„War Leichtsinn“

Nach Trump-Sieg: Harris rechnet schonungslos mit Biden-Team ab

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Kamala Harris holt zum Rundumschlag aus. Die Demokraten kommen nicht gut weg. Von Missgunst und in den Rücken fallen ist die Rede.

Washington, D.C. – Die ehemalige US-Vizepräsidentin Kamala Harris rechnet in ihren neuen Memoiren „107 Days“ schonungslos mit Joe Biden und seiner Wahlkampfstrategie ab. In dem am Dienstag erscheinenden Buch kritisiert sie erstmals offen die Entscheidung der Demokratischen Partei, den altersschwachen Biden 2024 erneut als Präsidentschaftskandidaten aufzustellen. Sie versucht, sich selbst und die Niederlage in dem als Countdown aufgezogenen Buch zu erklären.

Harris‘ schärfste Kritik richtet sich gegen die Entscheidung, Biden die Wahl über seine erneute Kandidatur zu überlassen. „‚Es ist die Entscheidung von Joe und Jill.‘ Wir alle sagten das wie ein Mantra, als wären wir hypnotisiert worden“, schreibt Harris über die parteiinterne Haltung. „War es Anstand oder Leichtsinn? Rückblickend denke ich, dass es Leichtsinn war.“

Biden und Harris bei einem Wahlkampfauftritt in Philadelphia.

Die 60-Jährige macht deutlich, dass die Einsätze zu hoch gewesen seien für eine rein persönliche Entscheidung. „Es stand einfach zu viel auf dem Spiel. Diese Entscheidung hätte nicht dem Ego oder den Ambitionen einer einzelnen Person überlassen werden dürfen“, schreibt Harris in ihren Memoiren. Dabei beschreibt sie Biden als müde und von körperlichen sowie verbalen Aussetzern geplagt.

Biden unsensibel: Dramatischer Anruf vor TV-Duell gegen Trump

Zwischen Harris und Biden, die sich nach außen stets als geschlossene Front präsentiert hatten, war es offenbar nicht immer rosig. Besonders brisant ist Harris‘ Schilderung eines Telefonats unmittelbar vor ihrem entscheidenden TV-Duell gegen Donald Trump. „Ich brauchte einen klaren Kopf. Ich musste mich voll und ganz auf das Match konzentrieren“, erinnert sich Harris. Doch wenige Minuten vor Beginn habe Biden sie angerufen und sich darüber beklagt, dass sie ihn bei Spendern schlecht rede.

„Ich konnte einfach nicht fassen, warum er mich gerade jetzt anrief und alles auf sich selbst bezog“, schreibt die Ex-Vizepräsidentin. Sie habe Herzlichkeit und Loyalität Biden gegenüber empfunden, die jedoch mit der Zeit durch Verletzungen und Enttäuschungen kompliziert geworden seien.

Harris macht Bidens Stab schwere Vorwürfe

Auch Bidens engster Mitarbeiterkreis sieht sich Vorwürfen ausgesetzt. Harris beklagt, der Stab habe sie systematisch untergraben. Nach Bidens Rückzug habe sein Team sie nicht nur kaum unterstützt, es sei ihr geradezu „in den Rücken gefallen“. Von Missgunst ist die Rede. Ihre Stabschefin habe regelrecht darum betteln müssen, dass man sie bei Auftritten nicht nur „wie eine Topfpflanze“ neben Biden stelle. „Schlimmer noch, ich erfuhr oft, dass die Mitarbeiter des Präsidenten negative Gerüchte, die über mich kursierten, noch weiter anheizten“, beklagt Harris.

Die ehemalige US-Vizepräsidentin thematisiert auch einen Wutausbruch ihres Mannes Doug Emhoff zu ihrem Standing in der undankbaren Rolle: „Sie verstecken dich vier Jahre lang, geben dir unmögliche, beschissene Aufgaben, korrigieren es nicht, wenn diese Aufgaben falsch dargestellt werden, verteidigen dich nie, wenn du angegriffen wirst, loben nie deine Leistungen“, zitiert sie Emhoff. Später habe sie sich geärgert, dass sie sich nicht stärker von Biden abgesetzt habe. Denn, wie ihr Berater David Plouffe sie unverblümt gewarnt habe: „Die Leute hassen Joe Biden.“

Harris übt Selbstkritik bei Running-Mate-Entscheidung: „Vielleicht war ich zu vorsichtig“

In Harris‘ Buch und einem Interview mit MSNBC scheint zudem durch, dass die Juristin rückblickend mit der Wahl von Tim Walz als Running Mate nicht ganz zufrieden war. Sie räumte ein, dass sie möglicherweise „zu vorsichtig“ war, als sie Pete Buttigieg nicht als Vizekandidaten wählte. Sie habe befürchtet, die USA seien gesellschaftlich noch nicht bereit für ein Duo aus einer schwarzen Frau und einem schwulen Mann.

„Als Schwarze Frau, die für das Präsidentenamt kandidiert, und mit einem schwulen Mann als Vizepräsident... bei so hohen Einsätzen machte mich das sehr traurig, aber ich erkannte auch, dass es ein echtes Risiko gewesen wäre“, erklärte Harris. Buttigieg selbst zeigte sich „überrascht“ von dieser Einschätzung und erklärte, man könne „den Amerikanern mehr zutrauen“.

Harris-Buch: Demokraten reagieren verstimmt auf Abrechnung

Das Buch hat bereits vor Erscheinen für Verstimmungen innerhalb der Demokratischen Partei gesorgt. Auch Pennsylvania-Gouverneur Josh Shapiro, ein weiterer damaliger Anwärter auf den Vizeposten, kommt schlecht weg. Harris verlor demnach ihr Zutrauen zu ihm, als er in einem Eignungsgespräch zu viele Fragen über die Einrichtung der Wohnräume des Vizepräsidenten gestellt habe, statt sich damit zu beschäftigen, wie man Trump stoppen könne.

Der Titel „107 Days“ verweist auf Harris‘ historisch kurze Präsidentschaftskampagne nach Bidens Rückzug im Juli 2024. Die Ex-Vizepräsidentin verlor die Wahl gegen Trump deutlich und kämpft nun um ihr politisches Erbe. Ob sie 2028 einen erneuten Anlauf für das Präsidentenamt plant, lässt sie in dem Buch offen. (Quellen: Spiegel, Newsweek, ZDF, Guardian, Axios, NBC) (ial)

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