Scholz. Sie ist die Nachfolgerin von Anne Spiegel, die zuvor von diesem Posten zurückgetreten war. Paus gehört zum linken Parteiflügel der Grünen. Sie ist seit 2009 Abgeordnete im Deutschen Bundestag.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übergibt im Schloss Bellevue anlässlich des Amtswechsels im Bundesfamilienministerium die Entlassungsurkunde an Anne Spiegel (Bündnis 90/Die Grünen), bisherige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Vorgängerin von Lisa Paus war Anne Spiegel, die am 25. April 2022 die Entlassungsurkunde von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erhielt. „Es war zu viel“, hatte die Grünen-Politikerin vorher bekennen müssen. Ihr Verhalten als Ministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität in Rheinland-Pfalz nach der Flutkatastrophe im Sommer 2021 wurde vom Untersuchungsausschuss des Landtags bis ins Detail untersucht. Die Kritik wurde zum Sturm – ihr Amt als Bundesfamilienministerin gab Spiegel deshalb auf. In ihrer Rücktrittserklärung betonte Spiegel, dass sie das Amt nicht länger belasten wolle und entschuldigte sich für begangene Fehler. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Karl Lauterbach (SPD), Bundesgesundheitsminister, beantwortet auf einer Pressekonferenz Fragen von Journalisten zum Infektionsgeschehen und zur Impfentwicklung.
Karl Lauterbach ist Bundesminister für Gesundheit im Kabinett Scholz. Der SPD-Politiker ist Professor am Universitätsklinikum Köln und dort Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie. Wegen seines Bundestagsmandats ist er derzeit beurlaubt. Während der Pandemie ist er für viele zu einer Reizfigur geworden. Als Minister konnte er sich mit seiner Forderung nach einer allgemeinen Corona-Impfpflicht nicht durchsetzen.  © Wolfgang Kumm/dpa
Steffi Lemke, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz beim Treffen der G7 Klima-, Energie- und Umweltministerinnen und -minister.
Steffi Lemke hat im Kabinett Scholz den Posten als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz inne. Die Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen absolvierte ein Studium der Agrarwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, das sie 1993 als Diplom-Agraringenieurin abschloss. Von 2002 bis 2013 war sie politische Bundesgeschäftsführerin ihrer Partei. © Chris Emil Janssen/Imago
Bettina Stark-Watzinger im Portrait bei der Bundespressekonferenz zum Thema Veroeffentlichung des nationalen Bildungsberichts Bildung in Deutschland.
Bettina Stark-Watzinger ist Bundesministerin für Bildung und Forschung im Kabinett Scholz. Seit 2017 ist sie Abgeordnete im Deutschen Bundestag und seit März 2021 Vorsitzende der FDP Hessen. Ihr Studium der Volkswirtschaftslehre an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main schloss sie 1993 als Diplom-Volkswirtin ab. Sie ist Mitglied im Stiftungsrat der Karl-Hermann-Flach-Stiftung. © Imago
Svenja Schulze SPD, Bundesministerin fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, aufgenommen im Rahmen der Konferenz fuer globale Ernaehrungssicherheit im Auswaertigen Amt in Berlin.
Svenja Schulze ist Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland im Kabinett Scholz. Die SPD-Politikerin ist Mitglied der Arbeiterwohlfahrt, der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), ver.di, im Naturschutzbund Deutschland (NABU) und im Verein Slowfood. Sie ist Mitbegründerin des Netzwerkes „Frauenzeiten“. © Florian Gaertner/Imago
Klara Geywitz im Kanzleramt in Berlin am 27. Juli 2022. Kabinettssitzung in Berlin.
Klara Geywitz ist Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen im Kabinett Scholz. Zudem ist sie Beauftragte der Bundesregierung für den Berlin-Umzug und den Bonn-Ausgleich. Im Dezember 2019 wurde sie zu einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD gewählt. Geywitz gehört seit 2014 dem Vorstand der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit an. © Emmanuele Contini/Imago
Wolfgang Schmidt hisst die Regenbogenfahne am Bundeskanzleramt in Berlin.
Wolfgang Schmidt ist Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes im Kabinett Scholz. In dieser Funktion ist er außerdem Beauftragter der Nachrichtendienste des Bundes. Schmidt, der seit 1989 der SPD angehört, gilt als engster Vertrauter von Olaf Scholz. © Christian Spicker/Imago

Die Folgen der Klimakrise haben sich in diesem Sommer mal wieder deutlich gezeigt. Warum sind trotzdem weniger Menschen als 2019 zum Klimastreik im September gekommen?

In Berlin standen wir mit 36 000 Menschen auf der Straße, in Deutschland hatten wir eine Viertelmillionen.

Weniger als 2019.

2019 mussten wir 1,4 Millionen Menschen auf die Straße bringen, damit die Groko einmal „Klimaschutz“ flüstert. Das müssen wir nicht mehr. Seitdem haben wir wahnsinnig viel erreicht. Die Welt hat sich aber auch sehr verändert. Protest ist nicht zwangsläufig besser, wichtiger und erfolgreicher durch die Masse der Menschen, die da ist, es geht um den Kontext. Es ist nebenbei heute auch aufwendiger für Menschen geworden, auf die Straße zu gehen, weil die Krisen einen so ohnmächtig machen.

Viele Menschen machen sich derzeit große Sorgen um ihre Existenz. Die Klimakrise ist dagegen doch relativ abstrakt.

Das sagen Sie mal den Leuten, die im Ahrtal ihre Verwandten verloren haben, die in Brandenburg ihre Häuser evakuieren mussten. Es ist ein Riesendrama, dass sich Menschen derzeit entscheiden müssen, wo sie ihre Sorgen hinstecken. Niemand sollte am Ende des Monats nicht mehr genug Essen haben. Genau dieser Moment, wo sich so viele Krisen überlagern, wäre einer, in dem die Regierung sagen könnte: Wir nehmen diese Last von euren Schultern. Hier ist unser Klimaschutz-Sofortprogramm, das es übrigens immer noch nicht gibt, obwohl es für September angekündigt war.

„Reiche Staaten müssen die finanzielle Verantwortung übernehmen“

Im November findet die nächste Klimakonferenz statt. Was erwarten Sie von dem Treffen und erwarten Sie von UN-Klimakonferenzen überhaupt etwas?

26 vergangene Klimakonferenzen haben es ganz schön schwergemacht, große Hoffnungen zu haben. Aber es muss eine Konferenz werden, in der ganz klar die Perspektiven Afrikas im Vordergrund stehen. Und es geht natürlich um die Finanzierung von sogenanntem Loss and Damage. Reiche Staaten müssen die finanzielle Verantwortung übernehmen für die Klimakatastrophen in ärmeren Ländern.

Was wäre denn aus Ihrer Sicht das Minimum, auf das man sich verständigen müsste, damit es ein gutes Ergebnis ist?

Deutschland muss deutliche Zusagen machen, was Loss and Damage betrifft, und sich zur menschenrechtlichen Lage in Ägypten positionieren. Es kann nicht angehen, dass dort fröhlich verhandelt wird, während ägyptische Klimaaktivist:innen im Gefängnis sitzen. 65 000 politische Gefangene gibt es schätzungsweise in dem Land.

Klimakrise verdrängen „kostet unglaublich viel Kraft und Energie“

Sie haben eben das Gefühl der Ohnmacht angesprochen. Wie kommt man da raus?

Wenn ich von Ohnmacht spreche, spreche ich von einer emotionalen Sackgasse, die einem das Gefühl gibt: Egal, was ich mache, ich mache keinen Unterschied. Meine Großmutter und ich haben in unserem Buch verschiedene Gefühle von Ohnmacht beleuchtet. Durch Verlust, durch Krieg, Vergangenheit und Zukunft. Gemeinsam haben sie, dass in dem Augenblick, in dem wir diese Ohnmacht erkennen, schon ein wichtiger Schritt getan ist. Ohnmacht kommt von einer Asymmetrie. Ich habe nicht die Macht, die ich bräuchte, um mich in einer Situation zu behaupten. Dagegen hilft es nicht, das Problem zu verdrängen, dagegen braucht es Ermächtigung. Wichtig ist es, sich zusammenzutun. Das kann heißen, ich suche mir eine andere Person und spreche darüber. Oder ich schließe mich einer Gruppe an oder beteilige mich an Aktionen, Initiativen, gelebtem Wandel. Das sind Möglichkeiten, Selbstwirksamkeit zu erleben.

Und was hilft dabei, die Klimakrise nicht mehr zu verdrängen?

Viele denken, dass ich einen harten Job habe, weil ich ständig über die Klimakrise spreche. Ich denke, dass diejenigen, die ihre Zeit damit verbringen, die Klimakrise zu verdrängen, einen viel schwereren Job haben. Das kostet unglaublich viel Kraft und Energie. Dagegen ist das, was möglich wird, wenn man sich da rauswindet, so wahnsinnig befreiend und bejahend. Die Welt offenbart sich dann nicht nur in all ihren Schrecklichkeiten, sondern, zumindest ist das meine Erfahrung und die meiner Großmutter, können wir die Welt auch in all ihrer Schönheit ganz anders erfahren. (Interview: Ruth Herberg und Friederike Meier)

Rubriklistenbild: © Philipp Mertens/Imago

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