Atomkraft

Mini-Atomkraftwerk wird nicht gebaut

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So sollte es auch beim US-Projekt laufen: Im chinesischen Changjiang wird im August der erste SMR-Reaktor installiert.
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Die SMR-Technologien in den USA erleiden Rückschläge. Eine Studie rät von weiteren Investitionen ab.

Für die AKW-Branche, deren Anteil an der globalen Stromerzeugung seit Jahren zurückgeht, sind kleine Atomkraftwerke („small modular reactor“, kurz: SMR) ein Hoffnungsträger. Die Idee dabei ist, dass die Mini-Reaktoren aufgrund ihres modularen Aufbaus zentral vorgefertigt und am jeweiligen Standort nur noch zusammengesetzt werden. Dadurch, so die Hoffnung, könnten die Baukosten deutlich niedriger ausfallen. Doch nun wurde ein SMR-Vorzeigeprojekt in den USA beerdigt – dasjenige der Nuscale Power Corporation.

Eigentlich sollten im Bundesstaat Idaho im Nordwesten der USA sechs der neuen AKW-Module mit je 77 Megawatt (MW) Leistung gebaut werden. Doch der Entwickler Nuscale und das Stromunternehmen Utah Associated Municipal Power Systems (Uamps) gaben jetzt bekannt, man werde das gemeinsam geplante „Carbon Free Power Project“ beenden. Grund sind deutliche Kostensteigerungen von geschätzten 5,3 auf 9,3 Milliarden US-Dollar und Finanzierungsprobleme.

Nach dem aktuellen Stand erscheine es unwahrscheinlich, dass sich ausreichend Abnehmer für die Energie finden, die in den Mini-AKW erzeugt werden soll, heißt es in einer Mitteilung der Unternehmen. Zu Uamps gehören öffentliche Energieversorger in sieben westlichen US-Bundesstaaten, darunter neben Idaho auch Kalifornien und Arizona.

Seit Bill Gates mitmischt, häufen sich die Schlagzeilen

Die Unternehmen hatten geplant, die Kleinreaktoren bis 2029/2030 in Serie zu bauen und mit ihnen die Stromerzeugung zu übernehmen, die in der Region bisher von Kohlekraftwerken geleistet wird. Daraus wird nun offenbar wegen der hohen Strompreise nichts, die für die SMR kalkuliert wurden. Laut dem US-Thinktank Ieefa stieg er von den 2021 noch anvisierten 5,8 auf 8,9 US-Cent pro Kilowattstunde, und das trotz eingerechneter Steuersubventionen auf Atomstrom.

Schlagzeilen macht die „neue“ Atomkraft, seit der Microsoft-Gründer Bill Gates 2006 mit seiner Firma „Terra Power“ in die SMR-Entwicklung einstieg, die vom US-Energieministerium mitfinanziert wird. Gates sieht sie als Lösung für den Klimaschutz. Terra Power arbeitet an einem Prototyp im Bundesstaat Wyoming. Geplant ist dort von 2030 an ein Reaktor mit 345 Megawatt Leistung, der mit Natrium gekühlt wird.

Viele Länder sind aktiv

Weltweit werden aktuell mehrere Dutzend verschiedene Klein-AKW-Typen entwickelt, wobei die Konzepte teils auf Reaktor-Entwürfe aus den 50er Jahren zurückgehen. Größtenteils wird dies auf staatlicher Ebene finanziert: Neben den USA zählt laut Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung auch Kanada zu den aktivsten Ländern. Zudem laufen in China, Südkorea und Argentinien Pilotprojekte.

Auch in Europa werden ähnliche Pläne verfolgt. Die Mini-AKW-Idee erhielt hier 2021 neuen Schub, als die Regierungen von Frankreich, Großbritannien und Belgien ihre Unterstützung für die SMR-Entwicklung bekannt gaben. Paris kündigte an, eine Milliarde Euro hineinzustecken, London mobilisierte umgerechnet rund 250 Millionen Euro, Brüssel peilt 100 Millionen an. Frankreich und Großbritannien wollen dabei auf AKW-Technologien aufbauen, die die beiden Atommächte ursprünglich im Militärsektor entwickeln ließen – Kleinreaktoren, die als Antrieb in U-Booten und Flugzeugträgern genutzt werden.

Neben typischen Atomenergieländern zeigen auch Länder ohne Kompetenz und Infrastruktur in der Kerntechnik immer größeres Interesse an SMR, wie zum Beispiel Saudi-Arabien und Jordanien. jw/FR

Bei all diesen Projekten stellt sich die Kostenfrage, da die im zukünftigen klimafreundlichen Energiesystem mit möglichen neuen AKW konkurrierenden Erneuerbaren tendenziell billiger werden. Kritische Stimmen wenden zudem ein, dass die Mini-AKW nicht schnell genug in großer Zahl gebaut werden können, um den CO2-Ausstoß ausreichend zu senken. Laut Weltklimarat IPCC müssen die Emissionen für den 1,5-Grad-Pfad bereits bis 2030 um etwa 50 Prozent fallen.

Die Zweifel, dass die Atomkraft zur Klimaretterin taugt, untermauert eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Darin wurde die große Zahl von 2800 von Forschungsteams vorgelegten Klimaszenarien und der darin unterstellte zukünftige Energiemix untersucht.

Fachleute: „Erwarteter Boom ist unrealistisch“

Die meisten davon gehen laut DIW von einem erheblichen Anstieg der Atomkraft aus, was aber nicht der tatsächlichen Entwicklung dieser Energieform entspreche. Den Widerspruch bezeichnen die Studienautor:innen als „Atomenergie-Szenarien-Paradox“. Es bestehe die Gefahr, dass aufgrund der Klimaszenarien öffentliche und private Gelder in die Kernkraft investiert werden, obwohl andere Technologien rentabler und risikoärmer sind.

Weltweit sind derzeit 415 Atomreaktoren in Betrieb, es wird laut DIW allerdings erwartet, dass die Hälfte davon bis 2030 aus Altersgründen abgeschaltet wird. Folge man einer Steigerung der AKW-Neubau-Rate um 59 Prozent, wie etwa im optimistischen Szenario des Sonderberichts des Weltklimarates zum 1,5-Grad-Erwärmungslimit von 2018, müssten in den nächsten zehn Jahren mehr Atomkraftwerke gebaut werden als aktuell überhaupt am Netz sind. „Dieser erwartete Neubauboom ist unrealistisch“, sagte DIW-Co-Autor Jens Weibezahn. Derzeit werde weltweit nur an etwa 50 Neubauprojekten gearbeitet, von denen 31 gegenüber den Plänen bereits verspätet seien, teilweise sogar erheblich.

Interesse in Rumänien

Den Widerspruch zwischen zu optimistischen Szenarien und der Realität erklärt das DIW-Team mit „politökonomischen, institutionellen und geopolitischen Faktoren“. Die enge Verbindung zwischen militärischer und kommerzieller Nutzung von Atomenergie sowie das Interesse der Atomwirtschaft an der Selbsterhaltung spielten eine Rolle. Es gelte daher, Klimaszenarien kritisch zu hinterfragen. „Statt auf Atomenergie sollten Politik und Wirtschaft auf erneuerbare Energien setzen, die nicht nur strukturelle Kostenvorteile haben, sondern auch ungefährlich sind“, sagt die DIW-Abteilungsleiterin Claudia Kemfert.

Der Nuscale-Chef John Hopkins bleibt trotz des Rückschlags optimistisch: Man habe die SMR-Technologie „bis zur kommerziellen Einsatzphase gebracht“. Darauf werde man aufbauen. Interesse gebe es unter anderem in Rumänien.

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