VonFelicitas Breschendorfschließen
Die Initiative „Muslim Interaktiv“ tarnt sich mit Aufklärung über Rassismus. In Wahrheit hetzen die Mitglieder gegen queere Menschen und Demokratie.
„Stell dir vor, du bist in der Grundschule [...] und sprichst deine Muttersprache [...] und deine Lehrerin verdammt dich dazu, eine Strafarbeit zu schreiben“, sagt ein junger Mann in ein kleines Mikrofon. Im Hintergrund erkennt man das Symbol des TikTok-Kanals: eine Kaaba, das quaderförmige Gebäude, das in Mekka steht, auf rotem Hintergrund. Der Sprecher erzählt von einer Lehrerin, die ihren Schüler bestrafte, weil er auf dem Schulhof Türkisch sprach. Mehrere Medien, darunter der Spiegel, berichteten darüber.
@musliminteraktiv Das ist wirklich passiert! #islam #muslima #türkisch #ausländer #fyp #viral #islamhass ♬ Dream Humming - Nasheed
„Muslim Interaktiv“ vermischt anti-rassistische mit radikalen Inhalten
Das Video wirkt, als würde es harmlos über Rassismus und Islamfeindlichkeit aufklären. Der Islamismus-Experte Ahmad Mansour behauptet, dass genau solche Inhalte den TikTok-Account so gefährlich machen.
Unter den Zuschauer:innen des Kanals dürften auch viele junge Muslim:innen sein. In Deutschland machen sie womöglich Erfahrung mit Ausgrenzung und Rassismus und könnten deshalb empfänglich für das Thema sein. Für sie sei es nur schwer zu unterscheiden, wann die TikToker:innen ihre Religion verteidigen und wann sie radikal sind. Mansour bezeichnet „Muslim Interaktiv“ auf Twitter als „Next Generation Islamisten“. Wir haben ihn gefragt, was er damit meint.
Muslim Interkativ ist ein Paradebeispiel für TikTok-Radikalisierung. Next Generation Islamisten. Eine kleine Gruppe mit gefährlichem Potenzial, weil sie Themen ansprechen, die emotional und ideologisch leider bei vielen Jugendlichen schon vorhanden sind. pic.twitter.com/dXQLs4UrkJ
— Ahmad Mansour (@AhmadMansour__) March 12, 2023
Der Kanal habe wenig mit einem harmlosen TikTok-Trend zu tun, sagt er BuzzFeed News Deutschland. Dahinter stecke „eine der gefährlichsten islamistischen Gruppen, die es in Deutschland gibt“. Nicht nur er, auch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) warnt vor „Muslim Interaktiv“.
Die TikToker sind laut Ahmad Mansour nicht gewaltbereit, aber „auf der Stufe davor“
Anfang des Jahres gingen Anhänger:innen der Gruppe in Hamburg auf die Straße, um gegen eine Koranvebrennung in Schweden zu demonstrieren. Der Hamburger Verfassungsschutz warnte im Vorfeld vor der Demonstration. „Wer hier teilnimmt, steht Seite an Seite mit Verfassungsfeinden, die eine Gesellschaftsform durchsetzen wollen, die mit unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung unvereinbar ist“, hieß es in ihrem Statement, welches das Hamburger Abendblatt veröffentlichte.
Mansour behauptet, dass Verfassungsschützer die Gruppe immer noch „komplett unterschätzen“. Die Gruppe soll der verbotenen, islamistischen Gruppierung „Hizb ut-Tahrir“ nahestehen. Gewaltbereit, wie die bekannte islamistische Organisation Al-Qaida oder der IS, ist „Muslim Interaktiv“ in seinen Augen nicht. Bisher riefen die Anhänger:innen nicht zu Anschlägen gegenüber Ungläubigen auf. „Sie sind auf der Stufe davor. Sie schaffen mit ihren Inhalten die Basis für weitere Radikalisierung“, sagt Mansour.
Problematische Ratschläge „im Namen der Religion“ könnten „enorm viele Menschen verunsichern“
Sieht man sich den TikTok-Kanal genauer an, stößt man bald auf bedenkliche Inhalte. In einem Video geht es erneut um einen Fall an einer Schule. Ein TikToker erzählt von einem Hamburger Gymnasium, das genderneutrale Toiletten einführte. „Wer von uns würde überhaupt einen unserer kleinen Geschwister bedenkenlos in so eine Toilette reingehen lassen?“, fragt er sich. Seine Antwort: Keiner.
@musliminteraktiv Was kommt als Nächstes? Unisex-Umkleiden?! Möge Allah unsere Kinder schützen🤲🏽 #realtalk #toilette #fyp #viral #kopftuch #muslim ♬ Bank Account (Instrumental) - B Lou
„Vielen Jugendlichen in Deutschland ist Religion sehr wichtig und das ist auch in Ordnung“, sagt Mansour BuzzFeed News Deutschland. „Wenn diese Gruppen aber im Namen der Religion solche Fragen beantworten, dann verunsichern sie enorm viele Menschen.“
Sprecher von „Muslim Interaktiv“ bezeichnet queere Menschen als „abscheulich“
Das Video ist noch lange nicht das einzige seiner Art. Einmal kritisiert derselbe Sprecher einen Vortrag an einer Schule. Die Dozentin habe erklärt, dass es „völlig normal sei“, dass eine Frau gleichzeitig muslimisch und bisexuell sein könne.
„Ich glaube, keiner muss darüber diskutieren, dass Homosexuelle und bisexuelle Praktiken im Islam verboten sind. Uns muss aber klar sein, dass der Westen solche abscheulichen Praktiken in unserer Jugend normalisieren will, damit sich unser Islambild verzerrt“, kommentiert das der TikToker. Andere Mitglieder von „Muslim Interaktiv“ äußern sich auf dem Kanal ebenfalls queerfeindlich.
@musliminteraktiv Die Islam-Agenda fängt bereits bei den Kindern an… #islam #muslim #fyp #viral #kopftuch #integration ♬ Until When Will I Remain Alone - Abo Nidhal
Solche Videos haben nichts mit Religion zu tun, sie sind radikal-ideologisch. In Zeiten, in denen Gewalt gegen queere Menschen zunimmt, sind sie zudem problematisch für homosexuelle Jugendliche, die an Allah glauben. Genauso für Muslim:innen, die sich fragen, ob es mit dem Islam vereinbar ist, offen für die LGBTQAI+-Community zu sein oder nicht.
An dieser Stelle muss man Mansour zufolge klar differenzieren, denn nicht jeder Mensch ist schließlich gleich beeinflussbar: „Viele Muslim:innen fühlen sich gar nicht erst angesprochen, weil ihre Vorstellung von Religion davon weit entfernt liegt. Andere, die vielleicht ohnehin schon eine Tendenz zu Homophobie haben, werden in ihren menschenfeindlichen Einstellungen bestärkt.“ Ein Bericht des Verfassungsschutzes zeigt, dass in Deutschland immer mehr Menschen an extremistische Ansichten glauben.
Junge Menschen „sollen Hass auf Deutschland bekommen“
In unserer Recherche stießen wir noch auf ein Video, in dem die TikToker öffentlich dazu auffordern, nicht wählen zu gehen. CDU, SPD, Grüne – eigentlich alle großen Parteien werden als islamfeindlich bezeichnet. Keiner von ihnen solle man trauen. Das Video lässt sich auf TikTok noch ansehen, die Funktion, es auf Webseiten zu teilen, wurde jedoch blockiert.
Nach Aussagen von Mansour machen solche Videos das Ziel der TikToker deutlich: Ihre jungen Follower:innen sollen die Werte der Demokratie und des Westens ablehnen. Stattdessen halte „Muslim Interaktiv sie dazu an, sich an einer radikal-islamistischen Weltsicht orientieren. „Es geht ihnen nicht darum, die Leute zu Gewalt aufzurufen, sondern in Parallelgesellschaften zu schicken. Sie sollen Hass auf Deutschland bekommen“, sagt Mansour.
TikTok bietet sich als Plattform für Islamist:innen an
Es ist nicht verwunderlich, dass sich die neue Generation an jungen Radikalen an dem Ort bewegen, an dem sich das Leben junger Menschen heute abspielt. Die Plattform hat außerdem noch einen weiteren Vorteil: „In den kurzen Videos können sie ihre Botschaft besser vermitteln“, sagt Mansour. „Muslim Interaktiv“ ist laut bpb nicht die einzige islamistische Initiative auf TikTok. Zwei weitere sind „Realität Islam“ und „Generation Islam“.
Inhalte auf der chinesischen Plattform zu verbieten, ist fast unmöglich. Gefährliche TikTok-Trends werden in der Regel einfach toleriert. Wie kann stattdessen verhindert werden, dass Mitglieder von „Muslim Interaktiv“, wie Mansour es formuliert, „noch viel mehr Menschen für sich gewinnen“? Der beste Weg sie zu bekämpfen sei, so sagt er, bessere Aufklärung. „Liberale Muslim:innen sollten auf die Videos antworten und sagen ‚Nein, es ist unsere Pflicht, wählen zu gehen – das gehört zur Demokratie’“.
Tatsächlich gibt es bereits muslimische TikTok-Kanäle wie Datteltäter, in denen Muslim:innen einen nicht-radikalen Islam vorleben. Sie zeigen ganz einfach den Alltag der muslimischen Community in Deutschland. Darüber, wie gefährlich „Muslim Interaktiv“ und Co. ist, findet man auf TikTok jedoch überhaupt nichts. Sucht man den Begriff auf TikTok, findet man nur Videos von Anhänger:innen, die die Ideologie weiter verbreiten.
@datteltaeter Uffff whyyyyy 🥺😵💫 #moschee #struggle #datteltaeter ♬ Originalton - Datteltäter
Auch dem Femizid-Trend, bei dem Männer über Morde an Frauen schwärmen, gibt TikTok eine Plattform.
