VonStefan Schollschließen
Im Russland von Wladimir Putin greifen reaktionäre Ideologien um sich. Nun häufen sich Forderungen, Darwins Evolutionstheorie aus den Lehrplänen zu streichen.
Am von ihm gegründeten Gymnasium des Heiligen Basilius des Großen unterrichte man Biologie schon lange nicht mehr nach den veralteten Lehrbüchern, die den Schüler:innen Darwinismus aufnötigten, erklärte Konstantin Malofejew kürzlich auf Telegram. „Heute lässt die wissenschaftliche Genetik dem Darwinismus keine Chance“, so der kriegspatriotische und stramm russisch-orthodoxe Dollarmilliardär und Medienmagnat. Das Bildungssystem müsse sich entscheiden, was es den Fünftklässler:innwn beibringen wolle: „Daran zu glauben, dass sie Abbild Gottes sind oder direkte Nachfahren der Menschenaffen.“
In Russlands immer weiter nach rechts rutschender Öffentlichkeit ist eine heftige Debatte ausgebrochen, ob man Charles Darwin und seine Evolutionstheorie Russlands Schüler:innen noch zumuten kann. Darwins Theorie, nach der sich die Tier- und Pflanzenarten, auch der Mensch, aufgrund natürlicher Selektion und Vererbung entwickelt haben, ist vor allem kirchlichen Kreisen in Russland schon lange ein Dorn im Auge.
Und vergangenen Donnerstag schlug Muslim Chutschijew, tschetschenischer Berater des Premierministers Michail Mischustin, auf einer Sitzung des Allrussischen Elternkomitees dem Bildungsministerium vor, Darwins Lehre aus den Schulbüchern zu entfernen. „Alle wissen, dass es eine irrtümliche Theorie ist, sie verstößt gegen die Religion. Das ist der erste Schritt zum geistigen Verfall der Kinder.“
Dieser Forderung schloss sich einen Tag später auch der Priester Fjodor Lukjanow an, Vorsitzender der Patriarchatskommission für Familienfragen. Weil der Darwinismus die Schüler:innen in die Irre führe. Diese „unsittliche“ Theorie „erklärt das menschliche Geschlecht zum Waisenkind und den Schöpfer für nicht vorhanden“. Aber es gab auch prompten Widerspruch. Der Bioinformatiker Alexander Pantschin, Mitglied einer Kommission der Akademie der Wissenschaften für den Kampf gegen Pseudowissenschaften, schimpfte: „Das ist, als würde man sagen, die Theorie von der Schwerkraft oder die Ansicht, dass zwei plus zwei vier sind, führten bei Kindern zum geistigen Zerfall.“
Auch der Duma-Abgeordnete Michail Matwejew, gelernter Historiker, sprach sich gegen ein Verbot aus. „Man muss einfach mehrere alternative Ansichten über die Entstehung des Lebens auf der Erde anbieten, darunter unbedingt die Theorie Darwins, aber auch die Theorie des göttlichen Ursprungs der Menschheit.“ Der Anthropologe Stanislaw Drobyschewskij räsoniert schon, man sei auf dem Weg zurück in die Steinzeit, könne außer Darwin direkt auch Brillen, Kloschüsseln und Albert Einsteins Relativitätstheorie verbieten. Tatsächlich sind obskure Verbote groß in Mode, es steht unter Strafe, „die Gefühle der Gläubigen zu beleidigen“ oder die „russischen Streitkräfte zu diskreditieren“.
Und nach einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM vom Februar glauben nur 28 Prozent der Russen an Darwins Theorie, 23 Prozent dagegen an die göttliche Schöpfung, 39 Prozent meinen, die Wissenschaft sei noch unfähig, die Menschwerdung zu erklären. Und schon 30 Prozent plädieren dafür, den Darwinismus aus dem Unterricht zu streichen.
„In Zeiten der Wirren“, sagt der Moskauer Biologielehrer Alexander Jewsejew, „neigen viele Leute zu mystischen oder zu religiösen Erklärungen.“ Aber ein Verbot des Darwinismus in der Schule wäre katastrophal, es beraubte ganze Generationen ihres Basiswissens.
Das Bildungsministerium hat sich noch nicht geäußert.
