Kreml schürt Unruhen

Wird Moldau Russlands nächstes Opfer? „Wir stehen auf Putins Plan“

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Gekaufte Demonstranten: Anhänger der Shor-Partei ziehen am vergangenen Sonntag durch Moldaus Hauptstadt Chisinau.
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Der Ukraine-Krieg trifft auch das kleine Moldau mit Wucht. Dem Kreml ist das recht: Er schürt Unruhe und will das Land von innen heraus ins Wanken bringen.

Chisinau – Wladimir Putin ist längst da, zumindest auf dem Papier. Von einem schulterhohen Regal guckt er in das kleine Büro von Irina Tabaranu, drei Schreibtische, Stühle, ein großes Fenster, Blick auf viele stumme Dächer. Natürlich ist es nicht der leibhaftige Putin, der da schaut, sondern sein Porträt, gedruckt auf eine Rolle Klopapier. Ein runder Kopf pro Blatt, Wisch-Qualität extrarau. Auch ein Text steht da und wenn man Irina fragt, was die Buchstaben bedeuten, dann lacht sie leise.

Die 26-Jährige mit dem sanften Gesicht ist Journalistin in Chisinau, der Hauptstadt der Ex-Sowjetrepublik Moldau. Ihr Spezialgebiet: Transnistrien, jener Landstrich im Osten, der zu Moldau gehört, aber von prorussischen Separatisten kontrolliert wird. Ein Vorhof des Kreml. Lange arrangierte man sich in Chisinau damit. Aber seit der Krieg in der benachbarten Ukraine tobt, liegen die Dinge anders. Plötzlich schaut die Welt sorgenvoll auf ein Land, das zuvor nur wenige interessierte.

Moldau gehört zu den ärmsten Staaten Europas – und inzwischen auch zu den gefährdetsten. Fast täglich droht Moskau der pro-europäischen Regierung in Chisinau. Gerüchte über einen Umsturz machen die Runde. Es war Moldaus Präsidentin Maia Sandu, die kürzlich öffentlich vor Saboteuren und einem Staatsstreich warnte, die US-Regierung stimmte zu. „Ich bin mir 100-prozentig sicher, dass wir auf Putins Plan stehen“, sagt auch die Investigativ-Journalistin Tabaranu. Die Frage ist nur: Was plant er?

Ukraine als Bollwerk gegen Putins Truppen – Fällt Odessa, dann fällt Moldau

Die Furcht war schon mal sehr konkret. Als Russland im Frühjahr 2022 die ukrainische Hafenstadt Odessa angriff, da konnten sie hier im drei Autostunden entfernten Chisinau die Explosionen hören. Die Panik wuchs, umso mehr, als die Kreml-Truppen auf die weiter östlich gelegenen Städte Cherson und Mykolajiw marschierten. „Wir traten damals öffentlich auf, um die Leute zu beruhigen“, sagt Vitalie Stoian, ein bulliger Mittfünfziger mit rahmenloser Brille und Bürstenschnitt. „Hätten die Russen Odessa erobert, wären sie bald in Transnistrien gewesen und hätten uns angegriffen.“ Man ahnte: Fällt Odessa, dann fällt Moldau.

Stoian ist Brigadegeneral a.D. und war Chef der moldauischen Armee, die stolz ist, aber mit 6000 Soldaten auch ziemlich klein. Wie viele im Land macht er sich keine Illusionen. „Russland sieht uns noch immer als Teil der Sowjetunion“, sagt er weit zurückgelehnt in einem Stuhl. Böte sich die Chance, würde Putin Moldau schlucken. Aber solange die Ukraine standhält, ist ihm der Weg versperrt.

Man hört das oft hier in Chisinau: Die Ukraine ist das Bollwerk gegen Putins Truppen. Allerdings stehen im Kreml-hörigen Transnistrien schon russische Soldaten, und zwar nicht nur jene 400, die Moskau seit 1992 im Rahmen einer „Friedensmission“ stellt. „Es gibt noch eine operative Angriffseinheit, die total illegal dort ist“, sagt die Journalistin Irina.

Rund 1700 Soldaten, die meisten Transnistrier mit russischem Pass. Wie gut sie ausgerüstet sind, ist schwer zu sagen. Es heißt, seit der Krim-Annexion 2014 sei kein neues Gerät mehr aus Russland dorthin gelangt. Genau weiß das niemand. Zur Sicherheit hält selbst die Ukraine Soldaten an der Grenze stationiert.

Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern

Wladimir Putin ist seit dem 24. Februar 2022 auch Kriegsherr – auch wenn in Russland nach offizieller Lesart nur von einer militärischen „Spezialoperation“ in der Ukraine gesprochen wird.
Am 24. Februar 2022 befahl Wladimir Putin den Angriff russischer Truppen auf die Ukraine. Setdem ist er nicht nur Präsident Russlands, sondern Kriegsherr – auch wenn in Russland der Ukraine-Krieg nach offizieller Lesart nur eine militärische „Spezialoperation“ genannt wird. © Mikhail Klimentyev/Imago
Wladmir Putin mit Flottenchef Kurojedow
Von 1975 bis 1982 war der am 7. Oktober 1952 geborene Putin KGB-Offizier, von 1984 bis 1985 besuchte er die KGB-Hochschule in Moskau. Ab 1985 war er in der DDR tätig, hauptsächlich in Dresden. Danach ging es wieder zurück nach St. Petersburg. Vom 25. Juli 1998 bis August 1999 war Putin Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB. In dieser Eigenschaft traf er sich im November 1998 mit Flottenchef Wladmir Kurojedow (rechts). © Stringer/dpa
So sah Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren aus, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm.
Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Wladimir Putin im Jahr 1992 im Alter von 40 Jahren, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm. Zwei Jahre später wurde er von einem der Vizebürgermeister zum ersten Vizebürgermeister der Stadt ernannt. Sein politischer Aufstieg nahm Formen an. © Russian Look/IMAGO
Dieses Foto zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 1994 in seinem Büro. Damals war er 42 Jahre alt und Vizebürgermeister von St. Petersburg.
In seinem ersten Jahr als erster Vizebürgermeister der Stadt St. Petersburg im Jahr 1994 wurde Wladimir Putin in seinem Büro fotografiert. Damals war er 42 Jahre alt. Von körperlichen Beschwerden aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Putin war zudem bereits seit seiner Jugend sportlich und ging unter anderem dem Kampfsport Judo nach, in dem er sich einen Schwarzen Gurt verdiente. © Russian Look/IMAGO
Drei Jahre später enstand dieses Foto von Wladimir Putin zusammen mit Anatoly Sobchak, ehemaliger Bürgermeister von St. Petersburg.
Dieses Foto entstand drei Jahre später, 1997, und zeigt Wladimir Putin – damals 45 Jahre alt – zusammen mit Anatoly Sobchak, dem ehemaligen Bürgermeister von St. Petersburg. © Russian Look/IMAGO
Wladimir Putin mit Boris Jelzin im Kreml.
Im Jahr 1999 übernahm Putin zum ersten Mal das Amt des Ministerpräsidenten – mit Option auf die Nachfolge von Präsident Boris Jelzin (links). Als Jelzin am 31. Dezember 1999 sein Amt niederlegte, übernahm Putin kommissarisch auch die Amtsgeschäfte des Präsidenten. Im Mai 2000 wurde Putin dann regulär zum Präsidenten Russlands gewählt. © dpa
Im Jahr 2000 wurde Putin zum ersten Mal Präsident der Russichen Föderation. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin.
Im Jahr 2000 wurde Wladimir Putin erstmals zum Präsidenten der Russischen Föderation gewählt. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Berlin. Die Beiden sollte im weiteren Verlauf eine innige Freundschaft verbinden, die auch über Schröders politische Karriere hinaus Bestand hatte. © Thomas Imo/IMAGO
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen.
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen. © Mikhail Metzel/Imago
Am 7. Mai 2000 legte Putin seinen Amtseid ab.
Am 7. Mai 2000 legte Putin unter den Augen von Boris Jelzin seinen Amtseid ab. Mit einer Ausnahme einer Zeit als Regierungschef von 2008 bis 2012 hat Putin seither das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation inne.  © Imago
Wladimir Putin und Bill Clinton bei der Unterzeichnung eines Vertrages in New York.
Im September 2000 führte Putin der Weg in die USA. Bill Clinton (rechts) war der erste US-Präsident, mit dem er es in den kommenden Jahren zu tun bekam. in seiner Mit dem damals noch amtierenden US-Präsidenten B © Imago
Mit einer Umarmung begrüßen sich Gerhard Schröder und Wladmir Putin im Foyer des Taschenbergpalais in Dresden.
Als Russlands Präsident reiste Putin im September 2001 zu einem dreitägigen Staatsbesuch nach Deutschland. Im Foyer des Taschenbergpalais in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden begrüßte ihn auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (links). Die beiden verstanden sich offensichtlich schon damals ausnehmend gut. Die Freundschaft hat auch heute noch Bestand. © Jan-Peter Kasper/dpa
Der schwarze Labrador von Wladimir Putin läuft beim Treffen seines Herrchens mit Angela Merkel durchs Zimmer.
Putin spielt gerne psychologische Spielchen – so auch 2007 mit Kanzlerin Angela Merkel. Bei ihrem Treffen in Sotschi am Schwarzen Meer ließ Putin während einer gemeinsamen Pressekonferenz eine Labradorhündin ohne Leine herumlaufen. Merkel, einst in ihrer Jugend von einem Hund gebissen worden, fühlte sich sichtlich unwohl.  © Dmitry Astakhov/dpa
George Bush und Wladimir Putin spazieren auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei.
George W. Bush (rechts) war der zweite US-Präsident, mit dem es Putin zu tun bekam. Im April 2008 trafen sich beiden Staatschefs auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei. © Imago
Wladimir Putin neuer russischer Regierungschef.
Am 7. Mai 2008 löste Dmitri Medwedew nach zwei Amtszeiten Putin im Amt des russischen Präsidenten ab. Einen Tag danach wählte die Duma Putin auf Vorschlag des neuen Präsidenten zum neuen Regierungschef. Putin blieb auch in dieser Position der starke Mann. © dpa
Im Jahr 2009 ließ sich Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend zur Demonstration von Macht fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt.
Im Jahr 2009 ließ sich Wladimir Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt. Mit solchen Fotos pflegte Putin sein Macho-Image. Er wollte er laut Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ Wirkung in der russischen Bevölkerung erzielen und auch international demonstrieren, dass er ein starker Gegner ist. © epa Alexey Druzhinyn
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben. Das gilt für Reiten wie offenbar auch fürs Angeln. © Aleksey Nikolskyi/Imago
Putin und Obama stoßen miteinander an.
Am 7. Mai 2012 wurde Putin erneut zum Präsidenten gewählt. Sein Verhältnis zu US-Präsident Barack Obama war von Distanz geprägt. Das war auch im September 2015 bei einer Veranstaltung der Vereinten Nationen in New York der Fall.  © Amanda Voisard/dpa
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause.
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause. © Alexei Nikolsky/Imago
Putin trifft Trump beim Apec-Gipfel in Vietnam.
Als Donald Trump die US-Wahl 2016 gegen Hillary Clinton gewann, hatte Russland wohl seine Hände mit im Spiel. Putin hatte sicher seinen Grund. Mit Donald Trump kam er jedenfalls gut zurecht. Im November 2017 begrüßten sie sich Familienfoto im Rahmen des Gipfeltreffens der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) in Da Nang (Vietnam) herzlich.  © Mikhail Klimentyev/dpa
Der chinesische Präsident Xi Jinping (r) und der russische Präsident Wladimir Putin (l) geben sich am 04.07.2017 im Kreml in Moskau (Russland) bei einem Gespräch die Hände
Unter Putin sind sich Russland und China zuletzt immer nähergekommen. Ein wichtiger Termin war der 4. Juli 2017, als der chinesische Präsident Xi Jiping im Kreml in Moskau zu Besuch war. Damals wurden mehrere Verträge und Wirtschaftsabkommen unterzeichnet. © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin und Olaf Scholz am Tisch im Kreml.
So pflegt Putin inzwischen seine Gäste zu empfangen – vor allem die aus dem Westen. Am 15. Februar 2022 reiste Kanzler Olaf Scholz nach Moskau. Damals hatte der Ukraine-Krieg noch nicht begonnen. Putin ließ sich von Scholz aber nicht beeindrucken. © Kremlin Pool/Imago
Wladimir Putin im Kreml.
Putin forcierte in seiner dritten Amtszeit die kriegerischen Auseinandersetzungen. Seit dem 21. März 2014 betrachtet Russland die Krim als Teil des eigenen Staatsgebiets, seit September 2015 unterstützt die russische Luftwaffe im Militäreinsatz in Syrien den syrischen Präsidenten Assad im dortigen Bürgerkrieg.  © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin (links) und Joe Biden schütteln sich bei ihrem Treffen in der „Villa la Grange“ die Hand.
Anlässlich der Genfer Gipfelkonferenz traf sich Putin am 16. Juni 2021 mit US-Präsident Joe Biden zu einem Gespräch. Schon damals waren die russischen Truppenaufmärsche an der Grenze zur Ukraine ein Thema. © Denis Balibouse/dpa
Wladimir Putin lacht
Genutzt hat das Gipfelgespräch wenig. Am 24. Februar 2022 begann mit dem Einmarsch der russischen Truppen ins Nachbarland der Ukraine-Krieg. Putin wusste es wohl schon in Genf.  © Denis Balibouse/dpa
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen.
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen. © Alexei Nikolsky/Imago

Putins nächste Opfer? Moldaus Regierung ist für den Kreml eine Provokation

Vor dem Regierungsgebäude, einem grauen Klotz im sonst fast westlich anmutenden Zentrum der Hauptstadt, stehen Anfang März noch Reste des Weihnachtsmarkts, Buden, Fahrgeschäfte. Kaum jemand ist dort, die Musik dröhnt trotzdem laut. Hier munkelt man, der Russland-nahe Bürgermeister wolle das so, um die Regierung bei der Arbeit zu stören. Aber Dorin Recean beklagt sich nicht.

Der 48-Jährige war Sicherheitsberater der Präsidentin, seit einem Regierungswechsel Anfang Februar ist er Ministerpräsident. Im Westen nahm man den Rücktritt seiner Vorgängerin besorgt auf, fürchtete ein Schwächeln der Europa-freundlichen Regierung. In Chisinau heißt es indes, die Sache sei länger geplant gewesen, kein Grund zur Unruhe. Tatsächlich will Recean sein Land, das seit Mitte 2022 EU-Beitrittskandidat ist, schnell an Brüssel heranführen. Für den Kreml ist diese Regierung eine ähnlich große Provokation wie die Führung in Kiew.

Recean sieht derzeit zwar keine militärische Gefahr für sein Land, „weder von Russland, noch von Transnistrien aus“. Es gebe aber Versuche, Moldau von innen heraus ins Wanken zu bringen. „Wir haben es mit kriminellen Gruppen zu tun, die versuchen, die Regierung zu destabilisieren.“ Russland führe einen hybriden Krieg gegen sein Land.

Zwischen Brüssel und Moskau: Kreml nutzt Zerrissenheit in Moldau aus

Es läuft so wie auf der Krim oder im Donbass. Russische Medien beschallen die Menschen mit Propaganda, behaupten, die Ukraine habe den Krieg provoziert und wolle auch Transnistrien angreifen. Viele schenken dem Glauben, auch weil es in Teilen der Bevölkerung noch alte Sympathien für Russland gibt. Eine neue Umfrage der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung zeigt, dass sich 34 Prozent der Moldauer engere Beziehungen zu Moskau wünschen, 48 Prozent wollen in die EU. Die Zahl geht zurück.

Der Kreml macht sich die Zerrissenheit zunutze. Dabei kann er auf willige Helfer wie die Shor-Partei zählen, die seit einigen Wochen Proteste in Chisinau organisiert. Hintermann ist der moldauische Kreml-Freund und Oligarch Ilan Shor, der sich 2019 nach Israel absetzte, um einer Haftstrafe zu entgehen. Shor war in den Diebstahl von über 750 Millionen Dollar aus dem moldauischen Bankensystem verwickelt. Er ist Teil jenes korrupten Systems, das das Land lange in seinen Fängen hatte, und mit dem die aktuelle Regierung aufräumen will.

Um für die Proteste Masse zu erzeugen, lässt die Shor-Partei meist Ältere und Arme von außerhalb busseweise in die Hauptstadt karren. Offiziell demonstrieren sie gegen die explodierenden Energiepreise, dabei ist es kein Geheimnis, dass die Teilnehmer fürs Kommen bezahlt werden. Nicht mal die Shor-Partei leugnet das, hat aber eine Erklärung parat: Das Geld mache es armen Menschen erst möglich zu kommen.

Unruhe in Moldau: Die Proteste sind gekauft, aber der Frust echt

Viele sehen die Proteste skeptisch. Etwa Boris, früher Agronom, jetzt Rentner, der in einem Park im Zentrum Chisinaus sitzt. „Die Demonstrationen sind nicht seriös“, sagt er, warm lächelnd, während vom Café nebenan französische Chansons rüberwehen. Die Demonstranten sollten sich schämen. „Wichtiger wäre es, dass der Krieg aufhört.“ Und wer den angefangen habe, das wisse man ja.

All das heißt nicht, dass es keinen Frust in der Bevölkerung gäbe, im Gegenteil. Die Kollateralschäden des Krieges treffen das kleine Land hart. Rund 100.000 Ukrainer sind wegen des Krieges hierher geflohen, unzählige mehr haben das Land auf ihrem Weg nach Westen durchquert. Für Moldau, das so groß ist wie Baden-Württemberg und gerade 2,6 Millionen Einwohner hat, eine gewaltige Belastung.

Dazu kommen die Energiekosten, deren Anstieg ebenfalls auf die Rechnung des Kreml geht. Im Oktober drosselte er die wichtigen Gaslieferungen um ein Drittel, die Preise stiegen um das Siebenfache, die Inflation liegt heute bei 30 Prozent – und das in einem Land, in dem die monatliche Durchschnittsrente 128 Euro beträgt. Zwar setzte die Regierung einen Fonds auf, um den Preisschock abzumildern, auch die EU half mit hunderten Millionen Euro; der Ärger bleibt trotzdem an der Regierung hängen, deren Zustimmungswerte fallen.

Energie als Waffe: Auch Moldau in Teilen abhängig von Russland

Energie als Waffe. Wie lustvoll Wladimir Putin so Druck erzeugt, weiß man auch im Westen. Moldaus Regierungschef Recean sagt zwar, man sei heute völlig unabhängig von russischem Gas. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Denn der Gazprom-Konzern hält die Mehrheit am einzigen Gasversorger im Land und kontrolliert so die Leitungen, über die westliche Lieferungen nach Moldau kommen. Außerdem kauft Chisinau Strom, den die abtrünnigen Transnistrier aus russischem Gas herstellen. Ganz raus ist der Kreml also nicht.

Igor Munteanu macht das fassungslos. „Die Regierung verfolgt eine Politik des Status quo“, sagt er. Im Land sei sie deshalb auch nicht mehr sonderlich beliebt, jedenfalls nicht so wie im Ausland: „Gorbatschow-Syndrom“. Munteanu, ein kultivierter Typ mit scharfen Thesen, war früher Botschafter in den USA, jetzt will er in Moldau mitmischen. Kürzlich erst hat er eine liberale Partei gegründet, deren Zentrale wie eine verwaiste Hotellobby aussieht. Das mit dem Status quo ist auf Transnistrien bezogen, aber eigentlich auch auf alles andere.

Natürlich sei das Land abhängig von russischer Energie, natürlich stellte die transnistrische Armee mit ihren rund 6000 Soldaten – Paramilitärs nicht mitgerechnet – eine Bedrohung dar. Was, wenn sie sich mit den Kreml-Truppen zusammentun und Odessa angreifen? „Wie kann man nur so naiv sein, zu denken, sie täten das nicht?“ Munteanu findet, sein Land müsse die militärische Neutralität im Ukraine-Krieg aufgeben, Kurs Richtung Nato, und die Sanktionen mittragen. Es brauche mehr Resilienz. Sonst bleibe Russland ewig eine Gefahr.

Moldau: Das Drehbuch des Kremls ist immer gleich

Gesellschaftliche Spaltung, politische Unsicherheit. Beides nutzt dem Kreml. Das Projekt Destabilisierung ist aber nicht fehlerfrei. Am Wochenende erst nahm die moldauische Polizei ein offenbar vom Kreml gesteuertes Netzwerk auseinander, sieben Männer wurden festgenommen. Sie seien „aus Russland mit einer ganz bestimmten Aufgabe“ geschickt worden, sagte Polizeichef Viorel Cernauteanu. Möglich, dass sie bei einer der Shor-Demos Unruhe stiften sollten.

Der Kreml mag ein großer Manipulator sein, aber sein Drehbuch ist immer gleich. Das macht die Sache nicht weniger gefährlich, aber durchschaubar. Irina Tabaranu, die junge Journalistin in Chisinau, wirkt nicht so, als fürchte sie um ihr Land. Nicht jetzt. Sie schaut zum Klopapier-Putin und verrät, was dort steht. Zitabel ist das aber nicht. (Marcus Mäckler)

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