VonStefan Schollschließen
Moskaus Propaganda bejubelt den Ausgang der US-Wahlen, aber es schwingt auch Misstrauen mit.
Ob Wladimir Putin plane, zu gratulieren, sei ihm nicht bekannt, behauptete Kremlsprecher Dmitrij Peskow am Tag nach dem Wahlsieg von Donald Trump. Man dürfe schließlich nicht vergessen, die USA seien ein Land, das direkt und indirekt in einen Krieg gegen die Russische Föderation verwickelt sei. Aber schon am nächsten Abend beglückwünschte Putin bei einem Auftritt vor der prorussischen Plauderrunde des internationalen Waldai-Klubs in Sotschi dem siegreichen republikanischen Kandidaten – betont beiläufig.
„Ich nutze die Gelegenheit, um ihm zu seiner Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu gratulieren.“ Trump sei ein mutiger Mann, Putin würde sich nicht schämen, ihn selbst anzurufen. „Aber das tue ich nicht, weil die Führer der westlichen Staaten mich eine Zeitlang fast jede Woche anriefen, dann plötzlich damit aufgehört haben.“ Putins verbale Reaktionen auf Trumps Wahlsieg wirken erklärungsbedürftig. Aber Moskaus sprechende Köpfe, ob aus der Politik, in Talk-Shows oder auf den Z-Blogs, veranstalten seit Trumps Sieg eine Kakophonie aus Genugtuung, Häme, Hoffnung und Misstrauen, die eine eindeutige Bewertung schwer macht.
„Trump ist ein Kämpfer“, schwärmt Alexander Dugin, Geo-Soziologe und führender russischer Verschwörungstheoretiker, im Staatsfernsehen. „Er ist ein Anhänger der traditionellen Werte, ein Anhänger des starken Staates.“ Und Trump sei ein starker Präsident, er wolle Schluss machen mit der Hölle, die die Liberalen in Amerika angerichtet hätten. Für Russland sei er eine Chance, interessiere sich absolut nicht für die Ukraine. „Mit anderen Worten: Unser Bursche im Weißen Haus.“
Ein paar Minuten später amüsiert sich der Dauerstudiogast Dmitrij Jestafjew über Trump: „In 24 Stunden, sagt er, will er den Krieg beenden, Trump klickt mit den Fingern und alle sind einverstanden.“ Trump gehöre wie auch andere US-Politiker zur degradierten westlichen Welt, die vergessen habe, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gebe, sondern das das Leben sehr kompliziert sei. „Und er wiederholt ständig, er werde Frieden aus einer Position der Stärke schließen.“ Dabei habe Russland diese Position doch schon längst besetzt…
Z-Kriegsblogger, die sich inzwischen auch als politische Analytiker verkaufen, Duma-Abgeordnete und offizielle Verlautbarungen des Außenministeriums warnen vor Trump und seinem Team, vor ihren engen Verbindungen zu Elon Musk und dem Silicon Valley, das sei tiefster US-Deep State. Gleichzeitig freuen sie sich, dass Trump als überzeugter Geschäftsmann den ukrainischen Schmarotzern sehr schnell die teure Unterstützung streichen werde.
In Russland gibt es keine öffentliche Debatte mehr, in der wirklich oppositionelle Meinungen laut werden würden, dafür umso mehr Propaganda, die oft schon die Politik selbst verdrängt. Wladimir Putin, längst auch Propagandachef Russlands, und sein Gefolge verbreiten oft völlig widersprüchliche Narrative. Dahinter steht das chronische Bestreben, Siegessicherheit im Voraus zu verbreiten, aber für alle Fälle Siegessicherheit mit Ausstiegsklauseln.
Trumps Auftauchen eröffnet Russland ein neues Fenster der Möglichkeit, den eigentlich verkorksten Ukraine-Feldzug doch am Verhandlungstisch zu gewinnen. Wenn der schwer zu berechnende Trump sich aber querstellt, so bleibt die hegemoniale Arroganz und die Macht des Deep States der Amerikaner als Erklärung für einen Flopp. Ansonsten gilt in Russland längst die Propaganda-Regel: Verwirrung stiften, ob bei Freund oder Feind, ist immer gut. „Trump ist stur“, so Ex-Präsident Medwedew, „doch das System ist stärker.“
Vor dem Waldai-Klub erzählte Putin auch von einem politischen Akteur aus den USA, der Mitte bis Ende der 90-er Jahre erklärt habe, man betrachte Russland nicht als besiegten Gegner, sondern als „stumpfe Waffe in unseren Händen“. Die Quelle dieses bisher völlig unbekannten Zitats wollte er nicht namentlich nennen, ereiferte sich aber über die Engstirnigkeit und Kulturlosigkeit des Amerikaners sowie über seine Unkenntnis Russlands. Putin geht mit allerlei Narrativen, aber auch mit einigen Komplexen in die Verhandlungen mit Trump.
