Auch Union zweifelt an Zeitenwende

Merz-Minister bekräftigen schärfere Grenzkontrollen: Deutliche Kritik an Vorhaben folgt prompt

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Unter Kanzler Friedrich Merz soll an den deutschen Grenzen schärfer kontrolliert werden. Das Vorgehen wird aber nicht nur angezweifelt, sondern auch offen kritisiert.

Berlin – Knapp drei Monate liegen die forschen Ansagen nun zurück. In Kürze wird sich Friedrich Merz an ihnen messen lassen müssen. Wenn er im Bundestag zum Bundeskanzler gewählt und als solcher vereidigt ist. Im Endspurt des Wahlkampfes hatte der CDU-Chef – wohl auch unter dem Eindruck der Anschläge in den ersten Wochen des Jahres – dauerhafte Kontrollen an den Grenzen und konsequente Zurückweisungen illegal Einreisender angekündigt.

Thorsten Frei bekräftigte diese Aussagen nun noch einmal. „Jeder, der illegal nach Deutschland einzureisen versucht, muss vom 6. Mai an damit rechnen, dass an der deutschen Grenze Schluss ist. Niemand kann im Land seines Wunsches Asyl beantragen“, betonte der designierte Kanzleramtschef im Interview mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe und verwies zugleich auf das geplante Startdatum der Koalition aus Union und SPD.

Merz will schärfere Grenzkontrollen: Frei bestätigt Gespräche mit Nachbarländern

Der Antrag sei nach europäischem Recht dort zu stellen, wo die Person erstmals die Europäische Union (EU) betritt: „Das ist so gut wie nie Deutschland.“ Denn im Gegensatz zu vielen anderen Ländern des Staatenbundes besitzt die Bundesrepublik eben keine EU-Außengrenzen. Personenkontrollen würden ausgeweitet und intensiviert, verspricht Frei: „Es sollen sehr schnell die Voraussetzungen geschaffen werden, um illegale Migration effektiv zu begrenzen.“

So stellt sich Friedrich Merz das als Bundeskanzler vor: Eine Polizistin inspiziert ein Fahrzeug, das in die Bundesrepublik Deutschland gesteuert werden soll.

Manuel Ostermann fühlt sich angesprochen und bereit. Im Focus stellt der stellvertretende Bundesvorsitzender der DPolG Bundespolizeigewerkschaft und Parteifreund von Frei klar: „Wir können Zurückweisungen und Zurückschiebungen ab Tag eins durchführen. Die Kollegen warten nur darauf.

Allerdings wissen die beiden Christdemokraten auch, dass Deutschland hier keinen Alleingang wagen sollte. Schließlich gehören zu den Grenzen immer zwei Länder. Daher erwähnt Frei auch, dass Abstimmungen mit den Nachbarn getroffen werden müssten: „Diese Gespräche finden bereits statt, wir erfahren dabei für unseren Kurswechsel sehr viel Zustimmung.“ Als maßgebliche Ansprechpartner nennt der bisherige Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Frankreich, Österreich und Polen.

Kritik an Merz‘ Migrationsplan: Polen laut Diplomat gegen „Verschärfung der Grenzkontrollen“

Wie kompliziert sich diese Diskussionen gestalten können, zeigen die Aussagen von Jan Tombinski. Der Geschäftsträger der polnischen Botschaft in Berlin warnt im Nachrichtenmagazin Politico vor den negativen Begleiterscheinungen des Merz-Plans: „Die jetzigen Kontrollen an der deutsch-polnischen Grenze sind schon ein Problem für den täglichen Grenzverkehr und das Funktionieren des EU-Binnenmarktes.“

Hält die deutschen Grenzkontrollen für ein Problem für den EU-Binnenmarkt: Jan Tombinski ist seit August 2024 Geschäftsträger der polnischen Botschaft in Berlin.

Der einstige EU-Botschafter in der Ukraine und beim Heiligen Stuhl moniert, dass bereits jetzt auf den Straßen von Polen nach Deutschland teilweise stundenlange Staus entstehen – als Folge der verschärften Kontrollen durch die Ampel-Koalition. „Wir wünschen daher nicht, dass es zu einer Verschärfung der Grenzkontrollen kommt“, schickt Chefdiplomat Tombinski eine deutliche Botschaft an die Adressen von Merz, Frei und auch Alexander Dobrindt.

Dobrindt soll Grenzen kontrollieren lassen: Grüne sehen „fast unlösbare Aufgabe“

Denn auch der CSU-Landesgruppenchef soll eine entscheidende Rolle im Merz-Kabinett beim Thema Innere Sicherheit übernehmen: als Innenminister. Damit liegt es in seiner Hand, darüber zu bestimmen, was genau Einreisende an den Grenzübergängen erwartet. In der Süddeutschen Zeitung (SZ) merkt auch der einstige Verkehrsminister an, dass auch die europäischen Partner mit ins Boot genommen werden sollen und er bereits entsprechende Gespräche führe.

„Es werden keine Grenzen geschlossen, aber sie werden stärker kontrolliert“, nennt Dobrindt den Plan, für den er von Tombinski keinen Applaus absahnen dürfte. Kritik setzt es auch von anderer Seite, unter anderem von den Grünen. Die von der Regierungsbank in die Opposition wechselnde Öko-Partei zweifelt den Effekt von Merz‘ Migrations-Maßnahmen an, da sie Zurückweisungen an den Grenzen für nicht mit geltendem Recht vereinbar hält.

Übernehmen wichtige Posten in der Regierung von Kanzler Friedrich Merz: Thorsten Frei (l.) wird Kanzleramtschef, Alexander Dobrindt soll das Innenministerium führen.

Britta Haßelmann, Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, sieht auf Dobrindt daher eine „eine fast unlösbare Aufgabe“ zukommen. Damit fühlt sie sich erinnert an dessen erstes Ministeramt, in dem er am Vorhaben, eine Pkw-Maut einzuführen, „maximal gescheitert“ sei.

Sie geht davon aus, dass sich der 54-Jähige mit einem weiteren Prestigeprojekt verheben wird. „Ich bin gespannt, wie lange es diesmal dauert, bis das von Gerichten kassiert wird“, gibt Haßelmann der Koalition mit auf den Weg.

„Zeitenwende“ durch Merz-Regierung? Auch Union soll an Migrationsplan zweifeln

Komplett überzeugt soll auch die Union nicht sein. Die SZ berichtet von Zweifeln innerhalb der Schwesterparteien, inwiefern sich die von Merz geschürten Erwartungen tatsächlich erfüllen lassen. Den Politikern sei bewusst, dass sich Tausende Kilometer Grenze nicht lückenlos kontrollieren lassen. Nur aussprechen will das niemand so deutlich. Ein nicht näher benannter Abgeordneter sagte immerhin: „Ob wir in der Innenpolitik wirklich eine Zeitenwende erleben, ist doch längst nicht ausgemacht.“

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Daniel Thym hat zumindest eine Idee, wie eine Migrationswende im Sinne des Rechts aussehen könnte. Denkbar wäre etwa, dass Familien und Minderjährige aus humanitären Gründen weiter ins Land kommen, während junge Männer zwischen 18 und 40 Jahren zurückgewiesen werden“, schlägt der Professor für Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht an der Universität Konstanz vor. Mit diesem Modell dürften sich die Chancen erhöhen, dass Gerichte „mitspielen“. (mg)

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