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Tech-Konzerne sollten reguliert werden ohne Verbrauchende einzuschränken. Der Leitartikel.
Die Zeiten, in denen die großen Tech-Konzerne ganz ungestört schalten und walten konnten, sind vorbei. Die EU schaut den Unternehmen und ihren Diensten mit Hilfe neuer Gesetze, dem Digital Markets Act (DMA) und dem Digital Services Act (DSA), inzwischen gehörig auf die Finger – bereits mehrere Verfahren wurden eingeleitet. Und auch in den USA ist immer häufiger Säbelrasseln zu hören.
Das dürfte der Tech-Gigant Google zu spüren bekommen. Geht es nach dem US-Justizministerium soll sich das Unternehmen, das zum Mutterkonzern Alphabet gehört, von seinem Chrome-Browser trennen. Das Ministerium will den zuständigen Richter in einem Kartellverfahren gegen Google darum bitten – am Ende des Prozesses könnte möglicherweise die Zerschlagung des Konzerns stehen. Grund dafür ist Googles Marktmacht.
Zweifelhaft ist allerdings, ob eine Zerschlagung – sollte sie denn kommen – auch im Sinne der Verbraucherinnen und Verbraucher wäre. Aktuelle Beispiele zeigen leider: Eine Aufspaltung von etablierten Diensten macht die digitale Welt zunächst einmal kompliziert.
Ein aktuelles Beispiel dafür ist aktuell in der EU zu beobachten: Wer im Internet nach einer Adresse oder bestimmten Orten suchte, kam bis vor einigen Monaten über die Google-Suche noch direkt auf den Kartendienst Google Maps. Im Frühjahr dieses Jahres allerdings wurde die Funktion spürbar eingeschränkt: Seither wird zwar immer noch eine Google-Karte in der Suche angezeigt – es ist jedoch nicht mehr möglich, sich mit einem Klick zum Maps-Dienst weiterleiten zu lassen.
Die Änderung ist die direkte Folge von Regulierung: Der DMA der EU soll für einen fairen Wettbewerb bei digitalen Diensten und für bessere Chancen für neue Konkurrenten sorgen. Er schreibt daher vor, dass große Tech-Konzerne ihre Angebote öffnen oder Dienste entknüpfen müssen. Menschen soll zudem die Wahl gelassen werden, ob sie ein Produkt nutzen möchten oder nicht. Google hat daher die prominente Platzierung seines Kartendienstes abgeschafft.
Wirklich zufrieden mit dieser Änderung sind die wenigsten. Viele fühlen sich genervt ob des Extraweges, den man jetzt beim Recherchieren gehen muss – es gibt inzwischen sogar Browser-Extensions, die das frühere Nutzungserlebnis zurückbringen sollen. Wer Komfort will, braucht künftig einen Workaround.
Es gibt noch andere Beispiele dieser Art: Wer heute ein neues Smartphone einrichtet, muss sich erst mal minutenlang durch alle möglichen Menüpunkte manövrieren. Unter anderem werden Nutzerinnen und Nutzer neuerdings aufgefordert, ihren Standardbrowser und die Standardsuchmaschine auszuwählen. Auch das ist eine Forderung der europäischen Gesetze.
Die zahlreichen Cookie-Banner auf Websites sind wiederum eine Folge der Datenschutzgrundverordnung in der EU. Die Grundidee ist zwar richtig – das Surferlebnis haben die Banner aber nicht gerade verbessert. Wer eine Website besucht, muss erst mal mindestens einen weiteren Klick tätigen, um dann Weitersurfen zu können. Die Regeln der Politik sind zwar gut gemeint, aber nicht immer gut gemacht.
Auf der anderen Seite stellen sich die Tech-Konzerne quer, die möglichst wenig ihrer Marktmacht abgeben wollen – es entsteht ein Machtspiel zwischen den Konzernen und der Politik. Insbesondere Apple hatte zuletzt mit allen möglichen Tricksereien versucht, die neuen Regeln der EU zu umgehen. Und Google baut seine Suche lieber zum schlimmstmöglichen Nutzererlebnis um, statt anderen Kartendiensten eine ähnlich prominente Platzierung zu erlauben.
Bei einer möglichen Abtrennung des Chrome-Browsers vom Google-Ökosystem wäre vermutlich Ähnliches zu erwarten. Aktuell ist der Browser tief in das Smartphone-Betriebssystem Android integriert und auch am Desktopcomputer mit vielen Google-Funktionen ausgestattet. Sollte der Browser jetzt aus dem Google-Imperium verschwinden, wäre das für die Nutzerinnen und Nutzer vermutlich erst mal ein Verlust zahlreicher Funktionen.
Die Beobachtung und Regulierung großer Tech-Konzerne ist richtig und wichtig. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher sind von Tech-Giganten wie Apple oder eben Google längst abhängig. Sie legen fast all ihre Daten in die Hände eines Großkonzerns, sie speichern dort Dokumente, Fotos, Kontakte und nutzen nebenbei noch Video-, Musik- oder Maildienste der Unternehmen.
Das geht mit allerhand Risiken einher: Kleine Anbieter werden verdrängt, was zugleich die Innovation am Markt hemmt. Verbraucherinnen und Verbrauchern fällt es immer schwerer, Dienste zu wechseln, sobald sie sich einmal an einen gebunden haben.
Wenn die Konzerne reguliert oder ihre Dienste getrennt werden, sollte das Verbraucherinnen und Verbraucher nicht einschränken. Es braucht Dienste, die eine echte Wahlfreiheit garantieren und die Macht der Konzerne eindämmen – gleichzeitig aber den gewohnten Komfort behalten. Sonst verärgert es den Verbraucher am Ende mehr, als dass es ihm nützt.