Myanmar

Myanmar: Demokratische Kräfte auf dem Vormarsch

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Kämpferinnen des bewaffneten Flügels der oppositionellen „Nationalen Einheitsregierung“.
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Im Bürgerkrieg in Myanmar gewinnt die Demokratiebewegung wieder an Stärke. Ausgerechnet mit Hilfe aus China.

Jack ist dieser Tage optimistisch wie lange nicht. „An den Fronten sieht es gut aus“, sagt er in einem Chat über Whatsapp. Siegesgewiss genug, um seinen wahren Namen in den Medien lesen zu wollen, ist er zwar noch nicht. Der 26-jährige, der landesweit Spenden für den bewaffneten Widerstand sammelt, hat sich für das Interview ein international klingendes Pseudonym ausgedacht. Aber Jack sagt zumindest dies: „Es könnte sein, dass wir uns gerade in kleinen Schritten dem Sieg nähern.“ Auch wenn es bis zu einem Ende der Kämpfe noch Jahre dauern könnte.

In Myanmar, der Heimat von Jack, herrscht so etwas wie Bürgerkrieg. Vor drei Jahren, am 1. Februar 2021, putschte sich wenige Wochen nach demokratischen Wahlen das Militär an die Macht. Eine Junta aus Generälen, die in ähnlicher Zusammensetzung schon zuvor über Jahrzehnte regiert hatte, warf die noch junge Demokratie im südostasiatischen Land damit um Jahrzehnte zurück. Denn nachdem sich landesweit friedliche Proteste gegen den Putsch formiert hatten, reagierte die Junta mit Panzern und Schüssen. Seither regiert Gewalt.

Myanmar: Auch Anhänger von Aung San Suu Kyi sind bewaffnet

Laut der Myanmarischen Hilfsorganisation für Politische Gefangene sind seit dem Putsch mehr als 4400 Menschen durch die Junta getötet worden, mehr als 25 000 wurden laut der Organisation verhaftet. Die prominenteste Inhaftierte ist die 78-jährige Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die nach einer zaghaften Demokratisierung Myanmars vor gut zehn Jahren als Staatsrätin mitregierte und vielen im Land als nationale Demokratieikone gilt. Dabei schießt im ethnisch höchst diversen Myanmar längst nicht mehr nur die Junta. Auch die Anhänger von Aung San Suu Kyi sind bewaffnet.

So hat sich etwa die „Nationalen Einheitsregierung“ (NUG), die sich unter Berufung auf die letzten Wahlergebnisse vorm Putsch als demokratische Untergrundregierung versteht, mittlerweile ein Quasi-Militär zugelegt. Ebenso haben mehrere ethnische Minderheiten, die schon über die vergangenen Jahrzehnte immer wieder für Autonomie gekämpft hatten, wieder zu den Waffen gegriffen. Teilweise führen diese Gruppen ihre Kämpfe unabhängig voneinander, wollen jeweils ihren eigenen Staat. Teilweise kooperieren sie.

„Die Lage ist so kompliziert, dass sie kaum noch jemand versteht“, sagt Jack, der Spenden für die NUG sammelt und diese per App an Offizielle der demokratischen Armee schickt. Die von ihm unterstützten Kämpferinnen mussten ihre Waffen zu überhöhten Preisen auf dem Schwarzmarkt kaufen. Mit wem sie zusammenarbeiten, weiß Jack nicht genau. „Wir müssen einander vertrauen“, glaubt er. „Immerhin eint uns der Feind, das Militär.“

An Myanmars Grenze zu China übernimmt Opposition die Kontrolle

Bisher sah es in diesem Konflikt nach einem Zermürbungskrieg aus, wo es kaum einer Seite zu gelingen schien, ein Übergewicht zu erreichen. Doch das hat sich vor kurzem geändert. Die vereinigten Gegnerinnen der Junta haben laut einem Bericht des britische Thinktank International Institute for Strategic Studies in der Stadt Laukkaing die Kontrolle übernommen – direkt an Myanmars Nordostgrenze mit China. Eine Woche später wurde im Staat Shan, in dem auch Laukkaing liegt, ein Waffenstillstand vereinbart.

Dies markierte den wichtigsten Erfolg einer Offensive, die Ende Oktober gestartet war. Mehrere Gruppen hatten begonnen, gemeinsam die Kräfte der Junta zu bekämpfen. In Laukkaing mit Erfolg: Mit seiner Grenze zu China ist die Stadt Laukkaing ein wichtiger Handelsort, unter der bisherigen Macht der Junta aber auch zu einem Hort von Internetkriminalität, Drogenhandel und Glücksspiel für Besuchende aus China geworden. Das Militär gab die Region auch deshalb auf, weil China es so gefordert habe, hieß es in einem Statement. Auch in anderen Gegenden musste die Junta zuletzt Niederlagen einstecken.

Mehr als 50 Prozent des Staatsgebiets hat die Junta mittlerweile verloren. Und keine Verluste seien so empfindlich wie jene der vergangenen Wochen, sagt Jonathan Liljeblad, Professor an der Australian National University in Canberra und Experte für Myanmars Politik. „Besonders an dieser Operation ist, dass sie aus mehreren Offensiven innerhalb weniger Wochen besteht, an der Allianzen ethnischer Gruppen beteiligt gewesen sind.“ Dies sei nicht möglich gewesen ohne ein hohes Maß an Kooperation und Knowhow. „Sie wussten also, wo das Militär verwundbar ist und wie man es schlagen könnte.“

Bombenbau in einem Camp im Norden des Landes.

Rebellengruppen setzen auch Drohnen ein, die Bomben über Militärzielen abwerfen. Im Westen des Landes, an der Grenze zu Indien, verliert das Militär auf diese Weise seit Wochen die Kontrolle über Gebiete. Wie das plötzlich möglich ist? Mehrere Analysten gehen davon aus, dass die Regierung Chinas eine Rolle spielt. Die hat sich zwar nicht – anders als westliche Staaten – gegen die Junta und den Putsch gestellt. Aber, so Jonathan Liljeblad: „China ist pragmatisch. Dort wird man unterstützen, wer immer der verlässlichere, vorhersehbarere und für Chinas Interessen offenste Partner ist.“

Auf die Militärjunta treffen solche Zuschreibungen kaum zu. Nicht nur in der Grenzregion zu China, sondern im ganzen Land herrscht denn auch deshalb Chaos, weil sich die Junta an die Macht klammert. Die NUG wiederum äußerte sich zuletzt auffallend freundlich gegenüber China. Für den weiteren Verlauf des Bürgerkriegs vermutet Liljeblad, China werde sich auf eine Seite stellen, sobald sich eine überlegene Kraft herausgebildet hat. Doch das könnte noch dauern. Der Waffenstillstand, der nahe der Grenze zu China vereinbart wurde, wird im Westen nahe Indien nicht beachtet.

So würde eine Niederlage der herrschenden Militärjunta auch noch lange keinen Frieden in Myanmar bedeuten. Zumal diejenigen, die nun womöglich Unterstützung aus China erhalten, damit auch nicht unbedingt glücklich sind. „Viele Menschen in Yangon trauen China nicht“, berichtet Jack von den Gesprächen, die er regelmäßig führt, um Geld für den demokratischen Widerstand zu sammeln. „Aber die westlichen Länder haben uns auch nicht unterstützt.“ Es helfe eben niemand, ohne dabei an die eigenen Interessen zu denken. Deshalb sei es am besten, die Junta einfach alleine, ohne Hilfe von außen zu schlagen.

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