- VonMichael B. Krawinkelschließen
„Loss and Damage“ ist eine Frage der Gerechtigkeit, statt nur von Großzügigkeit und Solidarität.
Auf den Carteret-Inseln im Pazifischen Ozean begann die Klimakrise mit dem Verschwinden der Kokosnuss. Weil der Meeresspiegel von Jahr zu Jahr stetig stieg, unterspülten die Wellen immer häufiger die Sandstrände und entwurzelten die Palmen auf dem Atoll – die Inselbewohner verloren eines ihrer Hauptnahrungsmittel. Hunger machte sich breit, so dass die Flucht aus ihren Dörfern auf die höher gelegene Hauptinsel von Papua-Neuguinea unausweichlich wurde. Auf dieser Flucht steht die Caritas Papua-Neuguinea den 3000 betroffenen Menschen seit mehreren Jahren zur Seite. Nötig war das, weil die staatlichen und internationalen Hilfen sich an vielen Stellen als unzureichend erwiesen. Unter anderem wurden den Flüchtlingen von katholischer Kirche und Caritas im Zuge der Umsiedlung Grundstücke gestiftet.
Das Schicksal dieser und anderer Opfer der Klimakrise wird auf der COP28 vom 30. November bis 12. Dezember unter dem Stichwort „Loss and Damage“ (Ausgleich von Schäden und Verlusten) verhandelt. Denn Hilfe für die Betroffenen von Extremwettereignissen ist längst nicht mehr nur eine Frage von Solidarität und Großzügigkeit. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, genauer: der Klimagerechtigkeit. Diese umfasst das Recht der von der Klimakrise betroffenen Menschen auf Katastrophenvorsorge, Frühwarnung, Schadensbegrenzung und Anpassung an die sich verändernden klimatischen Bedingungen. Seit langem fordern die Länder des Globalen Südens in den internationalen Klimaverhandlungen einen Finanzierungsmechanismus für solche „Schäden und Verluste“. Denn die unter den Extremwetterereignissen besonders stark leidenden Menschen in Ländern wie zum Beispiel Somalia, Pakistan und Haiti haben zur Klimakrise selbst kaum beigetragen. Gerade einmal für 0,13 Prozent der globalen CO2-Emissionen sind die am stärksten betroffenen Länder verantwortlich. Während für die größten Verursacher des Treibhauseffektes, darunter auch Deutschland, die Folgen der Klimakrise bislang eher selten zu spüren sind.
Es wird in Dubai deshalb viel um das Geld gehen, das Ausgleich für diese Ungerechtigkeit schaffen soll. Eine viel diskutierte Frage wird sein: Wer füllt den grünen Klimafonds und den noch zu etablierenden „Loss and Damage“-Fonds? Das ist eine wichtige Weichenstellung, doch die Diskussion darf aus Caritas-Sicht bei dieser Geld-Frage nicht stehen bleiben. Denn ebenso entscheidend für die Wirksamkeit der Fonds wird sein, wie die Vergabekriterien ausgestaltet werden: Werden etwa lokale Gemeinden und zivilgesellschaftliche Organisationen an der Basis mitentscheiden können über den Einsatz der Gelder? Lokale Lösungen und Entscheidungswege bieten aufgrund unserer Erfahrung die beste Gewähr dafür, dass die Hilfe dahin kommt, wo die Klimakrise die größten Schäden anrichtet und die Not am größten ist. In der Tendenz gilt: Je lokaler, desto besser, desto näher an den Menschen.
Das gilt auch für die Anpassung an die Klimakrise. Aktuell werden mit rund zwei Dritteln der Mittel der öffentlichen Klimafinanzierung Erneuerbare Energien gefördert, deren Ausbau lukrativ ist, weil entsprechende Renditen zu erzielen sind. Nur ein Teil des Geldes fließt hingegen in die echte Klima-Anpassung, die ganz unmittelbar dem Schutz der Menschen vor Klimakatastrophen dient. Das ist aus unserer Sicht deutlich zu wenig.
Deutlich zu wenig zum Beispiel für die Inselbewohner von Papua-Neuguinea, die bislang von solchen Fonds nicht profitieren. Aber nicht nur sie brauchen mehr Unterstützung, schließlich leben dem Weltklimarat zufolge mehr als drei Milliarden Menschen in Regionen, die besonders stark unter den Folgen der Klimakrise leiden. Das ist fast die Hälfte der Menschheit. Und diese leben vor allem in Ländern, Küstenregionen und Inselgruppen des Globalen Südens.
Perspektivisch zeichnet sich damit ein humanitärer Bedarf ab, der weder von Hilfsorganisationen noch Nationalstaaten geleistet werden kann, wenn nicht massive Umschichtungen von Geldern erfolgen. Denn schon in den vergangenen zehn Jahren hat sich der weltweite Bedarf an humanitärer Hilfe verdoppelt und liegt bei jährlich ca. 39 Milliarden US-Dollar. Von Finanzzusagen gedeckt ist lediglich ein Bedarf von 20 Milliarden Dollar.
Hilfsorganisationen stehen damit schon heute immer häufiger vor dem Dilemma, dass Menschen in Not nicht mehr geholfen werden kann. Bereits jetzt muss Caritas international jährlich einer Million Menschen zur Seite stehen, die von den Folgen der Klimakrise besonders betroffen sind. Werden weiterhin Treibhausgase in die Luft abgegeben wie bisher, werden immer öfter Opfer von Hitze, Dürre oder Wirbelstürmen zwangsläufig nicht mehr versorgt werden können. Wer das verhindern will, muss ein Ende der fossilen Energieförderung fordern. Caritas tut das.
Diese politische globale Forderung muss aber flankiert werden von ganz konkreten Schritten auf der lokalen und regionalen Ebene. Jahr für Jahr verstärken wir als Caritas deshalb in Asien, Afrika, Lateinamerika und im Nahen Osten auf Dorf- und Stadtebene unsere Anstrengungen in der Katastrophenvorsorge und der Klima-Anpassung. Die Erfolge sind konkret messbar. So forderte im Jahr 1999 ein (namenloser) Zyklon in Südostasien noch mehr als 10.000 Todesopfer. Als zwanzig Jahre später der Zyklon „Fani“ mit gleicher Geschwindigkeit über die gleiche Landfläche in Indien zog waren es nur 33. Ein Erfolg vielfältiger Anstrengungen von Caritas und vielen anderen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, die von effektiveren Frühwarnungen über Risikoanalysen auf Dorfebene bis hin zu sturmsicheren Zyklon-Schutzbauten reichen.
Oliver Müller ist der Leiter von Caritas International.