Mangel an Papier für Neuwahlen? Industrie dementiert – Spott aus Nachbarland
VonSimon Schröder
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Fabian Hartmann
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Bundeswahlleiterin Brand äußert Bedenken vor strukturellen Hindernissen bei frühen Neuwahlen. Die Industrie bestritt das nun. In Polen sorgte das Thema für Häme.
Update 11. November, 08.16 Uhr: Laut Deutschlands größter Stimmzetteldruckerei könnten vorgezogene Neuwahlen im Januar zu Problemen führen. Papier sei genügend da, allerdings steige die Fehleranfälligkeit aufgrund der kurzen Fristen. Bastian Beeck, Chef der „Köllen Druck und Verlag“ Druckerei äußerte sich gegenüber dem Stern: „Zwei bis drei Wochen mehr sollte man sich in jedem Fall Zeit nehmen.“ Denn so kurzfristig habe die Druckerei keine Zeit, Fehler auf den Wahlzetteln – die unweigerlich passieren – auszubessern.
Sollte bereits im Januar gewählt werden, stünden die Listen der Parteien erst ungefähr 30 Tage vor dem Wahltag fest. Somit könnte frühestens am 2. Januar begonnen werden, die nötigen Wahlunterlagen zu drucken, wie Beeck weiter ausführt. Für die Briefwahl bliebe den Bürgern lediglich eine Woche Zeit. Von den Politikern fordere er deshalb einen pragmatischen Realismus bei der Terminfindung für die Neuwahlen, wie er gegenüber dem Stern sagt.
Streit um Vertrauensfrage: Termin für Neuwahlen scheitert nicht an Papiermangel
Erstmeldung, 10. November: Berlin/Warschau – Nach dem Ampel-Aus infolge der Entlassung von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) kündigte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) an, sich einem Misstrauensvotum im Bundestag stellen zu wollen. Als Termin hierfür hatte Scholz zunächst den 15. Januar vorgeschlagen, um Wahlen „spätestens bis Ende März“ zu ermöglichen. Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz (CDU) ist das nicht früh genug: Er forderte zuletzt, die Vertrauensfrage bereits am kommenden Mittwoch zu stellen. Während Merz’ Zeitplan zu raschen Neuwahlen Mitte Januar führen soll, würde Scholz in einer rot-grünen Minderheitsregierung bis Weihnachten lieber noch mehrere Gesetzesvorhaben durch den Bundestag bringen.
Am Rande des informellen EU-Gipfels in Budapest räumte Scholz zuletzt ein, über den Termin „möglichst unaufgeregt diskutieren“ zu wollen. Unterdessen warnte die Bundeswahlleiterin Ruth Brand den Kanzler in einem Brief vor „unwägbaren Risiken“ bei früh angesetzten Neuwahlen: Darunter etwa Zeitdruck und eine Überlastung von Gemeindebehörden und Wahlämtern, die eine ordnungsgemäße Briefwahlvorbereitung gefährden könnten. Als Argument brachte sie dabei auch strukturelle Probleme der Papier-Versorgung an. Während das im Nachbarland Polen für Spott sorgte, gibt die Papierindustrie Entwarnung.
Papierindustrie entkräftet Bedenken der Bundeswahlleiterin vor Papier-Mangel bei frühen Neuwahlen
Inzwischen meldeten sich auch Vertreterinnen und Vertreter der Papierindustrie zu den vorgebrachten Bedenken der Bundeswahlleiterin zu Wort. Ihrer Einschätzung zufolge würde eine vorgezogene Neuwahl nicht durch Papiermangel verhindert. „Wir haben Papier. Die deutsche Papierindustrie ist sehr leistungsfähig“, sagte Alexander von Reibnitz, Hauptgeschäftsführer des Verbands Die Papierindustrie, dem ZDF.
Auf die Frage, ob die deutsche Industrie schnell genug das notwendige Papier für Wahlunterlagen für eine Neuwahl schon im Januar liefern könne, sagte der Verband: „Klare Antwort: Ja. Bei rechtzeitiger Bestellung können wir das benötigte Papier für eine vorgezogene Bundestagswahl liefern.“ Von Januar bis September 2024 hatte die deutsche Papierindustrie nach Angaben des Verbandes rund 14,6 Millionen Tonnen Papier produziert - das waren 4,7 Prozent mehr als im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres.
Bedenken der Bundeswahlleiterin vor Papier-Mangel sorgen in Polen für Spott
Für Häme sorgten die Bedenken von Bundeswahlleiterin Brand unterdessen im Nachbarland Polen. Dariusz Joński, Europaabgeordneter der Mitte-Links Partei „Inicjatywa Polska“, griff Brands Bedenken für einen schwarzhumorigen Witz auf: „Wenn Deutschland Drucker und Papier braucht, werden wir beides auf jeden Fall an unsere Nachbarn verkaufen. Daran werden auch polnische Unternehmen verdienen, was die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft weiter steigern wird“, sagte Joński laut einem Bericht der Bild-Zeitung.
Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit
Auch Polens Außenminister Radosław Sikorski äußerte sich inzwischen zum Ampel-Aus und der aufgekommen Diskussion zu Neuwahlen: „Deutschland bleibt ein wichtiger Partner, und wir hoffen, dass unser Land eine Inspiration für andere sein wird“, sagte der Minister der Regierung um Donald Tusk im polnischen Fernsehen.
Union wirft Scholz vor, Brands Bedenken vor frühem Neuwahl-Termin zu „instrumentalisieren“
Seitens der Unionsparteien wurden inzwischen Vorwürfe an Kanzler Scholz laut, die Bedenken der Bundewahlleiterin angesichts eines frühen Termins von Neuwahlen zu „instrumentalisieren“. „Scholz sollte endlich damit aufhören, der Bevölkerung ein X für ein U vorzumachen“, wird der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU, Thorsten Frei, von der ARDzitiert. Selbstverständlich sei der Bundestag weiterhin handlungsfähig und könne auch nach der von der Union geforderten sofortigen Vertrauensfrage Gesetze verabschieden.
Die „Rumpfregierung aus SPD und Grünen“ müsse jetzt lernen, dass es für sie nicht so weitergehe wie bisher, fügte Frei hinzu. „Vor allem sollte sie sämtliche Versuche unterlassen, Behördenleiter für parteipolitische Spielchen zu instrumentalisieren“, betonte er in Anspielung auf die Bundeswahlleiterin.
Wie die Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) ausgehend von Informationen aus Verwaltungskreisen berichteten, will Bundeswahlleiterin Brand am Montag mit den Wahlleiterinnen und Wahlleitern von Bund und Ländern zusammenkommen, um über den Umgang mit vorgezogenen Neuwahlen zu beraten. Neben der Koordination der Briefwahl zählen zu der organisatorischen Vorbereitung einer Neuwahl auch die Suche geeigneter Räume für Wahllokale, die Suche nach Wahlhelferinnen und Wahlhelfern sowie die Erstellung und der Druck der Wahlunterlagen. (fh)