VonMaria Sterklschließen
Das Oberste Gericht in Israel darf in Zukunft demokratieschädliche Politik der Regierung verurteilen. Es kassiert Netanjahus Justizreform.
Jerusalem - Fast ein Jahr, nachdem Israels Justizminister Jariv Levin das umfangreiche Paket zur Entmachtung der Justiz präsentiert hatte, liegt das Projekt in Scherben. Der Oberste Gerichtshof hat entschieden: Jener erste Teil der Justizreform, der bereits in Gesetzesform gegossen wurde, ist rechtswidrig und wird daher aufgehoben. Damit sind wohl auch die übrigen Teile des geplanten Justizcoups zum Scheitern verurteilt.
Regierung kämpft seit Monaten für Justizreform
Mehr als ein halbes Jahr lang hatte das Paket der ultra-rechten Regierung unter Benjamin Netanjahu die Nachrichten dominiert und Hunderttausende Israelis auf die Straßen getrieben. Obwohl laut allen Umfragen die Mehrheit der Bevölkerung den Justizcoup ablehnte, brachte die Koalition den ersten Teil der Reform mit den Stimmen der eigenen Abgeordneten kurz vor der Sommerpause durchs Parlament. Ab sofort sollten die Höchstrichter:innen Entscheidungen der Regierung und der Ministerien nicht mehr aufheben können, wenn sie „grob unangemessen“ sind.
Nun hat der Oberste Gerichtshof entschieden, dass das zu weit geht. Von 15 Richter:innen stimmten acht für die Aufhebung der Grundgesetzänderung. Drei weitere Richter:innen erklärten die Reform zwar für demokratieschädlich, hielten eine Aufhebung aber in diesem Fall für unangemessen. Vielmehr sollte der Gerichtshof die Reform möglichst eng auslegen, forderten sie in ihrer Minderheitenmeinung.
Nichts mehr wie zuvor - ein außenpolitischer Rückblick




Historisch bedeutend ist die Entscheidung aber weniger wegen der Aufhebung des Gesetzes, sondern wegen des zweiten Teils des Spruches: Zwölf der fünfzehn Höchstrichter:innen erklärten darin, dass der Gerichtshof in ein Grundgesetz eingreifen darf – und zwar dann, wenn es dem demokratisch-jüdischen Charakter des Staates Israel schweren Schaden zufügt. Nur drei Mitglieder des Richtersenats schlossen sich also der Regierungsmeinung an, dass ein solcher Eingriff unzulässig sei.
Oberstes Gericht darf gegen Regierung vorgehen
Es ist ein Meilenstein in Israels Justizgeschichte. Der Spruch gibt eine klare Linie für spätere Entscheidungen des Höchstgerichts vor: Ab jetzt ist es für die Höchstinstanz nicht mehr Tabu, die Regierung für demokratieschädliche Politik zu rügen – selbst dann, wenn die Koalition diese Politik in den Stein des Grundgesetzes meißelt. In Israel können Regierungen Grundgesetze nach Belieben ändern. Sie benötigen dafür nur die Stimmen ihrer eigenen Koalitionsabgeordneten im Parlament. Die Opposition hat keine Möglichkeit, es zu verhindern.
Kriegslage
Das israelische Militär hat als Reaktion auf Raketenbeschuss aus dem Libanon offenbar erneut Ziele der Schiitenmiliz Hisbollah angegriffen. Wie die israelische Armee am Dienstag mitteilte, wurden Ziele in der Umgebung der südlibanesischen Stadt Yaroun unter Feuer genommen. Die Hisbollah teilte mit, sie habe israelische Einheiten bei dem nordisraelischen Dorf Sarit beschossen. Im Norden Israels gab es am Dienstagvormittag erneut Luftalarm. dpa
Am Tag, nachdem die Entscheidung publik wurde, waren die Vertreter:innen der Regierungsparteien erstaunlich leise. Während die rechtsnationale Koalition im Vorjahr stets die Übermacht der Justiz angeprangert hatte und sogar von einem „Staat im Staat“ phantasiert hatte, hielten sich die Attacken auf das Höchstgericht nun in Grenzen.
Netanjahu gibt Minister:innen Agenda vor
Netanjahu hatte die Minister:innen und Abgeordneten der Koalition zwar angewiesen, sich in ihren Reaktionen auf den Gerichtsspruch darauf zu fokussieren, den Gerichtshof in ein möglichst schlechtes Licht zu rücken. Das wurde durch einen Leak des öffentlichen Senders Kan bekannt. „Die Richter spalten das Volk in Zeiten des Krieges“: So lautete der Spin, den Netanjahus Verbündete verbreiten sollten. Einige von ihnen folgten dieser Parole.
Im Vergleich zu den Attacken auf die Justiz, wie man sie in den ersten Monaten des vergangenen Jahres laufend hören konnte, nahmen sich die Reaktionen aber verhalten aus – wenn man von den üblichen Verdächtigen in Itamar Ben-Gvirs rechtsextremer Partei Otzma Jehudit einmal absieht. Vieles deutet darauf hin, dass sich die Koalition nun fügen und zumindest während des Gazakriegs nicht auf dem Justizcoup beharren wird. Schon jetzt ist die Regierung laut allen Umfragen höchst unpopulär. Jede Anstrengung, die nun nicht dem Krieg in Gaza gilt, würden selbst Netanjahus treueste Fans nicht gutheißen.
Dazu kommt, dass der Regierung seit Kriegsbeginn mit den früheren Oppositionellen Benny Gantz und Gadi Eisenkot zwei erbitterte Gegner des Justizcoups angehören. Jede Art von Konfrontationskurs mit dem Höchstgericht würde diese Regierung sprengen – und das will Netanjahu tunlichst vermeiden.
Rubriklistenbild: © Imago/UPI Photo

