May Mobility will Menschen, die kein Auto besitzen mit autonomen Fahrzeugen ans Ziel bringen.
Von Marinela Potor
Lebensmittel einkaufen, zum Arbeitsplatz gelangen, einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen: Diese Tätigkeiten gehören für die meisten von uns zum Alltag. Doch für einen Teil der US-Bevölkerung sind diese lebensnotwendigen Aktivitäten ein nahezu unüberwindbares Hindernis. Der Grund? Mangelnder Zugang zu Transportmitteln.
Rund sechs Prozent der US-Bevölkerung sind in dieser Situation, wie eine aktuelle Studie der Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) zeigt. Das wiederum führt zu weiteren Problemen. Menschen zögern beispielsweise ihre Arztbesuche hinaus oder können nur selten gesunde Lebensmittel kaufen – mit schwerwiegenden Gesundheitsfolgen, wie die CDC bemängelt.
Besonders akut ist die Situation für Personen mit geringem Bildungsabschluss und niedrigem Einkommen. Hier haben rund zehn Prozent, beziehungsweise 16 Prozent der Haushalte keinen gesicherten Transportzugang. Die indigene Bevölkerung, Latinas und Latinos sowie Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner sind davon überproportional betroffen.
Dies ist nichts Neues. US-Forschende untersuchen dieses Phänomen der „Transportation Insecurity“ seit den 1970er Jahren. Diese Transportunsicherheit wird definiert als „mangelnder Zugang zu Ressourcen, die es erlauben, regelmäßig, pünktlich und sicher von A nach B zu kommen“.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass unter diesen Gesichtspunkten Transportunsicherheit für 25 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner ein akutes Problem ist. Das gilt nicht nur für den ländlichen Raum, sondern auch für nahezu alle urbanen Zentren im Land. Denn mit wenigen Ausnahmen wie New York City oder Pittsburgh ist ein gut ausgebautes Transportnetz auch in den großen Städten der USA Mangelware. So decken öffentliche Transportmittel zwar die Innenstädte ab, bieten aber keine regelmäßigen Verbindungen zu weiter entfernten Stadtteilen oder Vororten. Genau hier wohnen jedoch die Menschen, die darauf angewiesen sind. Den Städten wiederum fehlt das Budget, um diese Randbezirke ins Transportnetz einzubinden.
May Mobility, ein Unternehmen, das sich auf die Herstellung von autonomen E-Fahrzeugen spezialisiert, arbeitet daran, dieses Problem zu lösen. Anders als viele autonome Autobauer will May Mobility nicht noch eine weitere Flotte von Robotertaxis in gut situierten Regionen etablieren, sagt Jorge Gutierrez, Produktionsleiter der May-Mobility-Flotte in Detroit. „Uns geht es darum, ein Transportbedürfnis in einem Ort zu erkennen und dann, gemeinsam mit den Städten, Lösungsansätze zu entwickeln.“
Dafür konzentriert sich der Autobauer auf elementare Lücken im Transportsystem. Können Einwohnerinnen und Einwohner etwa nicht von ihrem Wohnort zu dem öffentlichen Transitsystem gelangen, das sie in den Supermarkt, zum Krankenhaus oder zur Arbeit bringt? Dann versucht May Mobility diese „letzte Meile“ mit seinen Fahrzeugen abzudecken. Dazu leitet May Mobility zahlreiche Programme in US-Städten wie Detroit, Arlington oder Miami.
Der Service funktioniert wie eine Rideshare-Anwendung. Fahrgäste können bei Bedarf per App oder Telefon ein Fahrzeug bestellen, das sie dann an festgelegten Haltestellen abholt und zum gewünschten Ziel bringt. Alle eingesetzten Fahrzeuge nutzen autonome Technologien, um so eine bessere Zuverlässigkeit und höhere Frequenz zu garantieren.
Die Route der Flotte ist exakt festgelegt, damit die selbstfahrenden Autos problemlos zirkulieren können. Die meisten Autos sind barrierefrei und haben zur Sicherheit eine Fahrerin oder einen Fahrer an Bord. Das Angebot ist für die Fahrenden gratis und wird über staatliche Fördergelder finanziert.
In Detroit beispielsweise läuft seit Juni ein Pilotprogramm von May Mobility, um Seniorinnen und Senioren und Menschen mit Behinderungen zu örtlichen Märkten und Supermärkten zu fahren. Detroit gilt als „Lebensmittelwüste“, in der es ohne eigenes Auto sehr schwierig ist, an frische Lebensmittel zu gelangen. Die Bevölkerungsgruppe, die davon am stärksten betroffen ist, sind Menschen über 62 und Menschen mit Behinderungen. „Weil der Transport so spärlich und kompliziert ist, müssen diese Menschen ihren Einkauf teilweise Wochen im Voraus planen, insbesondere wenn sie einen barrierefreien Dienst nutzen wollen“, sagt Jorge Gutierrez. Entsprechend setzt May Mobility genau in den Stadtvierteln an, in denen diese demografische Gruppe am meisten vertreten ist. Aktuell bietet May Mobility seinen Fahrdienst an sechs Tagen pro Woche an und deckt eine Fläche von 28 Quadratkilometern ab.
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Wer rettet die USA? Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf geht es um nichts Geringeres, als den Erhalt der Demokratie. Viele Probleme bleiben dabei auf der Strecke. Doch statt sich damit abzufinden, kämpfen mutige Amerikanerinnen und Amerikaner jeden Tag dafür, dass es den Menschen in ihrem Land besser geht.
Jede Woche stellen wir in zwei Folgen Personen und Initiativen vor, die auf ihre Weise versuchen, Amerika zu retten. Vergangene Folgen sowie zusätzliche Bilder finden Sie online auf unserer Themenseite: fr.de/usa
Der Service kommt gut an, sagt Jorge Gutierrez: „Am meisten schätzen die Fahrgäste, dass das Angebot kostenfrei ist. Aber auch die Tatsache, dass wir einen regelmäßigen, barrierefreien Dienst haben, der spontan genutzt werden kann, ist eine große Hilfe.“ In den ersten Betriebsmonaten hat May Mobility nach eigenen Angaben in Detroit insgesamt 196 Passagiere transportiert, mit 83 Prozent wiederkehrenden Fahrgästen. Wenn das Programm weiter so erfolgreich läuft, soll es nach einem Jahr erneuert und die Route ausgeweitet werden.
Auch im kalifornischen Ort Martinez in der Nähe von San Francisco testet May Mobility seit September einen neuen Service. Hier arbeitet das Unternehmen mit dem örtlichen Krankenhaus Contra Costa Regional Medical (CCRM) zusammen, um nicht nur den Transport in die Kliniken von CCRM, sondern auch an umliegende Gesundheitseinrichtungen wie Labore oder Apotheken zu erleichtern. Dies ist vor allem für einkommensschwache Menschen mit Migrationshintergrund eine Herausforderung, sagt Eddie Topcu, Standortleiter von May Mobility in Martinez.
Denn diese haben in der Regel kein eigenes Fahrzeug und leben zudem in abgelegeneren Stadtteilen, wo die Mieten günstiger sind, es aber auch keine öffentlichen Transportmittel gibt. „Das macht es nicht nur schwierig, bei Notfällen schnell ins Krankenhaus zu kommen, sondern auch, auf gesundheitliche Prophylaxe zu setzen, also etwa regelmäßig zur Kontrolle zu gehen oder Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen“, erläutert Topcu. Das beeinträchtigt wiederum den allgemeinen Gesundheitszustand dieser Bewohnerinnen und Bewohner.
Darum konzentriert sich das Programm von May Mobility in Martinez in erster Linie auf den Transport zum und vom Krankenhaus. Auch hier nutzt das Unternehmen autonome Fahrzeuge, die bei Bedarf bestellt werden können. „Zwischen 14 Uhr und 18 Uhr fahren wir mit sechs Shuttles ausschließlich die Krankenhausroute und zwischen 18 Uhr und 21.30 Uhr bringen wir Fahrgäste auf Wunsch auch zu anderen Zielen, etwa in die Innenstadt oder zu Supermärkten“, sagt Topcu.
Noch sei es zu früh, um die Erfolge des Dienstes in Martinez zu messen, doch erste Reaktionen seien bislang sehr positiv. „Die Menschen sind sehr dankbar, dass sie nun so einfach ins Krankenhaus kommen können.“
Dass die Programme von May Mobility langfristig einen wichtigen Beitrag zur Transportsicherheit in den USA leisten können, zeigt das Beispiel Miami. Hier arbeitet May Mobility mit dem öffentlichen Transportanbieter der Region, DTPW, in Westchester und Dadeland North zusammen. In diesen zwei Stadtteilen haben rund zehn Prozent aller Haushalte kein eigenes Auto, was für die USA ein relativ hoher Anteil ist. Entsprechend sind die Einwohnerinnen und Einwohner auf DTPW angewiesen, insbesondere um zur Arbeit zu gelangen.
Doch schon die Anreise zu den Haltestellen ist für viele eine Herausforderung, da diese zu Fuß nicht erreichbar sind und es keine regelmäßigen Anbindungen gibt. Das wollte DTPW ändern und schloss sich darum 2023 mit May Mobility und Via, einem App-Entwickler für Routenplanung zusammen, erklärt Carlos Cruz-Casas, Chief Innovation Officer der öffentlichen Verkehrsbetriebe in Miami. „Wir haben gemeinsam das Programm MetroConnect gestartet, um die Abhängigkeit von privaten PKWs zu reduzieren, Zugang zu Arbeitsplätzen zu schaffen und eine umweltfreundliche Transportmöglichkeit zu bieten.“
Wie auch in Detroit und Martinez können die Bewohnerinnen und Bewohner von Westchester und Dadeland North die autonomen Fahrzeuge on-demand bestellen und gratis nutzen, um so zwischen ihren Wohnvierteln und den DTPW-Haltestellen zu pendeln. Die Shuttles befördern bis zu 4000 Fahrgäste im Monat, sagt Cruz-Casas und haben damit den Zugang zu Jobs in der Region nachhaltig verbessert. „Mit dem Service haben wir Einwohnerinnen und Einwohner besser mit den Stellen-Hubs in der Region verbunden. Als Ergebnis konnten wir 57 Prozent mehr Arbeitsplätze zugänglich machen.“ Die Nachfrage nach den Fahrzeugen von May Mobility ist mittlerweile so hoch, dass DTPW darüber nachdenkt, die Routen auszuweiten.
Das Transportmodell von May Mobility kann natürlich nicht alle Probleme der Transportunsicherheit in den USA lösen. Doch es ist ein Ansatz, der zumindest in einigen großen Städten benachteiligten Bevölkerungsgruppen einen gesicherten Zugang zu Ernährung, Gesundheitsversorgung und Arbeitsplätzen gewähren kann und somit die Lebensqualität der Menschen deutlich verbessert. Und das ist immerhin ein Anfang.
(Korrekturhinweis: Das Unternehmen May Mobility operiert in Arlington nicht in Austin. Der Fehler wurde am 30.10. korrigiert.)
