„Qualifizierung ist ein Riesenthema“

Microsoft baut Zentrum in Strukturwandel-Region – so geht es weiter

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Braunkohle-Revier steht vor einer tiefgreifenden Transformation: Arbeitsminister Heil spricht von einer „Blaupause“ für ganz Deutschland.

Köln – Wieder sind es Baggerschaufeln, die Stück für Stück die Erde abtragen. Diesmal geht es im Rheinischen Revier aber nicht um Braunkohle: An der A61 bei Bedurg in NRW wird ein Gewerbegebiet gebaut. 44 Hektar groß soll es werden, das sind gut 70 Fußballfelder. Knapp die Hälfte wird Microsoft belegen, mit einem Rechenzentrum siedelt sich der US-Software-Gigant hier an, Tausende Menschen sollen dort arbeiten.

Microsoft baut Rechenzentrum in Braunkohle-Revier: Strukturwandel nach Kohleausstieg 2030

Jahrzehntelang hatte der Braunkohleabbau die Landschaft in der Region bei Aachen in NRW für immer verändert, ganze Dörfer mussten den Schaufelradbaggern des Energiekonzerns RWE weichen. Zehntausenden bot der Abbau Arbeit. Mit dem vorgezogenen Kohleausstieg 2030 steht die Region vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Siedlungen werden zu Geisterstädten, wo nachts Metalldiebe die Regenrinnen verwaister Häuser abmontieren. Und viele der Noch-Beschäftigten bangen um ihre Jobs.

Die verlassenen Dörfer bei Lützerath – so sehen sie heute aus

Leerstehende Häuser in Dörfern bei Lützerath
Eine Gaststätte in Keyenberg. Weinranken haben die Fassade überwuchert, der Innenraum ist leer.  © Peter Sieben
Straße in Keyenberg
Leere Straßen und leere Häuser in Keyenberg. © Peter Sieben
Leerstand in Keyenberg
Auch dieser Metzgerladen steht leer. © Peter Sieben
Keyenberg bei Lützerath
In dem Tagebau-Dorf wohnen kaum noch Menschen.  © Peter Sieben
Fenster eines Hauses in Keyenberg
Einige Bewohner sind geblieben – in der Hoffnung, dass es eines Tages wieder lebendig wird in Keyenberg.  © Peter Sieben
Hausfassade in Keyenberg
Um viele Häuser kümmert sich niemand mehr. © Peter Sieben
Verlassene Häuser in Keyenberg
In einigen Dörfern wohnt nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Einwohnerzahl © Peter Sieben
Leerstand in Kuckum
Ein leerstehendes Geschäft in Kuckum. Von den einst 500 Einwohnern sind noch etwa 40 übrig.  © Peter Sieben
Überwuchertes Ladenschild
Ein Laden in Unterwestrich bei Lützerath, den es schon lange nicht mehr gibt.  © Peter Sieben
Verlassener Hof in Unterwestrich
Auch dieser alte Hof in Unterwestrich bei Lützerath ist längst verlassen. © Peter Sieben
Leere Straßein Keyenberg
Die Rolläden sind an den meisten Häusern in Keyenberg heruntergelassen.  © Peter Sieben
Weihnachtsschmuck in Keyenberg
Obwohl nicht mehr viele Menschen hier leben, steht ein Weihnachtsbaum vor der Kirche in Keyenberg. © Peter Sieben
Schild gegen Diebe in einem Vorgarten
In den leerstehenden Häusern in Unterwestrich, Keyenberg oder Kuckum kommt es oft zu Einbrüchen. Die, die noch hier wohnen, wollen Diebe und Vandalen mit solchen Schildern fernhalten.  © Peter Sieben
Gelbes Kreuz auf einer Mauer
Das gelbe Kreuz ist zum Symbol der Protestierenden geworden, die Dörfer wie Lützerath vor dem Abriss bewahren wollen. Man findet es überall in den halbverlassenen Orten nahe dem Tagebau Garzweiler.  © Peter Sieben
Der Friedhof von Kuckum bei Lützerath
Der Friedhof von Kuckum: Regelmäßig werden Gräber werden immer noch umgebettet – obwohl der Ort erhalten bleibt.  © Peter Sieben
Camp in Lützerath
Von den ursprünglichen Hof-Bewohnern ist in Lützerath niemand mehr da. Heute besetzen Klimaaktivisten den Weiler.  © Peter Sieben
Camp Lützerath
Das Camp der Klimaaktivisten in Lützerath am 7. Dezember: RWE hat das Dorf an diesem Tag vom Strom getrennt. © Peter Sieben
Baumhaus im Camp von Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Baumhaus in Lützerath
Manche der Baumhäuser in Lützerath sind in großer Höhe erbaut. © Peter Sieben
Hof in Lützerath
Die alten Gehöfte bieten ohnehin nur bedingt Schutz – ohne Strom wird es in Lützerath noch härter © Peter Sieben
Barrikaden in Lützerath
Im Januar soll Lützerath geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt.  © Peter Sieben
Ein zerstörtes Auto im Camp von Lützerath
Direkt an der Grenze zum Camp in Lützerath liegt der Tagebau Garzweiler von RWE.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp am Abgrund: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebbau Garzweiler II.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger
Die Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler von RWE stehen unmittelbar an der Kante zu Lützerath.  © Peter Sieben
Heimtrainer vor der Grube von Garzweiler
Ein Heimtrainer am Abgrund. Am Tagebau Garzweiler gibt es immer wieder Mahnwachen der Aktivisten aus Lützerath. © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben

Mit der Ansiedlung von Tech-Unternehmen soll wieder Leben in die Region einkehren, das Rheinische Revier soll ein bundesweites Beispiel für gelungene Transformation werden. Nur: Die Städte und Kommunen stehen vor gewaltigen Herausforderungen, wie auf der Revierkonferenz am Dienstag in Bedburg deutlich wurde.

Hubertus Heil zu Kohleausstieg in NRW: „Blaupause für Transformation in ganz Deutschland“

Zu Gast: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. Der sprach erst einmal vom Erbe, das die Region hinterlasse. „Man darf nicht vergessen, dass Deutschland ohne die Leistung der Menschen hier nicht die Wirtschaftskraft hätte, die es heute hat“, so Heil am Rande der Veranstaltung. Es gehe nun darum, Strukturbrüche zu verhindern und dafür zu sorgen, „dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und die Region eine Perspektive haben“. Das Projekt Rheinisches Revier sei „die Blaupause für die Frage in ganz Deutschland, wie wir es schaffen, Transformation in Regionen hinzubekommen“.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil.

Dabei soll eine Finanzspritze helfen: 15 Milliarden Euro will der Bund investieren, „um neue Geschäftsmodelle und zukunftsträchtige Arbeitsplätze in einem lebenswerten Umfeld zu entwickeln“, wie es beim NRW-Wirtschaftsministerium heißt.

Aber: Kommen die Braunkohle-Arbeiter überhaupt künftig in den neuen Unternehmen, die vor allem aus der Hightech-Branche kommen, unter? „Die Frage der Qualifizierung ist ein Riesenthema“, sagte Jochen Ott, Chef der NRW-Landtagsfraktion der SPD. Er appellierte an die schwarz-grüne Landesregierung: „Wir brauchen dringend eine Initiative, dass die Beschäftigten, die jetzt an den Kraftwerksstandorten arbeiten, spüren, dass sie eine Chance haben.“ Eine solche Initiative fehle bislang. Immerhin: Microsoft plant auch eine Aus- und Weiterbildungsoffensive. Insgesamt will das Unternehmen rund 3,2 Milliarden Euro in Deutschland investieren.

Nach Ampel-Aus: Kommt Gesetz zur Energiesicherung noch vor Neuwahl in den Bundestag?

Derweil mehren sich Zweifel daran, dass der Kohleausstieg bis 2030 überhaupt wirklich gelingen kann. Voraussetzung für den vorgezogenen Kohleausstieg ist, dass alternative Kapazitäten die Stromproduktion aus Kohle ausgleichen können. Geplant sind neue Gaskraftwerke, das grüne Bundeswirtschaftsministerium hat dafür das Kraftwerkssicherungsgesetz vorbereitet. Nach dem Ampel-Aus ist allerdings unklar, ob das Gesetz noch vor den Neuwahlen am 23. Februar in den Bundestag eingebracht wird.

Rubriklistenbild: © Peter Sieben

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