VonJoachim Willeschließen
Die Ozeane erwärmen sich und die Hitzewellen treten darin, häufiger, früher und länger auf. Die Fachwelt ist entsetzt und besorgt.
Wenn man hineinspringt, fühlt sich das Wasser an wie in einer Badewanne“, sagt Katey Lesneski. Die Wissenschaftlerin beobachtet für die US-Wetterbehörde NOAA die Entwicklung der marinen Hitzewelle, die seit einigen Wochen im Golf von Mexiko herrscht. An der Küste von Florida, das den Golf im Osten begrenzt, erreichten die Wassertemperaturen Ende Juli in einer Messboje über 38 Grad Celsius – tatsächlich vergleichbar mit einem Wannenbad. Normal wären laut NOAA maximal 31 Grad.
Für Menschen, die im Meer baden wollen, mag der Wärmeschub angenehm sein. Doch andere Folgen sind weniger schön. Florida hat weltweit das drittgrößte Korallenriff, ein Naturwunder – und wichtig für den Küstenschutz. Die Korallenbänke aber kommen mit den aktuellen Temperaturen schlecht zurecht. „An flachen Riffen in Florida gibt es eine weit verbreitete Korallenbleiche, und viele Korallen sind bereits abgestorben“, berichtet Lesneski, die beim „Nationalen Meeresschutzgebiet Florida Keys“ angestellt ist.
Hitzewellen, wo man sie am wenigsten erwartet
Die Ozeane sind im Hitzestress, nicht nur an der US-Küste, sondern praktisch weltweit. In der vorigen Woche meldete der „Klimawandeldienst“ der EU, „Copernicus“, einen neuen Rekord für die mittlere Oberflächentemperatur der Meere: 20,96 Grad – deutlich über dem langjährigen Durchschnitt für diese Jahreszeit. Der Wert liegt zwar nur knapp über dem bisherigen Maximum von 20,95 Grad, gemessen im Jahr 2016. Doch die Fachleute sind vor allem besorgt über den Zeitpunkt, an dem der neue Spitzenwert erreicht wurde.
Die Copernicus-Expertin Samantha Burgess erläuterte, dass die Meere im Jahresverlauf normalerweise im März weltweit am wärmsten seien, nicht im August. „Die Tatsache, dass wir den Rekord jetzt gesehen haben, macht mich nervös, wie viel wärmer der Ozean zwischen jetzt und dem nächsten März werden könnte“, meinte sie gegenüber der BBC. Der 2016er-Rekord stammte denn auch vom 29. März dieses Jahres.
Die aktuelle Temperaturspitze folgt auf eine ganze Serie von marinen Hitzewellen in diesem Jahr, unter anderem im Mittelmeer, im Nordatlantik und eben im Golf von Mexiko. Die erste Warnung über ungewöhnlich hohe Meerestemperaturen hatte die US-Behörde schon Anfang April ausgesandt. Dann verzeichnete sie eine weitere Eigenheit: Das Niveau sank in den folgenden Wochen nicht wie üblich wieder deutlich ab, obwohl über dem größeren, dem südlichen Teil der Weltmeere das Winterhalbjahr begann. Für den Nordatlantik, wo die Temperaturen besonders stark in die Höhe schnellten, wurden im Juni 22,7 Grad gemeldet, und in den tropischen Regionen dieses Ozeans waren es sogar schon 28 Grad, ein absoluter Rekordwert für diesen Monat.
Starkregen
Je wärmer das Wasser an der Oberfläche des Meeres und je wärmer die Luft darüber, desto mehr kann es rein physikalisch gesehen verdunsten. Wenn die Atmosphäre mehr Wasser enthält, wird wiederum Starkregen wahrscheinlicher. Der Weltklimarat geht davon aus, dass durch den Klimawandel extreme Niederschläge heftiger und häufiger werden.
Dass starker Regen, wie der, der Anfang des Monats in Österreich und Slowenien Überschwemmungen ausgelöst hat, durch den Klimawandel verursacht wurde, liegt also nahe, ist aber schwer nachzuweisen.
Die Attributionswissenschaften berechnen deshalb, wie wahrscheinlich ein Extremereignis ist, und vergleichen das mit einer hypothetischen Atmosphäre ohne Klimawandel. Der Starkregen, der zu den Überschwemmungen 2021 im Ahrtal geführt hat, ist demnach durch den Klimawandel zwischen drei und zwanzig Prozent wahrscheinlicher geworden. fme
In der Fachwelt verursachten diese Daten große Aufregung. Es sei eine „extreme Temperaturabweichung nach oben“, meinte etwa der Ozeanografie-Professor Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Seine Copernicus-Kollegin Burgess befand: „Die marinen Hitzewellen, die wir sehen, finden an Orten statt, an denen wir sie nicht erwartet haben“. Und auch für Karina von Schuckmann vom französischen Forschungszentrum „Mercator Ocean International“ ist die Situation „extrem“: Die jetzigen Hitzewellen seien „sehr hartnäckig und breiten sich über eine große Fläche aus“. Der Trend, den der Weltklimarat IPCC festgestellt hat, scheint sich zu beschleunigen. Laut IPCC hat sich die Häufigkeit der Hitzewellen seit den 1980er-Jahren verdoppelt, zudem sind sie intensiver und länger geworden.
Und: Eine Normalisierung ist nicht zu erwarten, da die natürliche, alle paar Jahre auftretende pazifische Klimaschwankung El Niño gerade Fahrt aufnimmt, die die mittlere globale Wassertemperatur generell anhebt. Der alte Wärmerekord von 2016 war gemessen worden, als der letzte El Niño gerade in vollem Gange war, der aktuelle hingegen ist noch relativ schwach.
Fische leiden auch unter dem Klimawandel
Bedenklich ist die starke Erwärmung auch, weil die Ozeane ein wichtiger Klimaregulator sind und das Wettergeschehen weltweit bestimmen. Bisher haben die Weltmeere mit ihrem enormen Volumen rund 90 Prozent der Wärme aufgenommen, die durch den vom Menschen erhöhten Treibhauseffekt ins System gekommen sind. Die obersten wenigen Meter der Ozeane speichern laut NASA-Angaben genauso viel Hitze wie die ganze Erdatmosphäre. Die Meere erwärmen sich bisher langsamer als das Land, und manche Fachleute sehen die vielen Hitzewellen als Zeichen dafür, dass die Meerestemperaturen aufholen könnten.
Eine Theorie besagt, ein Teil der in den Ozeanen gespeicherten Wärme komme nun an die Oberfläche. Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif verweist auf eine weitere Gefahr: dass die wärmeren Meere weniger von dem CO2 aufnehmen, das die Menschen in die Atmosphäre emittieren – „mit der Folge einer sich beschleunigenden globalen Erwärmung“.
In der Fachwelt wird über eine ganze Reihe weiterer Ursache für die Hitzewallungen in den Meeren diskutiert. Darunter sind neben dem beginnenden El Niño das Rekordminimum bei der Meereisbedeckung in der Antarktis, das für höhere Wassertemperaturen sorgt, sowie die schwächeren Passatwinde in den Tropen, wodurch sich die kühlende Verdunstung über der Meeresoberfläche verringert. Hinzu kommt noch eine paradox anmutende Entwicklung: Die Sonneneinstrahlung über Atlantik und Pazifik ist erhöht, weil dort weniger Luftverschmutzung herrscht als vor der Einführung von schwefelarmen Schiffskraftstoffen 2020. Dadurch fällt die kühlende Wirkung des Drecks in der Luft weg.
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Was auch immer die Haupttreiber sind: Es gibt eine ganz Reihe Folgen, die auch für den Menschen unangenehm werden können. Ein der wichtigsten betrifft die Nahrungsketten in den Ozeanen: Das wärmere Wasser und vor allem die Hitzewellen drohen die Nahrungsketten in den Meeren zu stören, wodurch die Fischbestände abnehmen könnten – und damit auch die Erträge der für die Ernährung vieler Millionen Menschen wichtigen Fischerei. Auch die marinen Ökosysteme und Meereslandschaften verändern sich; im besonders von der Erwärmung betroffenen Mittelmeer zum Beispiel wird beobachtet, dass viele Bestände von Gorgonien (Weichkorallen) auf dem Weg zum Zusammenbruch seien. „Wir beobachten einen Prozess der Simplifizierung der marinen Ökosysteme“, beschreibt das der spanische Biologe Joaquim Garrabou. „Das ist so, als würde man einen Urwald mit jahrhundertealten Bäumen mit einer Wiese vergleichen.“
Wie schnell solche Veränderungen auch auf den Tourismus durchschlagen, ist unklar. Garrabou berichtet, dass vereinzelt bereits Strände hätten geschlossen werden müssen, weil sich im warmen Wasser giftige Mikroalgen ausgebreitet hätten. Und: „Menschen, die zum Tauchen kommen, um schöne Meereslandschaften voller Gorgonien zu sehen, könnten enttäuscht sein, da sie nicht mehr so schön sind wie früher.“
