VonJoachim Willeschließen
Der Klimawandel könnte zum Hauptgrund für den Rückgang biologischer Vielfalt werden.
Die biologische Vielfalt auf der Erde ist bedroht. Fachleute nehmen an, dass das sechste Massenaussterben in der Geschichte des Lebens auf dem Planeten begonnen hat – ausgelöst diesmal durch den Menschen. Doch es gibt Hoffnung. Naturschutz kann einen entscheidenden Beitrag dazu liefern, den Artenschwund aufzuhalten und sogar umzukehren. Allerdings kann das nur funktionieren, wenn auch der Klimawandel stark gebremst wird. Geschieht das nicht, könnten die Klimaveränderungen bis Mitte des Jahrhunderts sogar zum größten Treiber des Artensterbens werden. Das zeigen neue wissenschaftliche Studien.
Laut dem Weltbiodiversitätsrat (IPBES) sind bisher der Verlust von Lebensraum und der Wandel der Landnutzung – etwa die Umwandlung von Wald in Weide – der Hauptfaktor für den Rückgang der biologischen Vielfalt. Als weitere Gründe gelten, von der Bedeutung her in dieser Reihenfolge, Jagd und Wilderei, Klimawandel, Umweltgifte sowie invasive Arten wie Ratten, Mücken und Schlangen. Die Wissenschaft ist sich jedoch uneins, wie stark genau die Artenvielfalt abgenommen hat.
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Ein Forschungsteam unter Leitung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat das nun für den Landnutzungswandel genauer berechnet. Danach ist globale Vielfalt allein aufgrund dieses Faktors im 20. Jahrhundert wahrscheinlich um zwei bis elf Prozent zurückgegangen. Es handelt sich dabei um die größten Modellstudie ihrer Art, die jetzt in der Zeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde. Die Untersuchung wurde von mehr als 50 Forschenden aus über 40 Einrichtungen durchgeführt.
Die Forschenden konnten zeigen, dass der Nutzen der Natur für die Menschen durch die Eingriffe in die Landnutzung sich einerseits wie gewünscht entwickelt hat: Die „versorgenden Ökosystemleistungen“ wie die Produktion von Nahrungsmitteln und Holz vervielfachten sich. Andererseits gingen regulierende Ökosystemleistungen, wie die Bestäubung durch Insekten oder die Bindung von Kohlenstoff in Boden und Vegetation, zurück, wenn auch bisher nur leicht. Das Team untersuchte dann, wie sich biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen in Zukunft entwickeln könnten. Dafür fügten sie den Klimawandel als weiteren Faktor für den Wandel der Vielfalt in ihre Modelle ein.
Erderwärmung könnte 2050 Hauptgrund für Artenschwund sein
Ergebnis: Der Klimawandel wird sowohl die biologische Vielfalt als auch die Ökosystemleistungen zusätzlich beeinträchtigen. Der Landnutzungswandel spielt zwar weiterhin eine wichtige Rolle, die Klimaerwärmung könnte bis 2050 allerdings zum Hauptgrund für den Artenschwund werden. Das Forschungsteam bewertete dabei drei der vom Weltklimarat IPCC eingeführte Szenarien – von einem Szenario nachhaltiger Entwicklung bis zu einem Szenario mit hohen Treibhaus-Emissionen.
Der Erstautor der Studie, Professor Henrique Pereira, erläuterte die Bedeutung der Studie: „Indem wir alle Erdregionen in unser Modell einbezogen haben, konnten wir viele blinde Flecken füllen“, sagte der Forschungsgruppenleiter bei iDiv. Der genutzte Ansatz liefere wohl „die bisher umfassendste Berechnung des weltweiten Biodiversitätswandels“. Die Auswirkungen verschiedener Schutzmaßnahmen abzuschätzen, könne dabei helfen, die wirksamsten auszuwählen. Die Ergebnisse zeigten klar, dass die derzeitigen politischen Schritte nicht ausreichen, um die internationalen Ziele für biologische Vielfalt zu erreichen. „Wir müssen mehr tun, um eines der größten globalen Probleme zu lösen: den vom Menschen verursachten Wandel der biologischen Vielfalt.“
Eine weitere aktuelle Überblicksstudie belegt, dass es durchaus Chancen gibt, die Zuspitzung der Biodiversitätskrise abzuwenden. Die Untersuchung bewertet den Erfolg von Schritten zum Schutz der Artenvielfalt, die weltweit seit dem Jahr 1890 ergriffen worden sind. Als besonders effektiv identifizierte das Forschungsteam die Einrichtung von Schutzgebieten, die Bekämpfung invasiver Arten, die nachhaltige Bewirtschaftung von Ökosystemen sowie die Verringerung von Lebensraumverlusten. Erschienen ist die Metastudie ebenfalls in „Science“, ausgewertet wurden dafür 186 Untersuchungen zu 665 Renaturierungsmaßnahmen. An der neuen Studie war die US-Naturschutzorganisation Re:wild maßgeblich beteiligt.
In fast der Hälfte der untersuchten Fälle (45 Prozent) wurden Verbesserungen des Zustandes der Artenvielfalt, in einem weiteren Fünftel zumindest einen langsameren Rückgang gegenüber der vorherigen Situation. Zwei von drei Maßnahmen zeigten also Wirkung. Selbst in den anderen Fällen war der Aufwand laut der Analyse nicht ganz nutzlos. Die Naturschützer hätten dabei gelernt, wie die Methoden zu verbessern seien. Studienleiterin Penny Langhammer betonte allerdings, der Naturschutz müsse erheblich ausgeweitet werden, um die globale Krise der Artenvielfalt zu stoppen. Er müsse „weltweit erhebliche zusätzliche Ressourcen und politische Unterstützung erhalten“, sagte die Vizepräsidentin von Re:wild.
Theoretisch sind die Weichen dafür auch gestellt. So haben 196 Staaten 2022 im kanadischen Montreal das Weltnaturschutz-Abkommen beschlossen, das zum Ziel hat, den Verlust der Biodiversität an Land und in den Meeren zu stoppen und geschädigte Ökosysteme wiederzuherstellen. So sollen bis 2030 jeweils 30 Prozent der Land- und der Meeresfläche des Planeten unter Schutz gestellt werden.
Für die Umsetzung benötigt es jedoch noch weitere Anstrengungen. Ein umfassendes globales Programm zum Biodiversitätsschutz würde nach Schätzungen 178 bis 524 Milliarden US-Dollar kosten, so die Internationale Naturschutz-Union (IUCN). Das Geld könnte übrigens leicht aufgebracht werden, wenn nur ein Teil der globalen Subventionen für fossile Brennstoffe dafür umgewidmet würde. Sie betragen laut der Science-Studie rund eine Billion Dollar, was etwa dem Doppelten des höchsten genannten Betrages entspricht. Es wäre eine Win-Win-Situation: Denn der Antrieb für den Klimawandel würde gebremst, was wiederum, siehe oben, die Naturschutzkrise entspannen würde.
