VonMax Müllerschließen
„Skolstrejk för klimatet“: Greta Thunberg wird vor fünf Jahren weltberühmt. Doch „Fridays for Future“ müsse sich wandeln, sagt jemand, der sein ganzes Leben dem Aktivismus verschrieben hat.
Die Geschichte von „Fridays for Future“ beginnt nicht an einem Freitag, sondern an einem Montag. Vor fünf Jahren, es ist der 20. August 2018, setzte sich Greta Thunberg mit einem Plakat auf den Boden, ganz in der Nähe des schwedischen Reichstagsgebäudes in Stockholm. Ihre Forderung war einfach: Die Politik solle den Klimaschutz endlich ernst nehmen.
Es dauerte nicht lange, bis lokale Medien auf die damals 15-Jährige aufmerksam wurden. Dann ging alles ganz schnell. Aus einer Soloprotestform wird eine weltweite Klimabewegung. Gut ein Jahr später, am 20. September 2019, ist der Begriff „Fridays for Future“ längst in Deutschland angekommen. An diesem Tag gingen hierzulande über eine Million Menschen auf die Straße.
Für Thunberg folgten Medienauftritte und Einladungen zu internationalen Gipfeln. Und in Deutschland wurde der Klimawandel immer ernster genommen. So urteilte das Bundesverfassungsgericht 2021, dass das Klimaschutzgesetz der Bundesregierung von 2019 zu kurz greift – und nachgebessert werden müsse. Mehrere der Kläger waren auch in der „Fridays for Future“-Bewegung aktiv.
Auf der Habenseite der Klimabewegung steht, dass sich die Mächtigen täglich damit auseinandersetzen müssen, wie man heutzutage nachhaltig und klimaneutral wirtschaftet. Doch sich damit zu beschäftigen ist das eine, konkrete Taten sind etwas anderes. So vergeht nach Meinung der Aktivisten viel Zeit, in der sehr viel über Klimapolitik gesprochen, aber zu wenig gehandelt wird. Genau an dieses Gefühl der Ohnmacht setzte die „Letzte Generation“ an.
Ihre Aktionen sind wesentlich radikaler. Dennoch helfen sie, das übergeordnete Ziel, Klimaschutz, zu erreichen, sagte Protestforscherin Dalilah Shemia-Goeke unlängst im Interview mit IPPPEN.MEDIA. „Wir nennen das den Effekt ‚der radikalen Flanke‘. Damit ist gemeint, dass die Präsenz von Gruppen, die als radikaler wahrgenommen werden, zu einer erhöhten Gesprächsbereitschaft mit den ‚moderateren‘ (wie etwa ‚Fridays for Future‘) führt, sodass die gesamte Bewegung mehr gehört wird.“
Protestforscherin: Fünf Prozent der Bevölkerung könnten reichen
Dabei brauche es weniger Beteiligung, als man gemeinhin denkt. „Aus der Forschung wissen wir, dass in der Vergangenheit ab einer Beteiligung von rund fünf Prozent der Bevölkerung, die auf die Straßen gehen, Diktatoren zu Fall gebracht werden konnten“, so Shemia-Goeke. „Diese Zahl ist natürlich im Kontext parlamentarischer Demokratien mit Vorsicht zu genießen, aber dennoch ein interessanter Anhaltspunkt.“
An der Menge scheitere es nicht, sagte „Fridays for Future“-Sprecherin Pauline Brünger tagesschau.de. „Fridays for Future“ schaffe es immer noch, mehrmals im Jahr Hunderttausende Menschen auf die Straße zu bringen. Und dennoch räumt auch Brünger ein: „Ich sehe das auch als ein politisches Versagen, dass wir nach fünf Jahren ‚Fridays for Future‘, nach fünf Jahren jugendlichem Klimaprotest, immer noch so weit vom 1,5 Grad Ziel entfernt sind.“ Auch das bekannteste deutsche Gesicht von „Fridays for Future“, Luisa Neubauer, ist anlässlich des fünfjährigen Bestehens eher zurückhaltend. Es sei viel passiert, aber bei weitem noch nicht genug, sagte sie der ARD.
Thilo Bode zu Greta Thunberg: „Höhepunkt in der Geschichte zivilgesellschaftlichen Engagements“
Einer, der sich wie kaum jemand sonst mit Protest, Aktivismus und (langsamen) politischen Veränderungen auskennt, ist Thilo Bode. In den 90er-Jahren engagierte sich Bode bei Greenpeace. Später gründete er Foodwatch, einen Verein, der sich mit der Qualität von Lebensmitteln auseinandersetzt. „Greta Thunbergs Aktion war ein historischer Höhepunkt in der Geschichte des zivilgesellschaftlichen Engagements“, sagt Bode unserer Redaktion. Insbesondere der Umstand, dass aus wissenschaftlicher Sicht schon so lange klar ist, dass sich etwas tun muss, und trotzdem erst jetzt die öffentliche Erregung anschwillt, könnten sich Greta Thunberg und „Fridays for Future“ auf die Fahne schreiben.
Doch auch Bode kommt schnell zum großen Aber. „In der Realität hat sich wenig verändert.“ Es ist ein Befund, der ihn an seine eigene Bilanz erinnert. Jahrelang kämpfte Bode für mehr Transparenz im Lebensmittelmarkt. Geändert habe sich allerdings zu wenig. Also einfach aufgeben? „Um Gottes willen, nein“, insistiert Bode. „Von der Zivilgesellschaft geht eine unglaubliche Kraft aus, man muss sich nur die Geschichte der Vereinigten Staaten anschauen. Es war die Zivilcourage von Rosa Parks, die der Bürgerrechtsbewegung einen entscheidenden Schub gegeben hat.“
Klimabewegung und die Macht der Konzerne
Ein Klima, das es möglich macht, weiter auf diesem Planeten zu wohnen, oder Essen, das qualitativ hochwertig ist – das sind Forderungen, auf die sich vermutlich alle einigen können. Trotzdem spiegelt sich das weder in den Klimatabellen noch in den Supermarktregalen wider. „Man macht sich damit heute nicht gerade beliebt, aber die Situation zeigt, dass unsere Demokratie an ihre Grenzen kommt. Ja, man darf alle vier Jahre wählen, aber die Konzerne sind derartig mächtig und verfügen über solche unglaublichen finanziellen Mittel. Sie bestimmen weitgehend unsere Politik, das dürfen wir nicht zulassen, das muss sich ändern!“, sagt Bode.
Der 76-Jährige betont, dass er nicht als „Aktivisten-Bundestrainer“ kluge Ratschläge von der Seite geben möchte. Dennoch kommt er nicht umhin, ein paar Anstöße zu geben: „Ich glaube nicht, dass internationale Klimakonferenzen der richtige Ort sind, um die Klimapolitik entscheidend voranzubringen. Solche Veranstaltungen enden immer mit einem Konsens, dem kleinstmöglichen Nenner, und nie mit einer radikalen Umsteuerung.“
„Fridays for Future“ muss sozialpolitische Forderungen aufstellen
Es gebe noch ein zweites Problem, das die Klimabewegung schnellstmöglich aufgreifen müsse. „Klimaschutz bedeutet im Jahr 2023: Alles wird die nächsten Jahre teurer werden. Das ist eine bittere Wahrheit, aber man muss sie so klar aussprechen“, sagt Bode. „Deswegen müssen ‚Fridays for Future‘ und Co. auch klare sozialpolitische Forderungen formulieren. Eine erfolgreiche Klimapolitik muss die Schwachen in der Gesellschaft finanziell besser stellen, und das bedeutet eben auch, wir müssen Macht, Einkommen und Vermögen umverteilen.“
Eine Haltung, die Luisa Neubauer teilt. So räumte die 27-Jährige ein, dass „Stand jetzt“ eine Klimapolitik drohe, „die konzernfreundlich ist, die die Reichsten weiter privilegiert und die sozial Benachteiligte weiter benachteiligt“. Sie warnt: „Wenn Klimapolitik nicht sozial gerecht ist, wenn sie die Ärmsten nicht mitdenkt, die Benachteiligten nicht mitdenkt und die Minderheiten nicht mitdenkt, dann wird sie nicht nachhaltig sein können.“
