Ukraine

Moskau tritt zum Gegenstoß an

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Getarnter russischer Panzer bei Kursk.
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Widersprüchliche Meldungen von der Front im Gebiet Kursk: Die Russen wollen zehn Dörfer erobert haben, die noch als ukrainisch besetzt gelten.

Die ukrainische Verteidigung an der linken Flanke sei vollständig zusammengebrochen, jubelte die Massenzeitung „Moskowskij Komsomolez“ am Donnerstag. „Snagost und Ljubimowka werden gesäubert, aus Wischnewki und der Siedlung Zehnter Oktober entkommen die ukrainischen Kräfte nur mit Mühe und hinterlassen eine Menge Tote.“

Die Ukrainer seien so überrascht gewesen, dass sie am Mittwoch in 40 Autos aus Ljubimowka flohen, „so dass ihre Fersen Funken sprühten“, triumphierte das ultrapatriotische Portal Zargrad. „Der Beginn der Gegenoffensive der russischen Streitkräfte gehört in die Lehrbücher für die Akademie des Generalstabs.“ Allerdings hieß es später im Text, russische Fallschirmjäger näherten sich Ljubimowka erst an.

Die russischen Streitkräfte haben am Dienstag in der Grenzregion Kursk eine Gegenoffensive gestartet, wo seit über einem Monat ukrainische Truppen in Kämpfen stehen, nach verschiedenen Schätzungen sind ihre Kampfeinheiten 6000 bis 10 000 Mann stark, auf russischer Seite sollen sich dort 30 000 bis 35 000 Soldaten versammelt haben, beide Seiten könnten weitere Verstärkung erhalten. Und die russische Übermacht bemüht sich offenbar nicht ohne Erfolg, den Ukrainern die Initiative abzunehmen. Über ihr strategisches Ziel herrscht auf beiden Seiten Einigkeit: den Feind aus der russischen Grenzregion hinauszuwerfen. Worüber die Kiewer Propaganda sich wiederum schon jetzt lustig macht: Das russische Oberkommando habe befohlen, die Kontrolle über das Gebiet Kursk bis zum Geburtstag von Staatschef Wladimir Putins zurückzuerobern, spottet der Militärblogger Oleksandr Kowalenko. „Offensichtlich wird dieses Schlachtfest um so blutiger werden, je näher diese Deadline rückt.“

Noch ist unklar, inwieweit die Russen ihre Anfangserfolge vom Mittwoch ausbauen konnten. Am Donnerstag verzichtete ein Teil der russischen Kriegsblogger auf eine intensive Berichterstattung aus dem Kursker Kampfgebiet. Dagegen feierte der Kanal „Operazija Z“ gegen 15 Uhr Ortszeit die Einnahme von schon zehn Dörfern, darunter auch den Verkehrsknotenpunkt Snagost, vermeldete dabei allerdings nur „bis zu 20 getötete oder verwundete“ Feinde, das klingt nicht nach heftigen Gefechten. Auf der Karte des ukrainischen Ovint-Portals Deep State war Snagost zu der Zeit noch als ukrainisch konntrolliert ausgezeichnet. Das US-amerikanische Institute for the Study of War, dessen Lageeinschätzungen durchgängig verlässlich sind, mutmaßt, der Kreml könne beabsichtigen, südöstlich von Snagost bis zur Grenze vorzustoßen, um den ukrainischen Frontvorsprung westlich davon abzutrennen und ihre taktischen Positionen für einen Generalangriff zu verbessern.

Auch die ukrainischen Absichten sind derzeit noch unklar. Kiews Truppen dürften wohl versuchen, dem Gegner so hohe Verluste wie nur möglich beizubringen. „Soweit bekannt ist, haben die Ukrainer in der Region Kursk ernsthafte Verteidigungslinien errichtet“, sagt ein anonymer russischer Experte dem Portal novayagazetu.eu.

Die Russen aber, die bei ihren Angriffen in der Ostukraine systematisch Städte und Dörfer mit Artillerie und Lenkbomben zu vernichten suchen, verzichteten bei Kursk bisher weitgehend auf solche Aktionen. Vielleicht hofften sie, ihre Dörfer und die Stadt Sudscha möglichst wenig zerstört zu befreien. Oleksiy Melnyk, Militärexperte des Kiewer Rasumkow-Instituts, mutmaßt, Kursk sei für die Ukraine ein politisches Manöver, deshalb könnten ihre Streitkräfte auch sehr flexibel reagieren. „Hauptsache, ukrainische Truppen operieren weiter auf russischem Boden.“ Laut Melnyk ist es auch möglich, dass die eigenen Streitkräfte an einem ganz neuen Grenzabschnitt zum Angriff übergehen.

Der israelische Militärexperte David Sharp glaubt, die Russen bereiteten die eigentliche Großoffensive erst vor. „Als Datum für den Start der Operation wurde der 15. September genannt.“ Wenn das misslingen sollte, könnte es eng werden: Putin feiert seinen Geburtstag am 7. Oktober. Aber im Oktober könnte der Herbstregen auch alle Truppenbewegungen aufhalten, wenn Osteuropa zur Schlammwüste wird.

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