Nach Migrations-Abstimmung: Stellt Merz mit Brandmauer-Chaos einen AfD-Freipass aus?
VonPaula Völkner
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Wie steht es um die Brandmauer zwischen CDU und AfD? In Teilen der CDU könnte das Votum als Freibrief interpretiert werden. Andere könnten sich „entmutigt“ fühlen.
Berlin – Die Brandmauer ist dieser Tage noch immer in aller Munde. Im Bundestag hat die Union mit Stimmen der AfD eine Mehrheit für einen Migrationsantrag erhalten. Ein Gesetzesentwurf scheiterte trotz AfD-Zustimmung wenige Tage später. Abgesehen vom Inhalt der Unions-Pläne löste insbesondere der Vorgang Empörung aus. SPD, Grüne, Linke sowie einige Beobachter kritisieren CDU-Chef Friedrich Merz und werfen ihm Wort- und Tabubruch vor.
Auch, wenn Merz die turbulente Woche als einen Gewinn für die Demokratie zu verkaufen versucht, scheint der Kanzlerkandidat der Union seither bemüht um Abgrenzung. Auf dem CSU-Parteitag am Samstag (8. Februar) schloss Merz erneut eine Zusammenarbeit mit der in Teilen rechtsextremen Partei aus. Kritiker werfen dem CDU-Chef jedoch mit Blick auf die Abstimmungen der vergangenen Woche vor: Eine Zusammenarbeit habe es damit längst gegeben.
Merz‘ Migrationspläne: Könnte der Eklat im Bundestag zum AfD-Freibrief in der CDU werden?
Auch auf Landesebene – insbesondere in Ostdeutschland – gibt es bereits einige Beispiele für Abstimmungen mit der AfD. Eines aus Thüringen: Im September 2023 wurde mit den Stimmen von CDU, FDP und AfD die Grunderwerbssteuer gesenkt. Auch in Kreistagen oder Stadträten bildet die CDU immer wieder Mehrheiten mit der AfD. Was bedeutet die Abstimmung über Merz‘ Migrationsplan nun für die Landes- und Kommunalebene? Könnte der Eklat im Bundestag zum AfD-Freibrief für Teile der CDU werden?
Friedrich Merz: Bierdeckel, Blackrock und schließlich Bundeskanzler
„Aus Sicht vieler in der ostdeutschen CDU gibt es gar keine Zäsur“, heißt es in einem Text des Magazins Stern, der sich dieser Frage widmet. Für sie sei die vergangene Woche im Bundestag daher „nur eine Bestätigung der Linie, die sie seit Jahren ziehen“. Auch Aussagen von führende CDU-Politiker aus Ostdeutschland stützen die Annahme, dass dies für viele keinen Tabubruch darstellt. Thüringens Ministerpräsident, Mario Voigt (CDU) erklärte am Freitag mit Blick auf das Bild der Brandmauer gegenüber dem Spiegel: „SPD und Grüne versuchen, mühsam etwas aufrechtzuerhalten, was so ohnehin nicht mehr existiert.“ Man dürfe der AfD Themen wie Migration nicht überlassen.
Brandmauer der CDU zur AfD in Brandenburg: Landesparteichef würde Mehrheit mit AfD in Kauf nehmen
Und auch Brandenburgs CDU-Landesparteichef Jan Redmann kündigte an, die CDU werde im Landtag ihre Gesetzentwürfe und Anträge nicht zurückziehen „in dem Moment, wo wir sehen, dass die Regierung ihre Leute nicht an Deck hat“. Abhängig machen vom Abstimmungsverhalten der AfD wolle sich die brandenburgische CDU dennoch nicht. Auch, wenn die führenden Köpfe der CDU-Landesverbände eine Zusammenarbeit nach wie vor ausschließen, häufen sich Stimmen auf Landesebene, die ihren Kurs nun bestätigt sehen. Alexander Räuscher, Landtagsabgeordneter aus Sachsen-Anhalt, sprach beispielsweise laut Spiegel-Bericht von einer „überfälligen Normalisierung“.
Der Parlamentarische Geschäftsführer der Union im Bundestag, Thorsten Frei, hingegen hat seine Partei gegen die Annahme zu wehren versucht, dass die Abstimmung im Bundestag als AfD-Freibrief verstanden werden könnte. In der Mehrheit mit der AfD in der vergangenen Woche sieht Frei eine Ausnahme. In der ARD-Sendung „Hart aber Fair“ erklärte er auf Nachfrage, der Ansatz, eine Mehrheit kann auf Stimmen der AfD fußen – der habe nur in dieser Situation gegolten. Nach der Bundestagswahl würde das angesichts sich ändernder Mehrheitsverhältnisse anders aussehen. Auch auf Landesebene gelte dies.
Politologe sieht in Merz‘ Abstimmung mit der AfD „Entmutigung“ für CDU-Politikerinnen und Politiker
Der Politikwissenschaftler der Universität Kassel, Wolfgang Schroeder, sieht jedoch nicht nur die Gefahr eines Freibriefs für diejenigen, die einer Mehrheit mithilfe der AfD ohnehin unkritisch gegenüberstehen. Auch könnte die Abstimmung mit der AfD im Bundestag eine „Entmutigung“ für die darstellen – die sich jahrelang gegen Zusammenarbeit mit der AfD auf kommunaler Ebene gestellt haben.
Als Mitautor einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) hat Schroeder aufgezeigt, wie oft in kommunalen Volksvertretungen von Mitte 2019 bis Mitte 2024 mit der AfD kooperiert wurde. 80 Prozent der von der AfD gestellten Anträge fanden keine Unterstützung anderer Parteien. In 20 Prozent der Fälle wiesen die Wissenschaftler eine Kooperation mit der AfD nach. Die Autoren Schroeder, Daniel Ziblatt und Florian Bochert analysierten 2452 Sitzungen, in denen die AfD insgesamt 2348 Anträge stellte.
Folgen der Unions-Abstimmung mit der AfD: „Könnte weiteren Schritt zur Normalisierung bilden“
Der Politikwissenschaftler der Universität Kassel sieht mit Blick auf die Abstimmung der Union mit der AfD „enorme Konsequenzen“. Bezugnehmend auf seine Studie erklärt Schroeder im Gespräch mit IPPEN.MEDIA, vor Ort würden AfD-Anträge von Seiten der CDU kaum unterstützt. „Die sind da relativ klar und mutig“, sagt Schroeder. Genau diese CDU-Politikerinnen und Politiker würden nun „entmutigt“, fürchtet er. „Und damit könnte das Verhalten von Merz einen weiteren Schritt zur Normalisierung bilden.“
Was im Bundestag passiert ist, nennt Schroeder auch aus diesem Grund „in hohem Maße gefährlich“. Die mögliche Normalisierung der AfD gehe durch diesen Prozess von oben aus. CDU-Politikerinnen und Politikern würde nun „von oben gewissermaßen signalisiert, gut, ihr habt das bisher tapfer gemacht. Aber nehmt das mal nicht so wichtig. Guckt, dass ihr euch machtpolitisch durchsetzt und dass ihr euch gut behaupten könnt.“ (pav)