Migrations-, Wirtschafts- und Außenpolitik

Nach der Wahl ist vor den Verhandlungen: CDU und SPD müssen schmerzhafte Differenzen überwinden, um eine stabile Koalition zu formen. Geht das gut?

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Nach der Wahl ist vor den Verhandlungen: CDU und SPD müssen schmerzhafte Differenzen überwinden, um eine stabile Koalition zu formen. Geht das gut?

Berlin – Nach der Bundestagswahl am Sonntag gilt es, Deutschlands politische Zukunft zu gestalten. Die CDU/CSU unter Kanzlerkandidat Friedrich Merz hat die Wahl gewonnen und zieht in Erwägung, eine Koalition mit der SPD zu bilden. Doch die Verhandlungen werden alles andere als einfach, da die beiden Parteien mit einer Vielzahl von Differenzen konfrontiert sind. Merz hat sich zum Ziel gesetzt, bis Ostern eine Regierungsbildung abzuschließen. Doch ob dies gelingt, ist angesichts der tiefen Gräben zwischen den Parteien mehr als fraglich.

Nach der Bundestagswahl: Knackpunkte bei den Verhandlungen zwischen Schwarz und Rot

Ein entscheidender Konfliktpunkt wird die Migrationspolitik sein. Die Union möchte angesichts steigender Migration eine Wende einleiten und sieht es als notwendig an, Asylbewerber an den deutschen Grenzen zurückzuweisen. Dies steht jedoch im direkten Widerspruch zur Haltung der SPD, die dies als rechtswidrig empfindet und als Gefahr für die europäische Einigung einstuft. Zudem hat die Union vor, den Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte auszusetzen, was von der SPD abgelehnt wird. Aktuell gilt ein Kontingent von 1000 Visa pro Monat für Angehörige dieser Personen.

Angesichts des gestiegenen Drucks durch illegale Migration wird diese Migrationswende als zentrale Bedingung für die Schaffung einer schwarz-roten Koalition durch Merz betrachtet.

Diese komplexe Thematik hat nicht nur innerhalb der Parteien, sondern auch in der Öffentlichkeit für Kontroversen gesorgt, zumal Merz während des Wahlkampfs eine enge Zusammenarbeit mit der AfD angestrebt hat, was ihn in der SPD in die Kritik brachte. Lars Klingbeil, Co-Chef der SPD, äußerte nach der Wahl, dass die Zusammenarbeit mit der Union aufgrund der jüngsten Ereignisse und der sich vertiefenden Gräben schwierig sein könnte.

Diese bekannten Politiker sitzen jetzt nicht mehr im Bundestag

Christian Lindner
Die FDP ist an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert und scheidet damit aus dem Bundestag aus. Noch 2017 hatte Parteichef Christian Lindner sie mit neuem Image und einem zweistelligen Ergebnis nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition wieder ins Parlament geführt – doch die Rechnung ging dieses Mal nach Ampel-Bruch und Unzufriedenheit der Wählerinnen und Wähler mit der Partei nicht auf.  © imago
Johannes Vogel, Fraktionsgeschäftsführer der FDP
Dem Wahlergebnis fiel damit auch Johannes Vogel zum Opfer. Er war zuletzt Fraktionsgeschäftsführer der FDP im Bundestag sowie stellvertretender Bundesvorsitzender. Durch das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde zieht auch er nicht wieder in den Bundestag ein.  © Rabea Gruber/dpa
FDP-Politikerin und frühere JuLi-Chefin Ria Schröder
Ria Schröder gilt als eine der personellen Hoffnungen der Freien Demokraten. Die Juristin war Vorsitzende der Jugendbewegung Junge Liberale und ist Mitglied des FDP-Bundesvorstands.  © Hannes P. Albert/dpa
Früherer FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai
Bijan Djir-Sarai saß ebenfalls für die FDP im Bundestag und war bis November 2024 ihr Generalsekretär. Nach dem Ampel-Bruch trat er von der Position zurück.  © Sebastian Gollnow/dpa
Linda Teuteberg, FDP-Spitzenkandidatin in Brandenburg
Linda Teuteberg hatte viel vor mit der FDP, als sie 2019 Generalsekretärin wurde. Von diesem Amt entfernte Christian Lindner sie jedoch zugunsten Volker Wissings schon vor dem Ende ihrer Amtszeit wegen Streitigkeiten. Auch sie ist durch das schlechte Abschneiden der FDP bei der Bundestagswahl 2025 nicht mehr im Bundestag vertreten. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Wolfgang Kubicki (FDP)
Auch den stellvertretenden Bundesvorsitzenden und FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki werden wir in dieser Legislaturperiode wegen des Scheiterns an der Fünf-Prozent-Hürde nicht im Deutschen Bundestag sehen.  © Michael Kappeler/dpa
Christian Dürr, Fraktionschef der FDP im Bundestag
Christian Dürr ist Mitglied im Bundesvorstand der FDP und war zuletzt Fraktionsvorsitzender der Liberalen im Bundestag. Auch er scheidet mit seiner Partei wegen ihres schlechten Wahlergebnisses aus dem Bundestag aus.  © imago
Marco Buschmann, FDP
Marco Buschmann war in der Ampel-Koalition als Bundesjustizminister tätig. Mit dem Bruch der Ampel gab er das Amt jedoch an Volker Wissing ab, der nach dem Zerwürfnis der Koalition aus der Partei austrat.  © Michael Kappeler/dpa
Volker Wissing, ehemals FDP und mittlerweile parteilos
Volker Wissing, in der Ampel-Koalition Verkehrsminister und später zusätzlich Justizminister, ließ zwar nach dem Scheitern der Ampel seine Partei hinter sich. In den neuen Bundestag zieht der jetzt parteilose Rechtsanwalt aber trotzdem nicht ein. Er möchte sich aus der Politik zurückziehen und in seiner Kanzlei arbeiten. © Hannes P Albert/dpa
Jens Teutrine, früherer Chef der Jungen Liberalen
Jens Teutrine war wie Ria Schröder auch Chef der Jungen Liberalen, bevor er in den Bundestag einzog. Mit dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag endet auch sein Mandat. © Serhat Kocak/dpa
Bettina Stark-Watzinger, ehemalige FDP-Bundesbildungsministerin
Ein weiteres prominentes Gesicht der Ampel-Koalition verlässt den Bundestag: Bettina Stark-Watzinger, die während der letzten Legislaturperiode Bundesbildungsministerin war.  © Christine Schultze/dpa
Sahra Wagenknecht, BSW-Gründerin und frühere Linken-Chefin
Politisch eklatant unterschiedlich, eint sie doch dasselbe Schicksal: Wie die FDP scheiterte auch das BSW an der Fünf-Prozent-Hürde – und zwar äußerst knapp. Einst Linken-Chefin, gründete Sahra Wagenknecht Anfang 2024 das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Trotz des aus dem Stand starken Abschneidens bei den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg zieht das Bündnis nach der Bundestagswahl knapp nicht ins Parlament ein.  © Frank Ossenbrink/imago
Amira Mohamed Ali, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Amira Mohamed Ali war einst Abgeordnete der Linken, gründete jedoch zusammen mit Sahra Wagenknecht das BSW. Sie ist Parteivorsitzende – und nicht mehr im Bundestag. © Christoph Hardt/imago
Sevim Dagdelen, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Auch Sevim Dagdelen entschied sich zum Parteiaustritt aus der Linken und zum Eintritt ins BSW, das bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte und somit nicht im Bundestag vertreten ist.  © imago
Grünen-Politiker Cem Özdemir
Die Grünen verlieren nach der Bundestagswahl 2025 sogar ein Ministergesicht: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir wird nicht mehr im Parlament vertreten sein. Jedoch entschied er das bereits selbst lange vor der Wahl. Er will der Bundespolitik den Rücken kehren und strebt in seiner Heimat Baden-Württemberg das Amt des Ministerpräsidenten an. © Hannes P Albert/dpa
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar dürfte über die Grenzen Berlins hinaus nicht besonders bekannt gewesen sein – bis Ende 2024 Vorwürfe der Belästigung gegen ihn laut wurden. Eigentlich wollte er in seinem Wahlkreis Berlin-Pankow wieder zur Bundestagswahl antreten, jedoch entschied sich der Kreisverband bei einer erneuten Abstimmung stattdessen für Julia Schneider, die nun in den Bundestag einzieht. Die Vorwürfe hatten sich im Übrigen als falsch erwiesen.  © imago
Grünen-Politikerin Tessa Ganserer
Tessa Ganserer ist eine der bekanntesten Trans*-Politikerinnen Deutschlands. Im Bundestag setzte sich die Grüne vor allem für die Rechte queerer Menschen ein. Dass sie in der 21. Wahlperiode nicht mehr im Parlament sitzt, war ihre eigene Entscheidung. Sie trat nicht mehr als Kandidatin an. Wegen des „menschenverachtenden Hasses“, der ihrer Person entgegengebracht worden sei, wolle sie ihrem Leben noch einmal eine andere Richtung geben. © Dwi Anoraganingrum/imago
Grünen-Politikerin Renate Künast
Auch die prominente Grünen-Politikerin Renate Künast wird nicht mehr im neuen Bundestag vertreten sein – ebenfalls aus freien Stücken. Sie wollte nicht mehr antreten, „um Platz für Jüngere zu machen“, hatte Künast im Sommer 2024 erklärt. Vorher war sie bereits Landwirtschaftsministerin, Grünen-Fraktionschefin und Parteivorsitzende gewesen.  © Christoph Soeder/dpa
SPD-Politikerin Michelle Müntefering
Auch bei der SPD verlassen bekannte Gesichter den Bundestag. Michelle Müntefering (SPD), Ehefrau von Franz Müntefering, sitzt ebenfalls nicht mehr im Parlament. Das war jedoch schon vor der Bundestagswahl klar: Die SPD hatte nicht mehr sie, sondern Hendrik Bollmann für ihren Wahlkreis Herne - Bochum II nominiert. © M. Popow/imago
SPD-Politiker und ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, Michael Müller
Michael Müller (SPD) war einst Regierender Bürgermeister von Berlin und zog 2021 in den Bundestag ein. Damals hatte er in seinem Wahlkreis Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf die meisten Stimmen bekommen, diesmal landete er hinter Lukas Krieger (CDU) und Lisa Paus (Grüne) nur auf dem dritten Platz und verpasste damit sein Ticket ins Parlament.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert
SPD-Promi Kevin Kühnert hatte eine steile politische Karriere hingelegt. Er war Vorsitzender der SPD-Jugendorganisation Jusos, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und seit 2021 Generalsekretär. Von dem Amt trat er 2024 zurück und kündigte an, sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Politik zurückzuziehen und nicht mehr für den Bundestag kandidieren zu wollen.  © Michael Kappeler/dpa
SPD-Politiker Michael Roth
Der hessische SPD-Politiker Michael Roth entschied sich ebenfalls weit vor der Wahl, nicht mehr für den Bundestag anzutreten. In seinem Fall spielte auch sein Einsatz für die Ukraine eine Rolle, der nicht allen in der Partei gefallen habe, und er habe sich mit der Zeit von den Sozialdemokraten und dem Politikbetrieb entfremdet. © imago
CDU-Politiker Helge Braun
Trotz ihres Wahlsiegs verliert auch die Union ein bekanntes Gesicht: Helge Braun war unter Angela Merkel Kanzleramtschef. Ende 2024 kündigte der Arzt aus Gießen an, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen.  © Kay Nietfeld/dpa
CSU-Politiker Peter Ramsauer
Auch aus der Schwesterpartei CSU verschwindet eine bekannte Persönlichkeit: Der frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer scheidet aus dem Bundestag aus – auf eigenen Wunsch war er nicht mehr angetreten. © Michael Kappeler/dpa
Susanne Hennig-Wellsow, Die Linke
Auch die Linke verbüßt trotz überraschend starkem Wahlergebnis Abgänge: unter anderem Susanne Hennig-Wellsow. Die frühere Bundesparteivorsitzende ist nicht mehr zur Bundestagswahl angetreten. Sie wollte sich beruflich etwas Neuem widmen. © Frederic Kern/imago

SPD und Union: Wirtschafts- und Steuerpolitik im Konflikt

Ein weiterer erheblichen Konfliktbereich ist die Wirtschafts- und Steuerpolitik. Hier herrscht zwar Einigkeit darüber, dass die deutsche Wirtschaft nach zwei Jahren mit Rückgängen angekurbelt werden muss, doch die Ansätze könnten nicht gegensätzlicher sein. Während die Union milliardenschwere Steuererleichterungen, insbesondere für Unternehmen, fordert, plädiert die SPD für einen „Made in Germany“-Bonus, der Unternehmen bei Investitionen in Maschinen und Fahrzeuge entlasten soll.

Die Spannung könnte sich auch in den Haushaltsverhandlungen lösen, da die SPD eine Reform der im Grundgesetz verankerten Schuldenbremse anstrebt, um mehr Spielraum für Investitionen zu schaffen. Merz hingegen hat eine Reform der Schuldenbremse zwar nicht ausgeschlossen, zeigt sich jedoch skeptisch gegenüber den Vorschlägen der SPD. Zentral dürfte sein, wie stark in den nächsten Jahren die Verteidigungsausgaben steigen sollen und wie das finanziert werden soll.

Außen- und Sicherheitspolitik: Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen SPD und CDU/CSU

In der Außen- und Sicherheitspolitik gibt es zwar eine grundsätzliche Einigkeit über die Unterstützung der Ukraine im Konflikt gegen Russland, doch die Finanzierung der zusätzlichen Milliardenhilfen bleibt umstritten. Merz zeigt sich offen für die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern an die Ukraine, während die SPD aus Sorge um eine tiefere Einbindung Deutschlands in den Krieg strikt gegen solche Maßnahmen ist.

Diese Differenzen könnten die Verhandlungen weiter belasten. Die neue Dynamik, die die Trump-Administration mit sich gebracht hat, könnte es allerdings auch erforderlich machen, dass die EU beziehungsweise Deutschland Friedenstruppen in die Ukraine schicken werden – zumindest könnte Washington auf eine solche Erwartungshaltung pochen.

Sozialpolitik: Ein weiterer Hotspot der Koalitionsverhandlungen

Im Bereich der Sozialpolitik wird es ebenfalls hart auf hart kommen. Die Union plant, das von der SPD eingeführte Bürgergeld abzuschaffen und durch ein neues „Grundsicherung“-Modell zu ersetzen, da sie befürchtet, dass das Bürgergeld die Anreize zur Arbeitsaufnahme verringert. Zudem will die SPD eine Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns auf 15 Euro, was die Union ablehnt. Dieser Punkt könnte zum Testfall für die Fähigkeit der Parteien werden, grundlegende Differenzen zu überwinden.

Darüber hinaus stehen weitere brisante Themen auf der Agenda, etwa die Verkehrspolitik. Die Union hat die Zukunft des Deutschlandtickets im Nah- und Regionalverkehr offen gelassen, dessen Finanzierung ist nur noch bis Ende 2025 gesichert. Die Union strebt an, den bundeseigenen Konzern zu reformieren, etwa Betrieb und Infrastruktur voneinander zu trennen, was mit der SPD schwierig werden könnte.

Nach der Wahl ist vor den Verhandlungen: Friedrich Merz‘ CDU und die SPD um Boris Pistorius und Lars Klingbeil müssen Differenzen überwinden, um eine stabile Koalition zu formen. Geht das gut?

Vor Regierungsbildung mit der Union: SPD-Mitgliederbefragung?

Ein bedeutender Faktor für die Regierungsbildung könnte eine Mitgliederbefragung innerhalb der SPD sein. Parteichef Lars Klingbeil hat bereits angekündigt, dass die Basis bei der Entscheidung über eine mögliche Koalition mit der Union einbezogen werden soll. Historisch gesehen haben solche Befragungen in der Vergangenheit nicht immer zu einem eindeutigen Ergebnis geführt.

Angesichts des schlechten Wahlergebnisses der SPD, dem schwächsten seit über einem Jahrhundert, könnte es durchaus sein, dass eine Zustimmung der Mitglieder für die Koalition schwer zu erreichen ist. Klingbeil betont, so zdf.de, dass die SPD nun erst einmal schauen müsse, wie sich die Verhandlungen entwickeln, bevor eine endgültige Entscheidung getroffen wird. Nicht nur deshalb glauben einige Analysten, darunter das Fachmagazin Politico, „dass es Wochen dauern“ könnte, ehe die neue Koalition steht.

Ob Merz‘ Oster-Zielvorgabe für die Etablierung einer stabilen Regierung realistisch ist, wird sich wohl erst in den nächsten Tagen allmählich abzeichnen. (dpa/chmnn)

Rubriklistenbild: ©  Foto links: IMAGO / Bernd Elmenthaler | Foto rechts: IMAGO / Chris Emil Janßen

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