- VonSophia Belliveauschließen
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Cem Özdemir hat es geschafft. Doch bereits am Tag nach seinem großen Triumph setzt ihn seine eigene Parteijugend wegen einer umstrittenen Freundschaft unter Druck.
Cem Özdemir gibt sich im Moment seines bislang größten Triumphs gelassen. Die ersten Hochrechnungen zur Landtagswahl in Baden-Württemberg sind da – und die Grünen führen. Der Saal in Stuttgart jubelt: „Cem, Cem, Cem!“ Der Spitzenkandidat, wohl bald Ministerpräsident, winkt jedoch ab und schmunzelt: „Der Baden-Württemberger ist ja immer ein bisschen skeptisch und wartet erst mal ab.“ Doch das gelöste Lächeln zeigt: So ganz glaubt er seinen eigenen Worten selbst nicht.
Wochenlange Anspannung scheint von ihm abzufallen. Denn Özdemirs Sieg ist einer, mit dem vor ein, zwei Monaten niemand gerechnet hatte: Zehn Prozentpunkte lag der 60-Jährige hinter seinem CDU-Kontrahenten Manuel Hagel. Mit seinem Realo-Kurs schaffte es der Ex-Agrarminister aber, der erste deutsche Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln zu werden. Für seine Anhänger ist das eine Sensation, die unter die Haut geht – im wahrsten Sinne des Wortes. Sechs Wahlkampfhelfer aus dem „Team Ö“ lassen sich noch in der Wahlnacht eine Breze (schwäbisch „Brezel“) als Tattoo stechen – zur Erinnerung an den Abend, an dem ihr Kandidat tatsächlich führt.
Grüne Jugend greift Özdemir wegen Palmer an
Aber nicht alle sind derart begeistert. Weil sich Özdemir für seinen Triumph maximal von seiner Partei distanzierte, sorgt sein Sieg nicht nur für Jubel in den eigenen Reihen. Im Gegenteil: Er befeuert den Konflikt zwischen linken Fundis und wertkonservativen Realos. Der Chef der links ausgerichteten Grünen Jugend, Luis Bobga, attackierte Özdemir noch in der Wahlnacht scharf und fragte, „ob das am Ende noch grüne Politik ist“.
Die Parteijugend legte einen umfangreichen Forderungskatalog vor – Mietendeckel, Klimaziele, AfD-Verbotsverfahren. Außerdem müsse sich Özdemir vom Tübinger Oberbürgermeister und Ex-Grünen-Politiker Boris Palmer distanzieren und ihm weder ein Ministeramt noch eine Beraterrolle anbieten. Im Wahlkampf traten Özdemir und Palmer häufig gemeinsam auf.
Diese Nähe stößt beim Parteinachwuchs auf Ablehnung. Auf der Wahlparty der Grünen in Stuttgart kam es laut Spiegel zu einem offenen Streit zwischen Palmer und Mitgliedern der Grünen Jugend. Im Eingangsbereich der Staatsgalerie hätten ihn zwei Männer, „ganz klar Grüne Jugend“, angegangen, so Palmer. Er sei nicht eingeladen und solle verschwinden. Ryyan Alshebl, Bürgermeister von Ostelsheim, bestätigt den Eklat: „Es war kein freundliches Gespräch.“
Palmer bringt sich als Vermittler ins Spiel
Auf Palmers Rolle in seinem künftigen Kabinett angesprochen, sagte Özdemir gestern: „Ich bin permanent im Gespräch mit ihm.“ Selbstverständlich werde Palmer eine wichtige Rolle spielen, konkrete Ämter verteile er aber noch nicht. Palmer selbst bringt sich aber bereits in Stellung. Gegenüber der Südwest Presse zeigte er sich nicht nur offen dafür, „andere Aufgaben zu übernehmen“, er bewarb auch seine Kompetenz als „Schnittstelle von Grünen und Schwarzen“. Schließlich gehe es um die Fortsetzung der Koalition.
Aufgrund des knappen Ergebnisses schlägt die CDU jedoch eine Machtteilung vor – zweieinhalb Jahre Özdemir, zweieinhalb Jahre Hagel. Zunächst brachte Unionsfraktionschef Jens Spahn diesen Vorschlag ins Spiel. Der Stuttgarter CDU-OB Frank Nopper erklärte gegenüber Bild, dass es keinen klaren Wahlsieger gebe und die Grünen das Ministerpräsidentenamt nicht allein beanspruchen könnten. Auch Hagel zeigte sich offen für die Idee.
Özdemir gibt sich weiter gelassen. Die Grünen hätten die Landtagswahl gewonnen, selbst bei einem Vorsprung von nur einer Stimme würden sie den Ministerpräsidenten stellen, erklärt er unaufgeregt. „Quatsch aller Art“ sei dem Ernst der Lage nicht angemessen. „Wir machen Erwachsenenpolitik.“ Die Südwest-CDU reagiert darauf empfindlich: „Diese herablassende Arroganz der Äußerungen von Özdemir verwundert uns doch sehr.“
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