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Im Ernstfall muss man mit Putins Einsatz einer taktischen Atomwaffe rechnen, sagt ein US-Nuklearexperte - und zeigt im Ukraine-Krieg vier Schritte zu einer Lösung auf.
Boston - Der renommierte Osteuropa-Experte Ivan Krastev hatte kürzlich gewarnt, dass es für den Westen besonders dann gefährlich werde, wenn es im Ukraine-Konflikt für Wladimir Putin schlecht laufe. Dann könnte der Einsatz von Atomwaffen aus Sicht des russischen Präsidenten „sinnvoll“ sein. Auch der Sicherheits- und Nuklearwaffenexperte Graham Allison benennt im Interview mit dem Spiegel die Gefahr eines Einsatzes taktischer Atomwaffen, wenn Putin kurz davor stünde, „alles zu verlieren“.
Ukraine-Krieg analysiert: US-Experte hält Wladimir Putin für „rational“
Der Politikwissenschaftler Allison lehrt an der Harvard Universität und gilt als Sicherheits- und Nuklearexperte. Sein Werk „Essence of Decision“ wird als Standardwerk zum Kalten Krieg gehandelt und analysiert die Entscheidungsfindung in Krisenzeiten. In einem an Donnerstag (19. Mai) im Spiegel veröffentlichten Interview mit dem Nachrichtenmagazin beschreibt Allison die aktuelle Situation mit einem grotesken Vergleich. „Wir sind wie siamesische Zwillinge, von denen keiner den anderen erwürgen kann, ohne Selbstmord zu begehen.“
Graham spielt damit auf das riesige Atomwaffenarsenal an: Die USA und Russland besitzen Angaben des Stockholmer Friedensinstitut Sipri zufolge 90 Prozent aller Atomwaffen weltweit. Russland hat demnach 6375, die USA 5800. Man müsse daher einen Weg finden, gemeinsam zu überleben, so der Sicherheitsexperte. Das bedeute auch, mit einem „Massenmörder“ umzugehen - wie etwa Roosevelt und Churchill, die sich einst mit Stalin zusammensetzten.
Putin handle aus Sicht des Experten rational: „Putin ist rational im Sinne einer Person, die zweckbestimmt ist und davon ausgeht, dass sie ein erreichbares Ziel anstrebt“, sagte Allison dem Spiegel. Doch der russische Präsident habe sich „grob verrechnet“, da er die Ukraine nicht für das Land hielt, als das sie sich erwiesen habe. „Dass Putin einen fatalen Fehler beging, halte ich nicht für den Beweis eines Mangels an Rationalität – auch George W. Bushs Angriff auf den Irak war nicht irrational. Er war dumm. Es war ein großer strategischer Fehler. Aber das ist etwas anderes“, erklärte Allison weiter.
Video: Aktuelle Nachrichten aus dem Ukraine-Krieg zusammengefasst
Ukraine-Krieg: „Im Fall einer Niederlage geht Putin davon aus, dass er sein Leben verliert“
Im Pentagon und im Weißen Haus stelle man sich die Frage, ob Putin diesen Krieg verlieren könne und ob er eine Niederlage überleben könne, erklärt der Politikwissenschaftler. „Ich weiß nicht, was deren Antwort ist. Meine lautet: nein. Ich glaube, er geht zu Recht davon aus, dass er im Fall einer eindeutigen Niederlage die Macht und wahrscheinlich auch sein Leben verlieren wird.“ Wenn Putin gezwungen sei, zwischen dieser Niederlage und einer Eskalation der Gewalt und Zerstörung zu wählen, dann werde er sich als rationaler Akteur für Letzteres entscheiden, so der Experte.
Die Beispiele Grosny und Mariupol würden zeigen, dass Putin keine Hemmungen habe, Menschen auch in großer Zahl umzubringen. „Wenn wir ihn vor die eindeutige Alternative stellen, alles zu verlieren oder ein Risiko einzugehen, müssen wir mit dem Einsatz einer taktischen Atomwaffe rechnen“, so Allison. Der Nuklearexperte nennt eine „vergleichsweise kleine Atombombe“ von 15 oder 20 Kilotonnen - vergleichbar etwa mit jener von Hiroshima. Damit könnte Wladimir Putin zwischen 20.000 und 50.000 Menschen in einem einzigen Akt töten. Zum Vergleich: Russland soll einen Nuklear-Torpedo besitzen, der mit einer Sprengkraft von bis zu 100 Megatonnen bestückt werden kann.
Allison rechnet nicht damit, dass die USA in einem solchen Fall selbst eine taktische Atomwaffe einsetzen würden. „Aber wir kämen nicht darum herum, etwas sehr Dramatisches zu tun“, so der Harvard-Professor. „Wenn wir zum Beispiel die Abschussbasen attackieren, von denen die russischen Iskander-Raketen abgeschossen werden, dann würden Amerikaner Russen töten.“ Daher solle man sich fragen, ob man Putin vor die Wahl stellen sollte, „alles zu verlieren“.
Diese vier Ziele könnten den Ukraine-Krieg ohne Atomwaffeneinsatz beenden
Graham Allison sieht vier Kriegsziele der US-Regierung unter Joe Biden. Zusammengenommen könnten sie den Krieg ohne einen Atomwaffeneinsatz Putins beenden. „Ziel eins: Die Ukraine bleibt als freies und unabhängiges Land bestehen. Ich sage ausdrücklich nicht, wie viel ihres Territoriums zunächst noch von Russland besetzt bleibt, sondern dass es darum geht, dass sie gedeiht und ihr Territorium am Ende auch zurückbekommt“, so der Nuklearexperte. Ziel zwei sei es, den dritten Weltkrieg zu verhindern. Das würde bedingen, dass kein US- oder Nato-Soldat einen Russen töte oder umgekehrt.
Ziel drei sei eine entscheidende strategische Niederlage für Putins Russland. „Denn am Ende dieses Krieges sollen Russland und die Welt erkennen, dass die Kosten dieser Invasion ihren Nutzen bei Weitem übersteigen und dass Putin entscheidend geschwächt ist“, so der Harvard Professor. Ziel vier sei die Stärkung der globalen Sicherheitsordnung. Dabei gehe es darum zu zeigen, dass es völkerrechtliche Verbrechen gebe, „die nicht hingenommen werden“. Wenn es gelänge, diesen Konflikt zu einem Ende zu bringen, ohne dass Putin eskaliert, könne das ein großer Erfolg werden, fasst der Politikwissenschaftler Allison die Lage zusammen.
Mit seiner Einschätzung zu Putins möglichem Atomwaffeneinsatz ist er nicht allein. Neben dem Osteuropaexperten Ivan Krastev hält auch die führende Fachzeitschrift für US-Außenpolitik Foreign Affairs einen „kleinräumigen“ Atomschlag des russischen Präsidenten für möglich. „Sollte Putin diese Entscheidung treffen, gibt es im russischen System nichts, was ihn aufhalten könnte“, schreibt das Journal und zitiert die Worte des römischen Historikers Tacitus über Roms Kriegstaktik: „Sie machten eine Wüste und nannten es Frieden.“ Das sei eine Option für Putin in der Ukraine.