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Das Kabinett will die Kindergrundsicherung auf den Weg bringen. Aber was sagen Betroffene? Wir haben mit einer alleinerziehenden Mutter gesprochen.
Wenn Janina Lütt die Debatte um die Kindergrundsicherung verfolgt, ärgert sie sich. „Die Armutsbetroffenen werden ja sowieso schon immer ignoriert, aber das finde ich einfach nur widerlich.“ Lütt ist alleinerziehende Mutter eines zehnjährigen Mädchens. Wegen Depressionen kann die gelernte Erzieherin nicht mehr arbeiten und bekommt Erwerbsminderungsrente und Grundsicherung. Sie engagiert sich im Rahmen der Initiative „#ichbinarmutsbetroffen“, schreibt in einer Kolumne über Armut und verfolgt die Debatte um die Sozialleistung. „Es zeigt, wie wenig Kinder uns wert sind, wo doch Finanzierungsmöglichkeiten da sind.“
Monatelang haben vor allem FDP und Grüne über die Ausgestaltung und Finanzierung der geplanten Kindergrundsicherung gestritten – an diesem Mittwoch (27. September) soll sie nun im Bundeskabinett auf den Weg gebracht werden. Das Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag sieht vor, ab 2025 verschiedene staatliche Leistungen für Kinder zu bündeln: Das heutige Kindergeld, den Kinderzuschlag für Familien mit wenig Einkommen, den Kinder-Anteil des Bürgergelds und Unterstützung für Schulbedarf.
Damit will die Regierung Menschen wie Janina Lütt helfen. Denn sie ist nicht allein. Das Problem ist akut: 2022 waren mehr als drei Millionen Kinder und Jugendliche, mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland, armutsgefährdet. Kinder von Asylsuchenden sind besonders von Armut betroffen.
Mutter schildert, wie sich Armut auf Kinder auswirkt
Aber was bedeutet das konkret? Die Nachmittagsbetreuung, die über 200 Euro koste, werde nur mit 150 Euro bezuschusst – und sei damit nicht möglich. Genauso verhalte es sich mit allen Lebensbereichen, gerade der Freizeit. Armutsbetroffene müssen auf sonst selbstverständliche Dinge verzichten. Bei einem Stadtbummel ein Eis zu essen oder etwas zu trinken, sind nicht möglich – oder die Ausnahme. „Sie möchte unbedingt irgendwas Besonderes machen, zum Beispiel nicht nur ein Eis essen, sondern auch diese Bubble Teas trinken. Die sind natürlich total teuer, aber ich habe ihr das versprochen“, erzählt Lütt.
Auch neue, besondere Schuhe, die gerade im Trend sind, kann sie ihrer Tochter nicht einfach kaufen. Sie muss darauf sparen – und kann sie nur gebraucht kaufen. Damit hat das Mädchen jedoch keine großen Probleme: „Das Tolle an meinem Kind ist, dass sie bis zu einem gewissen Maß schon nachvollziehen kann, dass ihre Mutter wenig Geld hat.“ Lütt hat mit ihr bereits über das Thema Armut gesprochen. „Ich habe ihr gesagt, dass wir arm sind, aber das Wichtigste besitzen, nämlich eine Wohnung, ein Dach über dem Kopf. Wir haben es warm und wir haben regelmäßig was zu essen und haben uns beide.“
Alleinerziehende Armutsbetroffene: „An meinem Kind wird nicht gespart“
Die Mutter nimmt immer wieder selbst Abstriche bei sich in Kauf. So war es auch beim Bubble Tea. „Alles, was ich an Zuwendungen bekomme, wenn es nicht gerade explizit für mich ist, geht dann hauptsächlich an mein Kind. An meinem Kind wird nicht gespart. Das ist ganz wichtig für mich.“ Je nach Lage führt das dazu, dass sie selbst weniger zu essen habe – trotz Besuchen bei der Tafel.
Trotz ihrer Lage bezeichnet sich Lütt als „privilegierte Armutsbetroffene“. Sie hat Freund:innen, die sie unterstützen. „Mein Kind kann an Sachen teilnehmen, die wir uns als Armutsbetroffene normalerweise nicht leisten könnten, weil sie eine Patentante hat, die im Gegensatz zu mir mit ihrem Mann zusammen recht gut verdient.“ In den Ferien kann Lütts Tochter deshalb an Aktivitäten teilnehmen, die normalerweise zu teuer wären.
Zusätzlich unterstützt sie auch der Vater ihrer Tochter. „Sie hat auch Familienmitglieder, die nicht armutsbetroffen sind, die sie unterstützen, wenn es um Geschenke geht: Weihnachten, Ostern, Geburtstag“, sagt Lütt. Trotz ihrer Lage sieht sie sich deshalb als „privilegierte Armutsbetroffene“, weil sie ein „funktionierendes soziales Netz“ habe. „Das Schlimme ist eben, dass die meisten Armutsbetroffenen so etwas nicht haben.“
„Armutsbetroffene Menschen wie ich sind jetzt die Bösen“
Stattdessen erfahren Armutsbetroffene vor allem Ausgrenzung und haben mit Vorurteilen zu kämpfen. „Es ist so, dass in den letzten 20 Jahren ein Menschenbild propagiert worden ist, dass Hartz-Vier-Empfänger die Faulen sind, die nicht arbeiten wollen und die dem Staat auf der Tasche liegen“, sagt Lütt und liefert die Erklärung: „Das ist dieses Denken, dass der Wert eines Menschen an seiner Arbeitsfähigkeit hängt. Armutsbetroffene Menschen wie ich sind jetzt die Bösen, das schlechte Beispiel.“
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Bekommt auch ihre Tochter diese Vorurteile zu spüren? „Das spielt keine Rolle. Sie sagt eben: ‚Meine Mama ist krank zuhause.‘ Damit ist das Thema durch. Die Mitschüler fragen da nicht nach.“ Lütts Tochter hatte bereits andere Kinder zum Spielbesuch in der kleinen Wohnung. „Für mich war es dann wichtig, zu sagen: ‚Du kannst zum Spielen zu Besuch kommen. Ich will dir aber eins verraten: Unsere Wohnung ist ziemlich klein, weil wir nicht viel Geld haben.’ Und für ein Kind ist das total okay.“
Alleinerziehende Mutter verspricht sich von der Kindergrundsicherung eine Vereinfachung
Die Vorurteile gegenüber armen Menschen lassen sich politisch nur schwer abbauen. Was ist aber nötig, um die Situation von armutsbetroffenen Kindern zu verbessern? Lütt nennt die Entbürokratisierung. Zudem dürfte das Kindergeld nicht mehr auf das Bürgergeld und die Grundsicherung angerechnet werden. Die Kindergelderhöhung sei deshalb kein Mittel gegen Kinderarmut gewesen. „Die Regierenden beweihräuchern sich selbst: ‚Ja, wir tun was gegen Kinderarmut, wir haben das Kindergeld erhöht.‘“ Lütt kritisiert auch Christian Lindner und die FDP, die dafür sorge, dass an der Kindergrundsicherung gespart werde.
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Ähnlich sieht es auch Helena Steinhaus vom Verein „sanktionsfrei“, die sich für die Interessen von Armutsbetroffenen, allen voran Bürgergeldbezieher:innen, einsetzt. Sie befürchtet, dass die Kindergrundsicherung „verwässert wird, wie das Bürgergeld.“ Auf Anfrage von BuzzFeed News Deutschland spricht sie von einer „wohlklingenden Worthülse, die an der Armut von Kindern nichts ändert“. Steinhaus stellt direkte Forderungen an den Bundesfinanzminister. „Lindner müsste nur jeden dritten Euro, den er in die fossile Vergangenheit steckt, in die Zukunft unserer Kinder investieren. Dann hätten wir sogar 20 Milliarden für die Kindergrundsicherung.“
Was sich eine armutsbetroffene Mutter neben der Kindergrundsicherung von der Politik wünscht
„Bildung schützt vor Armut nicht, aber Bildung ist schon mal eine ganz große Hilfe, um sich eventuell aus der Armut herauszukämpfen“, sagt Janina Lütt dazu. Neben der Kindergrundsicherung fordert sie jedoch auch Investitionen in Schulen und nennt dabei etwa kostenlose Nachhilfe für benachteiligte Schüler:innen, kostenlose Mittagessen sowie mehr Sozialarbeiter:innen. Im Kampf gegen Kinderarmut müsse auch individuell bei den Eltern angesetzt werden. Für Alleinerziehende müsse etwa die Kinderbetreuung gewährleistet werden.
Helena Steinhaus von „sanktionsfrei“ fordert zudem Treffpunkte für Kinder und Jugendliche. „Es gibt keine Orte für sie. Wenn alles nur noch Straße ist, auf der sich Blech fortbewegt, gibt es keine Orte, an denen Kinder spielen können“, schreibt sie auf Anfrage. Die Kommunen bräuchten Geld, um diese Orte der Begegnung zu schaffen.
Das Geld ist da, davon ist Lütt überzeugt. „Es ist wirklich so, dass Unmengen an Geld im deutschen Haushalt ausgegeben und verteilt werden, aber das meiste kommt bei uns, den Armutsbetroffenen, nicht an.”
Rubriklistenbild: © Lütt/Bernd von Jutrczenka/dpa
