VonRichard Mengschließen
Welche Hoffnung gibt es angesichts der Eskalation in Nahost? Die internationale Gemeinschaft wird Mitverantwortung auf sich nehmen müssen. Die Kolumne.
Ratschläge seien auch Schläge, warnt ein Bonmot aus der Welt der Politik. Was von außen an Ideen kommt, ist häufig wohlfeil. Es mag logisch klingen, ist aber nicht automatisch eine Hilfe. Weil die Dinge komplizierter sind, als es von außen aussieht. Das ist zuhause wie weltweit so, hinsichtlich des Nahost-Konflikts zumal.
Was soll dort eigentlich kommen nach dem furchtbaren Krieg? Wie soll jemals nochmal Frieden werden und wer soll ihn sichern? Selbst wenn Vorschläge dazu von außen, zumal aus Deutschland, nicht automatisch hilfreich sind: Mit Israels Gründung, der Konsequenz aus dem Zivilisationsbruch der deutschen Nazis, hatten die Staaten der Welt Verantwortung übernommen. Und es ist, von heute aus betrachtet, ein großes Versagen, dass sie nun schon seit Jahrzehnten so unendlich passiv geworden sind, wenn es um Friedenskonzepte geht.
Da war zuletzt nur noch frustriertes Desinteresse bis Resignation pur. Fortgesetzt innerhalb der multiethnischen Gesellschaften des Westens: Über Israelverachtung in den Köpfen, ganz rechts und auch bei Menschen mit Migrationsgeschichte, oder über den Trend zum Fundamentalismus auf so vielen Seiten hat kaum jemand geredet. Mit dieser Abwesenheit von Dialog, Kümmern und realer Politik, mit dem Wegschauen und Nicht-mehr-Übernehmen von Verantwortung konnte sich die Spirale von Gewalt und Hass weiter verstärken. Und in der Region die Grundstimmung, ständig im Krieg zu sein, selbst wenn gerade mal nicht geschossen wird. Auch das macht etwas mit Gesellschaften.
Wer soll Palästina jemals demokratisch verwalten und entwickeln? Wer kann wie verhindern, dass die Gaza-Kinder von heute in ihrer geerbten Perspektivlosigkeit später wieder anfangen, mit Hamas-ähnlichen Islamisten zu sympathisieren? All das sind Fragen nach positiven Schritten in die Zukunft, die zwar langsam die Gespräche hinter den Kulissen der Diplomatie erreichen, aber noch lange nicht die Gefühlswelt der wegschauenden Gesellschaften. Es gibt da nur eine Antwort: Die internationale Gemeinschaft, von der zu sprechen alleine schon ziemlich viel Optimismus braucht, wird wieder Mitverantwortung auf sich nehmen müssen. Wie auch immer organisiert.
Die UN, deren Generalversammlung einst mit Zustimmung der Sowjetunion den Weg zur Gründung Israels ebnete, wären theoretisch der ideale Akteur, wenn sie denn handlungsfähig wären. Sie selbst oder eine unter ihrem Dach zusammenfindende, die arabische Welt einbeziehende Staatengruppe sind zugleich die Vorstellbaren, um wieder Vertrauen aufzubauen. Was trotz der jüngsten Resolution des Sicherheitsrats noch höchst waghalsig klingt – angesichts all der Wunden und Zerwürfnisse, die bis weit hinein in die westlichen Gesellschaften wirken und dort mit rabiatem Strafrecht bestenfalls kaschiert, aber nicht aufgelöst werden können.
Vertrauen, ausgerechnet? Bisher ist es weit und breit nicht zu finden. Stattdessen nur Nicht-Akzeptieren der vielschichtigen Realität. Genau das ist der Grund dafür, dass die Region alleine und für sich selbst den Weg zum Frieden nicht wird finden können. Schon gar nicht mit einem Gazastreifen unter dauerhaft israelischer Regie.
Ein garantiertes Existenzrecht Israels, verbunden damit eine Perspektive für einen freien palästinensischen Staat, internationale Sicherheitsgarantien für beide, zugleich mit robustem, vorbeugendem Eingreifen gegen jegliche Terrorgefahr – und neue Wege zum Dialog innerhalb der westlichen Gesellschaften statt des Aneinander-vorbei-Schauens: Darum geht es. Nur so hat Vertrauen wieder eine Chance.
Nein, das soll kein Ratschlag sein, nur eine Analyse. Noch nicht ein konkreter Weg, aber eine Idee dafür. Ohne die Rückkehr der Politik wird sich nichts ändern.
Richard Meng ist Chefredakteur der Zeitschrift „ Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte“ und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.
