Nach Söders Absage an eine Kanzlerkandidatur: Bekommt Merz Konkurrenz aus NRW?
VonAndreas Apetz
schließen
NRW-Ministerpräsident Wüst wird im Rennen um eine Kanzlerkandidatur immer präsenter. Dabei stellt er den Gegenentwurf zur konservativen Parteispitze dar.
Düsseldorf – In der Union scheint sich ein neuer Kandidat im Rennen um die Kanzlerfrage mit einzumischen. Nachdem sich der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder im Machtkampf um die Kanzlerkandidatur bislang eher verhalten zeigen, rückt nun ein Mann in den Fokus: Hendrik Wüst. Der Ministerpräsident aus Nordrhein-Westfalen wird von vielen als ernstzunehmende Konkurrenz gehandelt.
NRW-Regierungschef Wüst lässt Frage von Kanzlerkandidatur offen
Steigende Flüchtlingszahlen, überlastete Kommunen, zu wenig Initiativen der Bundesinnenministerin: Mit seiner Kritik an der Bundesregierung schärft Merz das konservative Profil der Union. Als unangefochtener Parteichef hat der Oppositionsführer seine Fraktion hinter sich. Für viele gilt Merz deshalb als auch gesetzter Kanzlerkandidat der Union. CDU-Vize Carsten Linnemann bezeichnete Merz beim Spiegel als „den besten Kandidaten“ und auch Unions-Geschäftsführer Thorsten Frei stellte sich hinter eine Kanzlerkandidatur des Fraktionsvorsitzenden.
Doch nun tritt Konkurrenz aus den eigenen Reihen hervor und die Angst vor einer Wiederholung des K-Fragen-Chaos wie unter Armin Laschet wächst. NRW-Ministerpräsident Wüst hält sich aktuell noch bedeckt, wenn es um die Kanzlerkandidatur geht. Für ihn gebe es „klarere Aufgaben“ in Nordrhein-Westfalen, beispielsweise „die Transformation hin zur klimaneutralen Industrie“, sagte Wüst im Gespräch mit der Welt am Sonntag. Trotzdem gibt es Indizien, die Wüst ins Rennen um die Kanzlerkandidatur bringen.
Hendrik Wüst (l, CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, und Friedrich Merz, CDU-Bundesvorsitzender und Unionsfraktionsvorsitzender. (Archivbild)
Kanzlerfrage in der Union: Wüst als Gegenmodell zu Merz
Für viele wirkt Wüst wie der Gegenentwurf zum konservativen Parteivorsitzenden: Während die CDU in NRW mit den Grünen in einer harmonischen Koalition von modernen Familienmodellen und offener Gesellschaft spricht, hält Merz den Klimaschutz für überbewertet und spricht in puncto Migration von „Sozialtourismus.“ Nachdem Merz Schüler mit Migrationshintergrund als „kleine Paschas“ bezeichnet hatte, sprach Wüst von der wichtigen Zukunft „unseren Kindern“, unabhängig von „diesem oder jenem Hintergrund.“
Seinen öffentlichen Auftritt weiß der NRW-Ministerpräsident für sich zu nutzen. Auf sozialen Plattformen wie Twitterzeigt sich Wüst weltoffen beim Fastenbrechen mit Muslimen, in einer Privataudienz beim Papst, beim Tennis mit Boris Pistorius (SPD) oder ganz leger im Hoodie mit Currywurst.
Wie der Spiegel berichtet, wird bei den Christdemokraten gelästert, Wüst würde vor allem auf Selbstinszenierung setzen. Merz verzichtete bisher weitgehend auf derartige Auftritte. Und wenn, dann gab es eher Hohn und Spott, beispielsweise nach einem Post auf Twitter, als sich der CDU-Chef im Krankenpfleger-Outfit fotografieren ließ: „In der Karwoche habe ich ein Versprechen eingelöst: eine Schicht auf der #Intensivstation des Klinikums Hochsauerland zu absolvieren“, schrieb Merz dazu.
Wüst hat mehr Regierungserfahrung als Merz
Auf Bundesebene punktet Wüst innerhalb der eigenen Partei. Zur anstehenden Bürgerschaftswahl in Bremen reiste der Ministerpräsident nach Bremen und Bremerhaven, um beim Wahlkampf zu unterstützen. „Dass du dir so viel Zeit nimmst“, zitierte der Spiegel die Schwärmerei beiden CDU-Spitzenkandidaten, Frank Imhoff und Wiebke Winter aus Bremen. Für Imhoff und Winter ist Wüst ein Vorbild, heißt es.
Nachdem Merz es versäumt hatte, Altkanzlerin Angela Merkel zur Verleihung des Großkreuzes zu gratulieren, überreichte Wüst ihr den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen und würdigte die Merkel auf Twitter als „herausragende Persönlichkeit“ und „prägende Politikerin.“
In der Union fährt Wüst einen klaren Kurs: Mit seiner modernen und offenen Linie, konterkariert er das sonst so konservative Auftreten seiner Partei – und damit auch Merz. Dazu kommt auch noch: Obwohl Wüst erst seit anderthalb Jahren Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen ist, hat der 47-Jährige auch schon mehr Regierungserfahrung als Merz. Wüst war schon Verkehrsminister in seinem Land, während Merz nur Oppositionsarbeit kennt.
Bremen-Wahl: Das Spitzenpersonal der Parteien im Überblick
Währenddessen kommt aus Bayern kaum etwas zur K-Frage. Der CSU-Vorsitzende Markus Söder hatte am Mittwoch (3. März) in der ZDF-Sendung Markus Lanz eine mögliche Kandidatur seinerseits definitiv ausgeschlossen. „Für mich ist das Thema erledigt. Das ist total erledigt“, sagte Söder auf die Frage, ob er noch einmal kandidieren würde. Er habe einmal ein Angebot gemacht, dann hätten sich „Mehrheiten anders ergeben, das habe ich zu respektieren“, sagte Söder mit Blick auf die Kanzlerkandidatenentscheidung bei der CDU/CSU vor zwei Jahren. „Meine Lebensaufgabe ist Bayern.“
Wie der Spiegel aus CSU-Kreisen erfahren haben will, soll für Söder das Thema Kanzlerkandidatur jedoch alles andere als ad acta gelegt worden sein. Diese hänge, ebenso wie Söders politische Zukunft, von den Ergebnissen der Landtagswahl im Oktober ab. (aa/dpa)