VonMarcus Giebelschließen
Iwan Popow war bislang wohl nur Militärexperten ein Begriff. Nun macht eine Sprachbotschaft des Generals die Runde, die Zündstoffpotenzial in sich birgt.
Saporischschja – Eine Sprachnachricht im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg erregt Aufsehen. Allerdings erst über Umwege. Abgesetzt hat sie Iwan Popow. Der russische General war bislang Oberbefehlshaber der im Süden der Ukraine stationierten 58. Armee der Streitkräfte Moskaus. Doch von dieser Aufgabe wurde der 48-Jährige entbunden, wie der Militär in seiner knapp vierminütigen Botschaft erklärt. Offenbar, weil er Kritik an seinen Vorgesetzten übte.
Aus Popows Nachricht zitieren unter anderem die Nachrichtenagenturen Reuters und Deutsche Presse-Agentur (dpa), aber auch die Kyiv Post. Zunächst hatte der Kommandeur seine Absetzung über seinen eigenen Telegram-Kanal öffentlich gemacht. Später verbreitete auch der Duma-Abgeordnete Andrej Guruljow die Sprachnachricht auf seinem Telegram-Kanal. Weil die erste Veröffentlichung nicht die erhoffte Reaktion hervorrief? Bei Guruljow handelt es sich um einen ehemaligen Armeekommandanten, der selbst der 58. Armee vorstand und oftmals im russischen Staatsfernsehen auftritt.
Putin feuert General wegen Kritik: „Meine Gladiatoren, ich erwarte mein militärisches Schicksal“
In der Sprachnachricht wendet sich Popow an seine Soldaten. „Meine lieben Gladiatoren, ich wurde von meinen Pflichten entbunden und erwarte mein militärisches Schicksal“, wird er zitiert. Es sei „eine schwierige Situation“ für die Oberbefehlshaber, weil es darum ging, zu schweigen und feige zu sein oder aufzustehen.
Für ihn aber gab es gar keine Wahl: „Ich hatte nicht das Recht, im Namen aller meiner im Kampf gestorbenen Freunde zu lügen, und deshalb habe ich alle Probleme in der Armee angeprangert.“ Dabei sei es um die Kampfhandlungen sowie die Versorgung gegangen. Und weiter: „Ich habe die Aufmerksamkeit auf die größte Tragödie des modernen Kriegs gelenkt – auf das Fehlen der Artillerieaufklärung und -bekämpfung und die vielen Toten und Verletzten durch die feindliche Artillerie.“
Wegen einer Intervention bei seinen Vorgesetzten – Namen nennt Popow nicht – sei er binnen eines Tages seines Postens enthoben worden. Laut Kyiv Post würden aber selbst russische Medien davon ausgehen, dass Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow die Adressaten waren. Das Duo war auch vom Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin oftmals öffentlich angezählt worden, was beinahe in einem Sturm seiner Söldnertruppe auf Moskau gegipfelt wäre.
Gefeuerter russischer General: „Unser Oberbefehlshaber fiel uns in den Rücken“
Popow, dessen Soldaten in der Oblast Saporischschja im Einsatz waren, betonte auch: „Die Soldaten der ukrainischen Streitkräfte konnten unsere Front nicht durchbrechen, aber unser Oberbefehlshaber fiel uns in den Rücken und enthauptete die Armee im schwierigsten und intensivsten Moment brutal.“
Die Authentizität der Nachricht konnte nicht unabhängig überprüft werden. Unklar war zunächst auch, wann sie aufgenommen wurde. Laut Kyiv Post übernahm Popow die 58. Armee im Oktober 2022 nach der Entlassung von Generaloberst Aleksandr Lyapin. Diesem waren demnach einige Niederlagen infolge der ukrainischen Gegenoffensive zu Last gelegt worden.
Über Popow soll es in russischen Militärnachrichten heißen, er sei innerhalb der Truppe beliebt, weil er sich auch für die Bedürfnisse einzelner Soldaten oder der Offiziere unter seinem Kommando einsetze und hohe Standards hinsichtlich Ethik und Professionalität verfolge. Er soll „Spartak“ – also Spartacus – gerufen werden. Der zuletzt bei einem Angriff von Marschflugkörpern in der russischen Kommandozentrale in der Nähe der Hafenstadt Berdjansk getötete Generalleutnant Oleg Toskow war wahrscheinlich Popows unmittelbar Vorgesetzter, heißt es in dem Bericht.
General nach Telegram-Botschaft gefeuert: Kriegsblogger sieht „mangelnde Einheit der Streitkräfte“
Wladimir Rogow, Russlands offizieller Vertreter in Saporischschja und bekannter Kriegsblogger, schrieb auf seinem Telegram-Kanal, Popow genieße „enorme Unterstützung“ unter den Soldaten, er sei ein „einfacher und verständlicher ehrlicher General“, dessen Botschaft die Kämpfer an der Front demoralisiert habe. Zudem kritisiert er: „Der Konflikt zwischen Popow und Gerassimow verdeutlicht vor allem eines: die mangelnde Einheit der Streitkräfte der Russischen Föderation. Und der Feind wird dies sicherlich ausnutzen.“
Deutliche Worte fand auch Igor Girkin alias Strelkow, einstiger militärischer Führer der separatistischen Volksrepublik Donezk. Der wegen der verlustreichen Schlacht zum unnachgiebigen Kreml-Kritiker aufgestiegene einstige Oberst schrieb auf seinem Telegram-Kanal, Popows Nachricht werde als „Unsinn, Skandal, höchst gefährlicher Präzedenzfall“ abgetan. Doch es handele sich bei ihm eben nicht um einen „Verbrecher“, sondern um einen regulären Armeegeneral.
Seiner Meinung nach sei es „nur noch ein Katzensprung“ bis zu weiteren Meutereien oder einem unkontrollierten Zerfall der Armee. „Nur eine große militärische Niederlage trennt uns vom einem neuen ‚Marsch auf Moskau‘, durchgeführt von der regulären Armee“, scheint der 52-Jährige geradezu zu frohlocken.
Putin-Propagandistin nimmt Popow in Schutz: „Auf solche Kommandeure kann Vaterland stolz sein“
Zu Wort meldete sich via Telegram auch Margarita Simonjan, die als zentrale Figur der russischen Propaganda gilt. Die 43-Jährige ist Chefredakteurin von Rossija Sewodnja („Russland heute“). Sie nimmt Popow in Schutz und schiebt die gesamte Schuld für die Veröffentlichung der Sprachnachricht auf Guruljow.
Denn der Appell des Generals sei lediglich in geschlossenen Chats geteilt worden: „Die Tatsache, dass der ‚Stellvertreter‘ Guruljow ihn irgendwie in die Hände bekam und daraus eine politische Show gemacht hat, sollte nur ihm angelastet werden. Genauso wie seine anderen Statements und Kommentare.“
Popow, den sie sogar beim Vornamen nennt, habe dagegen ein reines Gewissen: „Auf solche Kommandeure kann das Vaterland stolz sein.“ Zum Schluss folgt noch ein Satz, den auch Wladimir Putin kaum besser hätte formulieren können: „Die Armee war und bleibt aus der Politik heraus.“ (mg)
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