Neue Machtverteilung nach Europawahl: Wer ist für welchen Top-Job im Rennen?
VonMichael Kister
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Konservative, Sozialdemokraten und Liberale sind im neuen EU-Parlament am stärksten. Sie machen nun untereinander die Besetzung der Spitzenposten aus.
Brüssel – Das Posten-Geschacher nach der Europawahl hat längst begonnen. Die Aufmerksamkeit ruht vor allem auf Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Sie würde für die Europäische Volkspartei (EVP), die wieder stärkste Kraft im EU-Parlament geworden ist und daher einen Anspruch auf ihren Posten erhebt, gerne eine zweite Amtszeit absolvieren. Ob sie die Möglichkeit dazu erhält, ist maßgeblich von der Besetzung der anderen EU-Spitzenposten abhängig.
Wichtig, ja unverzichtbar, ist für eine Verlängerung der Amtszeit Von der Leyens die Zustimmung der Regierungschefs der zwei größten EU-Länder – die beide keine Konservativen sind: Olaf Scholz und Emmanuel Macron. Ersterem brandet angesichts des schlechten Abschneidens der SPD bei der Europawahl Kritik entgegen. Überhaupt hat er mit Koalitionspartnern, demokratischer Opposition und rechten Verfassungsfeinden zu kämpfen. Daher ist eher nicht zu erwarten, dass der Kanzler einen Alternativkandidaten zu Von der Leyen ins Spiel bringt.
Soll Von der Leyen Kommissionspräsidentin bleiben, braucht es Zugeständnisse
Macron bereitete einst Von der Leyen den Weg an die Spitze der Kommission. Er hat aktuell zwar auch genug mit innenpolitischen Angelegenheiten zu tun, nachdem er in Reaktion auf den Erdrutschsieg des rechtspopulistischen Rassemblement National (RN) bei der Europawahl in Frankreich Neuwahlen für die Nationalversammlung ausrief. Dennoch soll er sich im Hintergrund für Mario Draghi, den ehemaligen EZB-Chef und italienischen Ministerpräsidenten, als Nachfolger Von der Leyens stark machen.
Die CDU-Politikerin und Amtsinhaberin muss mit einer qualifizierten Mehrheit von mindestens 16 Stimmen des Europäischen Rats – dem Gremium der EU-Staats- und Regierungschefs – dem EU-Parlament vorgeschlagen werden, um die Chance auf eine Wiederwahl zur Kommissionspräsidentin zu bekommen. Das bedeutet, dass die 13 konservativen Regierungen in Europa mindestens drei weitere Regierungen finden müssen, die nicht ihrer Parteienfamilie angehören, aber bereit sind, Von der Leyen zu unterstützen.
Posten des EU-Ratspräsidenten für S&D und des EU-Außenbeauftragten für Renew
Davon könnte das Versprechen anderer EU-Spitzenposten die Angehörigen der Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten (S&D), zu denen Scholz‘ SPD gehört, und der liberalen Renew-Fraktion, in deren Reihen sich Macrons Renaissance findet, überzeugen. Sie wurden wie bei den Europawahlen 2019 zweit- beziehungsweise drittstärkste Kraft nach der EVP, mit der sie auch in der vergangenen Legislaturperiode zusammenarbeiteten.
Damals erhielten im Gegenzug der belgische Liberale Charles Michel den Posten des Europäischen Ratspräsidenten und der spanische Sozialdemokrat Josep Borrell den des Hohen Vertreters der EU für Außen- und Sicherheitspolitik. Es ist gut möglich, dass S&D und Renew diese Posten in Absprache mit der EVP nun tauschen, denn beide Amtsinhaber müssen gehen, doch geeignete Nachfolger gibt es nur aus dem jeweils anderen Lager.
Portugiese Costa und Estin Kallas sollen die besten Chancen haben
Dem portugiesischen Sozialdemokraten António Costa werden die besten Chancen auf die Ratspräsidentschaft zugeschrieben. Er trat Ende 2023 wegen Korruptionsvorwürfen, die sich allerdings als gegenstandslos erwiesen, als Ministerpräsident seines Landes zurück. Im Gegensatz zum Amtsinhaber Charles Michel soll er gute Beziehungen zu allen EU-Staats- und Regierungschefs pflegen.
Echte Konkurrenz könnte ihm aus dem eigenen politischen Lager nur von der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen erwachsen, die sich allerdings noch mitten in ihrer Amtszeit befindet. Der Name Mario Draghi ist auch in Bezug auf dieses Amt gefallen, doch erscheint es unwahrscheinlich, dass S&D zu den Gunsten des parteilosen Italieners auf die Besetzung verzichtet.
Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern
Bei Renew wird über Kaja Kallas als neue EU-Außenbeauftragte nachgedacht. Die estnische Ministerpräsidentin ist allerdings bekannt für ihre klare Position und scharfe Ausdrucksweise gegenüber Russland, die nicht allen EU-Mitgliedstaaten gleichermaßen gefällt. Infrage könnte deswegen der belgische Regierungschef Alexander De Croo kommen, dessen Koalition just am Tag der Europawahl in nationalen Wahlen unterlag. De Croo ist bereits zurückgetreten und wäre verfügbar für neue Aufgaben.
EU-Parlamentspräsidentin dürfte wieder Malteserin Metsola werden
Es gilt dagegen als recht wahrscheinlich, dass die EVP als stärkste Fraktion auch das Amt der Parlamentspräsidentin beansprucht. Ähnlich wie im Hinblick auf das Amt der Kommissionspräsidentin scheint man hier auf Kontinuität zu setzen: Die maltesische EU-Abgeordnete Roberta Metsola soll wiedergewählt werden.
Die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten werden bei einem Sondergipfel am 17. Juni erstmals über die Besetzung der EU-Kommissionspräsidentschaft, der Präsidentschaft des Europäischen Rats und des Postens des EU-Außenbeauftragten verhandeln. Bei der ersten Plenartagung des neu gewählten EU-Parlaments zwischen dem 16. und dem 19. Juli werden die Abgeordneten dann voraussichtlich über die neue Parlamentspräsidentin oder den neuen Parlamentspräsidenten abstimmen. Spätestens bis zum 1. Dezember, wenn der Präsident oder die Präsidentin des Europäischen Rates sein beziehungsweise ihr Amt antritt, dürfte geklärt sein, wer welche Spitzenpositionen erhält. (MicKis)