Frankfurter-Rundschau-Interview

NATO-Direktor erwartet KI-Welle in Russlands „Krieg um die Gehirne“ – „Haben keine Zeit zu verlieren“

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Die NATO beobachtet Russlands Aufrüstung – auch in der „kognitiven Kriegsführung“. Ihr Experte für Strategische Kommunikation sieht einen massiven Wandel nahen.

Janis Sarts ist seit über zehn Jahren in der NATO der Mann für „Strategische Kommunikation“. Erste kritische Frage an den Direktor des „NATO-Exzellenz-Zentrums für Strategische Kommunikation“ also: Will man mit seinen Freunden oder Verbündeten wirklich „strategisch kommunizieren“? „Wir tun nicht dasselbe wie die Russen, diese Manipulation von Fakten“, sagt der Lette der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media beim Treffen am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. „Es ist ein Versuch, sich nach außen zu verteidigen. Auch die Freiheit menschlicher Entscheidungen.“

NATO-Direktor Janis Sarts sieht große Aufgaben auf die NATO zukommen – auch weit abseits klassischer Rüstung.

„Manipulation“ bedeute, Menschen ihr eigenes Denken und ihre Autonomie zu nehmen – „in Demokratien tun wir das nicht“, betont Sarts. Stattdessen gehe es bei strategischer Kommunikation zum Beispiel darum, gemeinsame Schritte auf die gleiche Weise zu erklären. „Das ist erstmal ziemlich simpel. Aber Sie wissen aus der deutschen Politik, dass das nicht immer passiert.“ Große Sorgen bereitet Sarts aber im Kampf „um die Gehirne“ vor allem KI. „Das ist ein Wandel in der Menschheitsgeschichte“, sagt er. Und meint damit: auch im Ringen von Demokratien mit ihren autokratischen Gegnern.

„Russland ist jetzt wieder im Spiel“ – NATO-Direktor warnt vor Kampf „Maschine gegen Maschine“

Herr Sarts, Sie haben 2022 in einem Interview gesagt, Russland habe den Informationskrieg um die Ukraine schon verloren. Gilt das noch?
Im ersten Jahr der vollständigen Invasion hat Russland den Informationskampf tatsächlich verloren – aber es hat sich neu aufgestellt. Russland ist jetzt wieder im Spiel. In der Ukraine sind sie weiterhin nicht stark, aber sie nehmen die Unterstützernationen ins Visier. Das kann Lettland sein, Deutschland oder die USA. Sie haben sich auf Länder verlegt, in denen sie größere Chancen sehen.
Sie gehen davon aus, dass KI große Umwälzungen auch an dieser Front mit sich bringen wird.
Da würde ich gerne erst einmal zurückblicken. Erstens: Wir haben schon im letzten halben Jahr eine Industrialisierung des Informationskampfes erlebt. Bislang saßen da Trolle von 8 bis 17 Uhr – man konnte beinahe die Schichtwechsel mitverfolgen. Jetzt erledigen das Roboter. Und der Umfang ist, naja… groß. Zweitens sehen wir eine bessere Vernetzung der Systeme. Die funktionieren so ähnlich wie Drohnenschwärme. Und drittens: KI-Accounts werden gerade sehr „menschlich“.

Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken

Nato-Übung „Arctic Defender 2024“
Die Nato ist das größte militärische Verteidigungsbündnis der Welt. Der Nordatlantikpakt („North Atlantic Treaty Organization“) soll die territoriale Souveränität der Mitgliedsstaaten sichern und im Kriegsfall verteidigen. Dafür gibt es die Beistandsklausel im Gründungsvertrag der Nato. Die Truppenstärke aller Nato-Länder zusammengerechnet umfasste 2025 nach vorläufigen Zahlen rund 3,4 Millionen Soldaten und Soldatinnen.  © Kay Nietfeld/dpa
US-Armee Nato
Dem „Global Firepower Index“ zufolge stellen die USA mit rund 1,328 Millionen Soldatinnen und Soldaten die größte Nato-Truppe. Im Kampfeinsatz vertraut die US-Armee auch auf den Chinook-Hubschrauber. Der CH-47 ist bekannt für seine Fähigkeit, schweres Material und Personal in unwegsames Gelände zu transportieren. Im Bild ist eine gemeinsame Übung von Südkorea und den USA in Yeoncheon zu sehen. © Jung Yeon-Je/AFP
Militär Türkei
Das zweitgrößte Militär der Nato-Mitgliedstaaten kommt aus der Türkei (Truppenstärke: 355.200). Die Armee gilt als eine der stärksten der Welt. Anhand von mehr als 60 Einzelfaktoren analysieren die Fachleute von „Global Firepower Index“ die militärische Gesamtstärke der Armeen. Türkei, die seit 1952 Mitglied der Nato ist, belegt hier unter 145 Armeen den neunten Platz. © Tunahan Turhan/Imago
Polnische Armee
In der Nato-Rangliste der Truppenstärke liegt Polen auf Platz drei. Die polnischen Streitkräfte verfügen über 202.100 aktive Soldatinnen und Soldaten. Die Streitkräfte sind seit 2010 eine Berufsarmee und gliedern sich wie folgt: Heer, Marine, Luftwaffe, Spezialkräfte, Territorialverteidigung (Freiwilligenmiliz). © Radek Pietruszka/dpa
Frankreich Macron
Platz vier in der Nato-Rangliste belegt Frankreich (Truppenstärke: 200.000). Frankreich ist seit dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs die einzige Atommacht in der Europäischen Union. Der französische Staatspräsident ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und die einzige Person, die einen nuklearen Angriff befehlen kann. Hier hält Präsident Emmanuel Macron (Mitte) eine Rede vor zwei Kampfjets vom Typ Dassault Mirage 2000 (links) und vom Typ Dassault Rafale (rechts). © Ludovic Marin/AFP
Britische Armee bei einer Übung in Finnland
Die Streitkräfte des Vereinigten Königreichs gliedern sich in drei Teilstreitkräfte und umfassen ungefähr 184.860 Soldatinnen und Soldaten. Bei einer Übung in der Nähe von Rovaniemi am Polarkreis testet die Armee hier die mobile Haubitze Archer.  © Ben Birchall/dpa
Pistorius-Besuch in Litauen
Auf Platz sechs in der Nato-Rangliste liegt die Bundesrepublik Deutschland. Die Bundeswehr umfasst das Heer, die Luftwaffe, die Marine, den Cyber- und Informationsraum, sowie den Unterstützungsbereich. Aktuell gibt es rund 181.600 aktive Soldatinnen und Soldaten in Uniform. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD, rechts) erlebt die Fähigkeiten eines Leopard-2-Panzers auch schon mal aus nächster Nähe. © Alexander Welscher/dpa
Tag der italienischen Streitkräfte 2021
Die italienische Kunstflugstaffel „Frecce Tricolori“ fliegt am Tag der italienischen Streitkräfte über das Denkmal des Unbekannten Soldaten hinweg. Mit einer Truppenstärke von 165.500 Soldatinnen und Soldaten belegt Italien in der Nato-Rangliste den siebten Platz.  © Giuseppe Lami/dpa
Griechenland Militär
Kampfjets, Kriegsschiffe, Drohnenabwehrsysteme: Griechenland rüstet auf. Die Regierung will Milliarden investieren, um ihr Militär stärker zu machen als je zuvor. Aktuell verfügen die griechischen Streitkräfte (hier bei einer Militärparade in Athen) über eine Truppenstärke von 142.700 aktiven Soldatinnen und Soldaten. © Kostas Galanis/Imago
Luftlandeübung Swift Response
Noch eine weitere Armee der Nato verfügt über mehr als 100.000 aktive Soldatinnen und Soldaten: Spanien (Truppenstärke: 133.282). Allerdings ist das Land weit davon entfernt, das Zwei-Prozent-Ziel der Nato zu erreichen: Mit knapp 1,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ist Spanien sogar Schlusslicht in der Nato.  © Kay Nietfeld/dpa
Air Police Übung der Nato in Rumänien
Ein Kampfflugzeug vom Typ F-16 der rumänischen Luftwaffe steht auf dem rumänischen Luftwaffenstützpunkt in Borcea. Rumänien liegt in der Nato-Rangliste auf Platz zehn (Truppenstärke: 81.300).  © Kathrin Lauer/dpa
Kanada - Snowbirds bei Flugtag
Kanada verfügt über rund 68.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. In Canadian Army, Royal Canadian Navy und Royal Canadian Air Force dienen nur Freiwillige. Die Kunstflugstaffel der Air Force ist unter dem Namen „Snowbirds“ bekannt. Die Schneevögel sind ein Symbol Kanadas. © Patrick Doyle/dpa
Ungarn Militär
Die H225M Caracal ist ein taktischer Mehrzweck- und Transporthubschrauber mit großer Reichweite. Benutzt wird er unter anderem von Ungarn (Truppenstärke: 41.600).  © Sergey Kohl/Imago
Abschluss der Nato-Übung Quadriga 2024
Niederländische Kräfte nehmen an der Quadriga-Übung 2024 teil. Die Niederlande liegt auf Platz 13 der Nato-Rangliste (Truppenstärke: 41.380). Die Regierung will die Stärke der nationalen Streitkräfte allerdings deutlich erhöhen. © Kay Nietfeld/dpa
Bulgarien Militär
Seit 2004 ist Bulgarien Nato-Mitglied. Die bulgarischen Streitkräfte bestehen aus den Teilstreitkräften Heer, Marine, Luftstreitkräfte. Derzeit umfasst das Militär in Bulgarien etwa 37.000 Frauen und Männern. © Vassil Donev/dpa
Kriegsende-Gedenken - Tschechien
Flugzeuge hinterlassen am Himmel farbige Spuren in den Nationalfarben Tschechiens anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Tschechien verfügt über 28.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. © Kamaryt Michal/dpa
Belgische Kronprinzessin schwitzt beim Militär-Sommercamp
Die Streitkräfte aus Belgien untergliedern sich in Heer, Marine, Luftstreitkräfte und medizinisches Korps. Es gibt rein niederländisch- und rein französischsprachige Einheiten. Im Jahr 2022 trainierte auch die belgische Kronprinzessin Elisabeth (2. von rechts) in einem Bootcamp der Königlichen Militärschule ihre Führungsqualitäten. Belgien liegt in der Nato-Rangliste auf Platz 16 (Truppenstärke: 25.000). © Erwin Ceupp/dpa
Schwedische Nato-Truppen in Lettland stationiert
Die schwedischen Streitkräfte bestehen aus den vier Teilstreitkräften: Heer, Marine, Luftstreitkräfte, Heimwehr. Seit dem 7. März 2024 ist Schweden (Truppenstärke: 24.400) das 32. Mitglied der Nato. © Alexander Welscher/dpa
80. Jahrestag der Schlacht von Arnheim
Fallschirmjäger aus acht Nato-Mitgliedsländern (Deutschland, Griechenland, Niederlande, Polen, Portugal, Spanien, Vereinigtes Königreich und USA) springen hier zum Gedenken an den Jahrestag der Schlacht von Arnheim auf der Ginkelschen Heide ab. Portugals Truppenstärke beträgt 24.000 Frauen und Männer.  © Ben Birchall/dpa
Raketensschiff Pori der finnischen Marine
Das Raketensschiff Pori der finnischen Marine bricht vom Suomenlinna-Pier in Helsinki zur Nato-Operation „Enhanced Vigilance Activity“ in der Ostsee auf. Auch Finnland verfügt über 24.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten. © Vesa Moilanen/dpa
Militärübung „Nordic Response“ in Norwegen
Norwegische Soldaten sitzen während der Militärübung „Nordic Response 24“ auf Schneemobilen. Die Streitkräfte bestehen aus dem Heer, der Marine, der Luftwaffe und der milizartig organisierten Heimwehr. Mit einer Truppenstärke von 23.250 Frauen und Männer belegt Norwegen Platz 20 in der Nato-Rangliste. © Jouni Porsanger/dpa
Deutsche Brigade in Litauen
Litauische Soldaten legen nach einem Schießtraining bei Rudninkai in dem Areal, wo die deutsche Brigade in Litauen stationiert werden soll, eine Pause ein. Die Truppenstärke von Litauen beträgt 23.000 Frauen und Männer. © Kay Nietfeld/dpa
The Royal Life Guards
Rekruten der Royal Life Guards aus Dänemark überqueren auf dem Truppenübungsplatz Kulsbjerg bei Vordingborg das Wasser. Dänemarks Militär verfügt derzeit über etwa 20.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. © Mads Claus Rasmussen/Imago
Luftwaffe bildet slowakische Soldaten an Flugabwehrsystem aus
Slowakische Soldaten trainieren an einem Flugabwehrsystem. Seit 2004 ist die Slowakei Mitglied der Nato. Die Truppenstärke des Militärs beträgt 19.500 Frauen und Männer. © Marcus Brandt/dpa
Lettland Militär Parade
imago80894560.jpg © Victor Lisitsyn/Imago
Militärmanöver in Kroatien
Kroatien verfügt über 14.325 aktive Soldatinnen und Soldaten. Die Streitkräfte werden umgangssprachlich meist als „Hrvatska vojska“ (Kroatische Armee) bezeichnet. Kroatien ist seit April 2009 Mitglied der Nato. © dpa
Mazedonien Namensänderung
Die Armee der Republik Nordmazedonien (Truppenstärke: 9000) gliedert sich in ein Heer mit angeschlossenen Luftstreitkräften (Heeresflieger). Aufgrund der Binnenlage des Landes gibt es keine eigenständige Marine.  © Dragan Perkovksi/dpa
Kaja Kallas
Am 15. Mai 2024 besuchte die damalige estnische Premierministerin Kaja Kallas die gemeinsame Übung „Spring Storm“ der estnischen Streitkräfte (Truppenstärke: 7700) und der alliierten Nato-Streitkräfte in Pärnu. © Jussi Nukari/Imago
Slowenien
Sloweniens Truppenstärke beträgt 7300 Frauen und Männer. Die Streitkräfte unterstehen dem Verteidigungsministerium. Die für den Schutz der 46 Kilometer langen Adriaküste zuständige Marine und die Luftstreitkräfte sind keine selbständigen Teilstreitkräfte. © Zeljko Stevanic/Imago
Albanien
Seit 2010 hat Albanien eine Berufsarmee. Sie besteht derzeit aus 6600 aktiven Soldatinnen und Soldaten. Das Joint Force Command bildet ein Hauptquartier, dem die drei Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine unterstehen. © Imago
Montenegro
Die seit 2006 aufgebauten Streitkräfte von Montenegro umfassen 2350 Frauen und Männer und gelten heute als eine funktionierende Kleinarmee in Europa. Montenegro ist seit Juni 2017 Mitglied der Nato. © Imago
Luxwemburg
Die Armee Luxemburgs umfasst die Streitkräfte des Großherzogtums Luxemburg. Sie besitzt eine leichtbewaffnete, Freiwilligenarmee (Truppenstärke: 1000). Die luxemburgische Armee ist in ein Infanteriebataillon mit zwei Aufklärungskompanien gegliedert. Mit einer dieser beiden Kompanien beteiligt sich Luxemburg am Eurokorps. © Berit Kessler7Imago
Eurofighter über Island. (Archivbild)
Ein Eurofighter fliegt bei der Übung „Rapid Viking 2023“ über Island. Der hohe Norden gewinnt zunehmend an geopolitischer Bedeutung. Nato-Mitglied Island selbst verfügt über keine eigene Armee. © Britta Pedersen
Was bedeutet das praktisch?
Ein Beispiel: Hier in München gibt es sicher Unterbezirke – und die haben meist eine Facebook-Gruppe. Dort tritt so ein KI-System bei, beteiligt sich an allen möglichen Diskussionen. Ist sehr aktiv, passt sich sehr gut dem Tonfall an; auf welchem Feld auch immer. Und dann versucht es, das Ganze in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen. Die meisten Leute dürften nicht die leiseste Ahnung haben, dass sie es mit einer KI zu tun haben. Diese KIs erscheinen als vollständig menschlich. Sie sind sogar für unsere Systeme schwer zu erkennen. Dann passiert aber noch etwas anderes.
Und zwar?
„Data Poisoning“. Das ist der Versuch, KI-Modelle – insbesondere ChatGPT – dazu zu bringen, Fragen auf eine vom Manipulator gewünschte Weise beantworten zu lassen. Da manipulieren Maschinen andere Maschinen. Das ist ein sehr aktueller Trend. Und zu guter Letzt gibt es natürlich noch Deep Fakes. Ungefähr ein Viertel des Contents ist dieser Tage schon nicht menschengemacht.
Einiges davon erkennt man aber, zum Beispiel auf Instagram.
Manchmal – wenn all diese Tiere Dinge tun. Da weiß man: Das kann nicht wirklich passiert sein. Aber wenn die Macher nicht ganz so übertreiben, wenn es um eine kleine Botschaft in einem bestimmten Kontext geht, bekommen die meisten Menschen gar nicht mit, dass sie einem Deep Fake aufgesessen sind. Unserer Einschätzung nach wird es davon immer mehr geben. Als Größenordnung: Ich würde sagen, 50 Prozent der Inhalte, die wir nutzen und beobachten, werden Deep Fakes sein. Aber das ist nur der aktuelle Stand. Die Dinge entwickeln sich schnell.

Kampf der Systeme – über KI: „Fundamentaler Wandel in der Menschheitsgeschichte“

Was erwarten Sie für die Zukunft?
Gerade sprechen alle über agentische KI-Systeme. Wir erwarten, dass sie auf lange Sicht auf einzelne Menschen feinabgestimmtes Microtargeting betreiben. Mit der Fähigkeit, Emotionen zu lesen, sich auf Reaktionen einzustellen – die sind wirklich gut im psychologischen Profiling. In Echtzeit. Und dann sind da noch „KI-Beziehungen“.
Das gibt es schon.
Ja, Apps, die Beziehungen bieten. Für einsame Menschen etwa, manchmal geht es dabei auch um „intime“ Beziehungen. Aber sie werden künftig auch gebaut, um Menschen zu beeinflussen. Da hat man dann KI-Kompagnons, zu welchem Zweck auch immer – und sie werden letztlich die Weltsicht der Nutzenden beeinflussen. Letztlich wird es darauf hinauslaufen, dass Maschinen Maschinen überzeugen. Und wir werden nicht mehr glauben, was wir sehen. Das ist ein fundamentaler Wandel in der Menschheitsgeschichte. Bisher wusste man: Wenn man eine Tür sieht, ist sie real. Das funktioniert nicht mehr. Und das wird Auswirkungen haben.
Das klingt nach massiven Aufgaben, nicht nur für die NATO, sondern für unsere Gesellschaften.
Das ist so. Aber natürlich kann diese mächtige Technologie auch Schutzsysteme aufbauen. Es wird darauf ankommen, ob wir die nötige Technologie schaffen können, um Menschen in diesem neuen Umfeld zu schützen.
Und, sind wir auf einem guten Weg?
Das ist der Grund, warum ich dieser Tage immer wieder über dieses Thema spreche. Wir haben gerade zusammen mit Oxford und Cambridge einen Bericht veröffentlicht. Es gibt bedeutende Denker und Professoren, die sagen, dass wir uns genau darum kümmern müssen. Besonders in Europa. Wir haben keine Zeit zu verlieren.
Lassen Sie uns trotzdem nochmal auf die menschliche Ebene blicken. Sie sagen, Fact-Checks und sogenanntes Debunking funktionieren nicht. Das wären schlechte Nachrichten für den Journalismus. Warum glauben Sie das?
Dazu haben wir Datensätze. Sagen wir, es kursiert irgendein Hoax. Oder eine erfundene Information, die viral geht. 100.000 Menschen haben sie gesehen – und einen Tag später gibt es einen kompletten Fact-Check. Was wir typischerweise sehen: Normalerweise hat der Check eine Reichweite von ein paar tausend Menschen. Und vielleicht überlappt sich nicht einmal ein Prozent der beiden Empfängerkreise. In unseren Online-Umfeldern nehmen wir Dinge emotional wahr, nehmen sie mit – und machen weiter. 
Was ist die Alternative?
Es taucht selten etwas aus dem Blauen heraus auf. Gewisse Faktoren triggern Algorithmen, davon auszugehen, es sei vielversprechend, etwas zu promoten. Typischerweise, dass viele Accounts etwas geliket haben. Wenn jemand ein robotisches Netzwerk mit fünf oder auch 10 000 Accounts lenkt, setzt er da an. Greift etwas auf und lässt es sich verbreiten. Wenn man weiß, welche Bot-Accounts typischerweise genutzt werden; wenn man ein Monitoring-System hat und die typischen Quellen kennt, bekommt man frühzeitig eine Warnung. Dann kann man versuchen zu „prebunken”.
Das bedeutet?
Eine Art Impfung. Die Wissenschaft hat gezeigt, dass das so ziemlich der einzig praktikable Weg ist: Man gibt den Leuten im richtigen Kontext eine Vorschau auf das Kommende – und einen Ort, an dem sie selbst die Fakten überprüfen können. Ohne Emotionen. Später hat der Hoax dann keine Wirkung mehr.

Beispiel Ukraine: „Auf diese Weise können wir uns als Menschen verbünden – und gewinnen“

Spielt „Vertrauen“ noch eine Rolle?
Vertrauen ist wichtig – aber auch eine spannende Angelegenheit. Bislang ist das Vertrauen in die Regierung und „vertikale Strukturen“ zerbrochen. Bei horizontalen Strukturen ist das anders.
Also: Menschen vertrauen ihrem Gegenüber auf der Straße, aber nicht den Institutionen?
Schauen Sie: Menschen gehen zu Airbnb. Sie haben eine Person nicht mal gesehen und lassen sie in ihr eigenes Apartment. Das ist ein sehr grundlegendes Vertrauen, oder? Ich würde also sagen, Vertrauen als solches ist nicht verschwunden. Es liegt nur nicht mehr in den Hierarchien der Macht, sondern in den Netzwerken der Menschen. Wir vertrauen bestimmten Dingen nicht mehr – und dafür verschiedenen anderen. Manchmal ist das gar nicht so gut, zum Beispiel bei bestimmten KI-Systemen. Aber in anderen Fällen kann man wichtiges Vertrauen durch menschliche Netzwerke zurückbringen.
Haben Sie dazu vielleicht ein mutmachendes Beispiel?
Die Ukraine. Russland war sehr bekannt dafür, raffinierte Online-Operationen auszuführen. Aber Anfang 2022 wollte auf einmal die ganze Ukraine der Welt mitteilen, was dort passiert. Plötzlich haben die Ukrainerinnen und Ukrainer die ganzen Bots übertönt, als menschliches Netzwerk. Was also nötig und noch möglich ist – ich bin mir aber nicht sicher, wie lange noch: dass Menschen als Gesellschaft zusammenkommen. Typischerweise passiert das in Krisen. Menschen verbinden sich. Auch um sicherzustellen, dass keiner verlorengeht und diese Dinge glaubt.
Warum hilft das so stark?
Es geht darum, dass wir uns nicht instinktiven und emotionalen Reaktionen ergeben, sondern das nutzen, was uns zu Menschen macht. Da geht es um Vernunft. Aber die Wissenschaft hält diesen Pfad für schwierig. Weil das sehr viel Energie kostet. Aber auf diese Weise können wir uns als Menschen verbünden – und gewinnen. (Interview: Florian Naumann)

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