VonStefan Schollschließen
Donald Trumps überraschende Wende im Ukraine-Konflikt zugunsten Russlands zwingt kremltreue Journalistinnen und Journalisten zu propagandistischen Turnübungen.
Beim Feind ist Chaos ausgebrochen: Angesichts der russischem Siege und neuer Raketenangriffe, die die Stromversorgung lahm gelegt haben, stauen sich auf den Ausfallstraßen Kiews die Pkws. Die Menschen flüchten in Panik aus der ukrainischen Hauptstadt. Das schrieb die Moskauer Zeitung Moskowskij Komsomoljez am Dienstag, nachdem Donald Trump die Waffenhilfe für die Ukraine eingestellt hatte.
Passend zum freudigen Anlass meldete das Blatt, Auslandsmedien zeigten immer öfter Bilder riesiger ukrainischer Friedhöfe, auf die Wolodymyr Selenskyj die Menschen „umgesiedelt“ habe. Und es zitierte den Politologen Malek Dudakow: Trumps Waffenembargo beschädige die ukrainische Armee binnen einer Woche so, dass sie sich nie mehr erholen werde. Dann aber enthüllt der Militärexperte Alexander Perendschijew in der gleichen Zeitung Trumps listige Pläne: Angeblich helfe er der Ukraine nicht mehr, aber es sei durchaus möglich, dass jetzt Europa amerikanische Waffen kaufe und an Kiew weitergebe. Die Ukraine kriege neues Kriegsgerät, Trump aber wahre das Gesicht und mache damit auch noch Geld.
Washingtons epochale Wende im Ukraine-Konflikt zugunsten Russlands zwingt Moskaus Medien zu extremen propagandistischen Turnübungen: Einerseits gilt es, Sieghaftigkeit zu verbreiten, wenn nötig, zu fälschen. Andererseits zweifelt man, ob dem neuen Freund zu trauen ist. Auch weil die meisten mit dem Feindbild USA groß geworden sind und selbst daran glauben. „Alles war genial einfach: Washington ist der Feind, Europa seine Marionette“, sagt ein Kreml-Insider dem Portal Moscow Times. Jetzt macht plötzlich das Weiße Haus gemeinsame Sache mit Russland gegen Selenskyj, die Marionette Europa aber stärkt eigenständig der Ukraine den Rücken.
Moskaus linientreue Medien müssen ihre Narrative umkrempeln. Eine Aufgabe so umfassend wie das Pensum für das Personal des Wahrheitsministeriums von Ozeanien, nachdem das totalitäre Reich in George Orwells Roman „1984“ sich mit seinem bisherigen Todfeind Ostasien verbündete.
Schon malt der Moskauer Politologe Genri Sardarjan auf Radio Sputnik Szenarien, in denen Trump und Russland den gemeinsamen Feind EU wirtschaftlich und propagandistisch in die Zange nehmen. Ein Regionalabgeordneter der Staatspartei in Stawropol musste seinen Fußabtreter mit einem Konterfei Trumps entfernen, angeblich habe der Kreml verboten, den US-Präsidenten zu beleidigen.
Noch kein Termin für Treffen von Putin und Trump
Noch gibt es keinen Termin für ein Treffen Putins mit Trump. Noch weiß man nicht, was der wirklich im Schilde führt. Ein Großteil der sprechenden Köpfe Moskaus geht auf Nummer sicher und hackt gegen Selenskyj, den ja Trump selbst gemobbt hat. „Freches Schwein“ schimpft der Expräsident Dmitrij Medwedew, „Abschaum“ Außenamtssprecherin Maria Sacharowa, „der ist kein Mensch“, erklärt Außenminister Sergej Lawrow.
Auch Englands Premier Keir Starmer kriegt sein Fett weg. Laut der Komsomolskaja Prawda ist er jetzt „der Hauptbesitzer des Kiewer Regimes“, ein „zynischer Schirmherr“.
Die Russen zimmern an neuen Feindbildhierarchien, der Frontblogger Krapiwnik bezeichnet Europa erst als „Prostituierte“, der ihr Zuhälter die Barschaft abgenommen hat, dann als spielsüchtige Verliererin, die sich nicht vom Roulette-Tisch losreißen kann. Gleichzeitig läuft eine gerade erst fertig gedrehte TV-Serie über US-Amerikaner:innen, die mit den Ukrainer:innen friedliche Marktbesucher im Donbass mit einem Koffer voll biologischem Kampfstoff töten wollen. Zum Thema Trump herrscht bis auf weiteres wirrer Pluralismus. Der Energieexperte Konstantin Simonow warnt, der neue US-Präsident arbeite weiter an einer monopolaren Welt unter seiner Herrschaft, deren Anerkennung er auch von Moskau fordern werde.
Der Politologe Sergej Markow aber begeisterte sich vor Trumps Kongressrede am Dienstag, der Amerikaner sei ein Populist wie einst Julius Cäsar und brauche dessen Machtfülle, um die Diktatur des Deep States zu brechen. „Sie werden sehen, er wird vom Kongress Sondervollmachten fordern.“ Noch ist das fern der Realität.
