Demokratiedefizite

Kurdischer Bürgermeister festgenommen – Erdogan will weitere Zwangsverwalter einsetzen

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Nach der Absetzung des Bürgermeisters von Hakkari, sollen weitere folgen. Die Namen dazu kommen von Regierungspartner, der rechtsradikalen MHP.

Ankara – Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan lässt den Druck auf kurdische Politiker erhöhen. Am Montag wurde der kurdische Bürgermeister von Hakkari, Mehmet Siddik Akis (Dem Parti), durch einen Zwangsverwalter ausgetauscht und anschließend festgenommen. Das Innenministerium begründete seine Entscheidung damit, Akis habe Terrordelikte begangen.

Der rechtsradikale Regierungspartner MHP und sein Vorsitzender, Devlet Bahceli, sind zufrieden. „Der Bürgermeister von Hakkari wurde vom Dienst suspendiert und verhaftet. Der Gouverneur von Hakkari wurde zum amtierenden Bürgermeister ernannt. Unser Innenministerium hat im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen eingegriffen“, sagte MHP-Chef Bahceli bei seiner Fraktionssitzung. Die MHP steht in einer Allianz mit der AKP und tritt bei Wahlkämpfen gemeinsam auf.

Bürgermeister von Van und Mardin sollen die Nächsten sein

Es sollen offenbar weitere Bürgermeister der pro-kurdischen Dem Parti durch Zwangsverwalter ersetzt und anschließend verhaftet werden. „Der Bürgermeister von Van wird seines Amtes enthoben“, sagte der Rechtsanwalt Cem Kaya in einer TV-Sendung. Dasselbe gelte auch für den Bürgermeister von Mardin, Ahmet Türk. Schuld daran sei die Dem Parti. „Habt ihr keine anderen Kandidaten, die nicht kriminell sind oder gegen die keine Ermittlungen laufen?“, fragt Kaya in der Sendung. Kaya tritt regelmäßig im türkischen TV und leistet Lobbyarbeit für die rechtsradikale Partei.

27 kurdischen Bürgermeistern droht Absetzung und Verhaftung

Insgesamt droht 27 weiteren Bürgermeistern der Dem Parti der Austausch durch einen Zwangsverwalter und die Verhaftung – ebenfalls wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Terrorpropaganda. Das hatte der regierungsnahe Journalist Nedim Sener in seiner Kolumne in der Zeitung Hürriyet am 6. Mai geschrieben. Ihr werde ebenfalls Terrordelikte vorgeworfen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan geht mit ganzer Härte gegen die kurdische Minderheit im Land vor. (Archivbild)

Seit der Festnahme des Bürgermeisters von Hakkari gibt es in verschiedenen Städten der Türkei Proteste. In den sozialen Medien wurden Videos geteilt, in denen zu sehen ist, wie zusätzliches Militär nach Hakkari verlegt wird. Und auch Präsident Recep Tayyip Erdogan signalisiert weitere Festnahmen kurdischer Politiker. „Hakkari war nur ein erster Schritt und die Justiz hat das notwendige getan. Und sie wird das auch weiterhin tun“, sagte Erdogan in einer Fraktionssitzung am Mittwoch.

Oppositionsführer Özgür Özel (CHP) kritisiert das Absetzen gewählter kurdischer Bürgermeister. „Die Stimme des Volkes ist die Wahlurne. Ihr könnt nicht sagen, wir nehmen das Recht unter unsere Füße und setzen die Verfassung außer Kraft und das ist für das Interesse des Volkes. Über das Interesse des Volkes entscheidet das Volk“, sagte am Donnerstag Özel vor Journalisten.

Dem Parti hält dagegen: „Wollt ihr den Kurden die Staatsbürgerschaft entziehen?“

Die Dem Parti will sich der Absetzung und Verhaftung ihrer Bürgermeister nicht beugen und kündigt Widerstand an. „Der Wille des kurdischen Volkes wurde gestohlen. Wollt ihr den Kurden die Staatsbürgerschaft entziehen, sie ins Ausland vertreiben und ihr Eigentum zerstören? Ihr könnt nicht das Gesetz mit Füßen treten und die Rechte der Nation mit Betrug an euch reißen“, sagte der Abgeordnete Ömer Faruk Gergerlioglu bei seiner Parlamentsrede am Donnerstag.

Nichts mehr wie zuvor - ein außenpolitischer Rückblick

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Januar: Geschichte ist zuerst immer Tragödie, danach nur Farce. Die Gefolgschaft des geschassten brasilianischen Präsidenten Bolsonaro versucht eine Kopie des Trump-Putsches 2021, stürmt die Hauptstadt Brasilia und scheitert kläglich. Aber man sieht mal wieder die Prachtbauten Oscar Niemeyers.  © AFP
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Seit April: Finnland ist das 31. Mitglied der Nato – Putin und seiner Invasion der Ukraine sei’s gedankt. Damit beendet Helsinki seine Neutralität und wird westlich. Die finnische Marine läuft dann im November zum „Freezing Winds“-Manöver mit ihren neuen Kameradinnen und Kameraden in die Ostsee aus.  © IMAGO/Lehtikuva
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Mai: So stellt sich Recep Tayyip Erdogan die Zukunft der muslimischen Welt vor – Somalis feiern die Wiederwahl des türkischen Präsidenten. Merke: Die Freudenfeiern in Mogadischu hat die somalische Regierung organisiert. Erdogan kann nun an seiner „osmanischen“ Renaissance weiterarbeiten.  © AFP
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Juni: Söldnerunternehmer Jewgenij Prigoschin will seine „Loyalität zu Putin“ bekunden und inszeniert einen Putsch seiner „Wagner“-Truppe. Im letzten Augenblick wird er ins Exil nach Belarus abgelenkt. Im August stürzt er mit einem Flugzeug ab, seitdem verehrt man in Moskau sein Andenken.  © AFP
August: Die Freude in Gabun ist riesig, als das Militär die Herrscherdynastie Bongo nach fast 56 Jahren an der Macht endlich wegputscht. Vor Gabun wurde im Niger geputscht, davor in Mali, davor in der Zentralafrikanischen Republik. Besser wird das Leben unter den neuen Mächtigen in Tarnfarben aber nicht. rut/Bild: Afp
August: Die Freude in Gabun ist riesig, als das Militär die Herrscherdynastie Bongo nach fast 56 Jahren an der Macht endlich wegputscht. Vor Gabun wurde im Niger geputscht, davor in Mali, davor in der Zentralafrikanischen Republik. Besser wird das Leben unter den neuen Mächtigen in Tarnfarben aber nicht.  © AFP
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September: Die prekäre Lage der armenischen Enklave Berg-Karabach in Aserbaidschan endet innerhalb eines Tages mit Waffengewalt. Nach dem Sieg der Aseris im „Drohnenkrieg“ im September 2020 war das fast schon zu erwarten. Die 120 000 dort Ansässigen ergreifen die Flucht nach Armenien.  © AFP
Seit Oktober: Israelische Reservistinnen und Soldaten, Frauen und Männer nehmen am 7. November, einen Monat nach den Angriffen der Terrororganisation Hamas auf den Süden des Landes, an einer von Kerzen beschienenen Mahnwache auf dem Kikar Dizengoff in Tel Aviv teil. Die Massaker, bei denen um die 1200 Menschen getötet wurden, versetzen das Land in einen Schockzustand, von dem es sich nur langsam löst. Während man sich weitestgehend einig ist, dass die Hamas nicht mehr länger hingenommen werden kann, melden sich auch immer mehr Stimmen, die der Regierung Netanjahu Versagen aus eigenem Interesse vorwerfen. rut/Bild: JACK GUEZ/AFP
Seit Oktober: Israelische Reservistinnen und Soldaten, Frauen und Männer nehmen am 7. November, einen Monat nach den Angriffen der Terrororganisation Hamas auf den Süden des Landes, an einer von Kerzen beschienenen Mahnwache auf dem Kikar Dizengoff in Tel Aviv teil. Die Massaker, bei denen um die 1200 Menschen getötet wurden, versetzen das Land in einen Schockzustand, von dem es sich nur langsam löst. Während man sich weitestgehend einig ist, dass die Hamas nicht mehr länger hingenommen werden kann, melden sich auch immer mehr Stimmen, die der Regierung Netanjahu Versagen aus eigenem Interesse vorwerfen.  © AFP
Dezember: Nikki Haley mag so chancenlos wie die ganze republikanische Konkurrenz Donald Trumps sein. Aber wenigstens stellt die einzige Frau im Verfolgerfeld – ehedem UN-Botschafterin von Trumps Gnaden – sich klar gegen den Mann, der für seinen Wahlsieg 2024 schon eine Diktatur angekündigt hat. rut/bild:Sophie Park/AFP
Dezember: Nikki Haley mag so chancenlos wie die ganze republikanische Konkurrenz Donald Trumps sein. Aber wenigstens stellt die einzige Frau im Verfolgerfeld – ehedem UN-Botschafterin von Trumps Gnaden – sich klar gegen den Mann, der für seinen Wahlsieg 2024 schon eine Diktatur angekündigt hat.  © Getty Images via AFP

Die Türkei hat dagegen mit großen Problemen zu kämpfen. Zum einen steckt das Land in einer Wirtschaftskrise. Eine offizielle Inflation von 75 Prozent und Währungsverfall treiben immer mehr Menschen in die Armut. Zudem kommen immer neue Fälle ans Tageslicht, die eine Zusammenarbeit zwischen Regierung und organisierter Kriminalität aufzeigen, so wie im Fall des inhaftierten Ayhan Bora Kaplan. Eine Ablenkung der eigentlichen Probleme durch kurdische Bürgermeister, die zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei gehören und damit Terroristen sein sollen, ist da sicherlich willkommen. (erpe)

Rubriklistenbild: © Adem Altan/afp

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