Nach Mannheim-Attacke

„Es ist eine Teufelsspirale“: Steigt die Gefahr durch Messerangriffe?

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Die Zahl der Messerangriffe steigt. Die Mannheim-Attacke passe aber nur bedingt ins Schema, sagt ein Polizeigewerkschafter – er warnt vor einem Phänomen.

Mannheim/Berlin — Das Video vom Messerangriff in Mannheim kann sich Michael Mertens nicht mehr anschauen. „Ich bin 61 Jahre alt und habe als Polizeibeamter vieles erlebt. Aber dieses Video fasst mich an“, sagt der Vize-Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Am Freitag (31. Mai) hatte Sulaiman A. auf dem Mannheimer Marktplatz mit einem Messer auf mehrere Menschen eingestochen und den 29 Jahre alten Polizisten Rouven L. getötet. Kurz danach gingen Video-Aufnahmen der Tat durch die sozialen Medien. Ein „Unding“, findet Mertens. „Für die Angehörigen des getöteten Kollegen ist das schrecklich.“ 

Messerangriff in Mannheim: Deutlicher Anstieg von Messerangriffen

Mit der Erschütterung wächst bei vielen die Sorge: Ist die Tat ein weiteres Indiz für das Gefühl, dass es immer mehr Messerangriffe in Deutschland gibt? Ganz so einfach ist das nicht, man dürfe hier Tatbestände nicht vermengen, macht Mertens klar. Aber: Tatsächlich gebe es ein gewaltiges Problem mit Messerattacken.

„Den Verdacht, dass die Zahl der Messerangriffe gestiegen ist, hatten wir schon länger. Die jüngste Kriminalstatistik hat das nun bestätigt“, sagt Mertens. Die Statistik, die Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) vor einigen Wochen in Berlin vorgestellt hat, zeigt einen Anstieg solcher Gewalttaten um zehn Prozent. Noch erheblicher ist die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen, wie aktuelle Zahlen zeigen: Dort gab es im vergangenen Jahr 6.221 Straftaten, in denen ein Messer oder eine ähnliche Stichwaffe benutzt wurde. Das ist ein Anstieg um fast 50 Prozent im Vergleich zu 2022.

„Überwiegend junge Männer mit einem Messer unterwegs“

In diese Statistik fließen zum Beispiel auch häusliche Auseinandersetzungen ein. Doch es zeigt sich eine Tendenz: Viele der Täter haben gewisse Gemeinsamkeiten. „Überwiegend sind es junge Männer, die mit einem Messer auf der Straße oder in der Disco unterwegs sind“, sagt Mertens. „Es ist eine Teufelsspirale. Denn immer mehr Menschen nehmen ein Messer mit, um sich vermeintlich verteidigen zu können.“

Mehr Messerverbotszonen, wie sie unter anderem in NRW seit einiger Zeit geschaffen werden, seien ein legitimes Mittel dagegen. Aber am wichtigsten sei Aufklärung. Den Menschen sei nicht klar, wie gefährlich eine Messerverletzung sein könne. „Ein Schnitt ins Bein oder in den Arm kann ganz schnell tödlich enden, wenn Hauptschlagadern getroffen werden“, warnt der Gewerkschafter. „Es helfen vor allem präventive Maßnahmen. Man muss den Leuten klarmachen, wie unsinnig und gefährlich es ist, ein Messer mit sich zu führen.“   

Messerangriff von Mannheim hat mit Problemkomplex nichts zu tun

Eine solche Präventionsmaßnahme könnten zum Beispiel eindrückliche Bilder sein, die Fachleuten an Schulen zeigen und erklären. Etwas Ähnliches gibt es bereits bei einem anderen Thema: Das Programm „Crash Kurs“ soll vor allem jungen Menschen mit emotionalen Berichten und eindringlichen Bildern die schlimmen Folgen von Verkehrsunfällen vermitteln. So etwas müsse man auch für das Thema Messer entwickeln.

Der Fall aus Mannheim habe mit diesem Problemkomplex allerdings nichts zu tun, stellt Mertens klar. „Der Angreifer hat bewusst auf Stellen wie Oberschenkel und Nacken eingestochen. Er wusste, was er tat.“ Ein Messerverbot oder Präventionsvideos würden so jemanden nicht von einer Tat abhalten. „Er war mit der Absicht und dem Willen unterwegs, zu morden.“ Menschen wie der Täter von Mannheim seien unberechenbar.

Sulaiman A. galt bis zur Mannheim-Tat als gut integriert – TikTok als Radikalisierungsmaschine

Tatsächlich galt Sulaiman A. bis zur Tat als gut integriert, es gab keine Auffälligkeiten. „Wie konnte er sich so radikalisieren? Woher kam sein Hass?“, fragt Mertens – und liefert selbst einen Teil der Antwort: „Die Wurzel des Übels liegt auch in den sozialen Medien, wo Gewaltvideos gezeigt und Hass und Hetze propagiert werden. Von politischer Seite müssen dringend wirksame Gegenmaßnahmen kommen.“

Sicherheitsbehörden beobachten, dass vor allem TikTok als regelrechte Radikalisierungsmaschine missbraucht wird. Zuletzt gab es Hinweise darauf, dass radikalislamistische Salafisten-Influencer und kriminelle Clan-Mitglieder dort in Videos gemeinsame Sache machen, um vor allem junge Menschen zu ködern. Auch Rechtsextremisten verbreiten auf TikTok massiv Propaganda. NRW-Medienminister Nathanael Liminski wies erst vor wenigen Tagen im Interview mit IPPEN.MEDIA auf die Gefahren der Plattform hin. Er sei mit dem Unternehmen dahinter im Gespräch – Lösungen sind bislang allerdings nicht in Sicht.

Rubriklistenbild: © Uli Deck/dpa

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