Russland

Neues Stalin-Denkmal in russischer Provinzstadt aufgestellt

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Ob Moskau den 50-Meter-Marmor-Stalin (nebst sowjetischem Gefolge – im Prager Volksmund „die Schlachtvieh-Reihe“) der kommunistischen Tschechoslowakei von 1955 wird übertreffen können?
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Ultranationalisten machen in Russland Werbung für den Diktator. Doch Wladimir Putin hat an einem neuen Stalin-Kult kein Interesse.

Josef Stalin hält seine Pfeife, lächelt unmerklich und ist mit Sockel acht Meter groß. Sein bisher größtes Denkmal im postsowjetischen Russland wurde vergangenen Dienstag eingeweiht, auf dem Gelände einer Regalsystemfabrik in der Provinzstadt Welikije Luki. „Generalissimus des Sieges“ feiert ihn die Webseite der Stiftung „Russischer Recke“, die das Bronzemonument in Auftrag gegeben hat. Das war schon vor vier Jahren, und eigentlich wollten die „russischen Recken“ ihr Idol in Wolgograd aufstellen, aber die örtlichen Behörden stellten sich quer, wie auch später in den Regionen Moskau und Woronesch.

In Welikije Luki jubelten etwa 100 Stalinist:innen, darunter allrussische Promis, wie die Schauspielerin Maria Schukschina, die den Sowjetdiktator in ihrer Laudatio neben Iwan dem Schrecklichen platzierte: „Es gibt in der russischen Geschichte wohl keine Gestalt, die mehr verleumdet wurde als Josef Stalin. Außer vielleicht Zar Iwan dem Schrecklichen, beide sind Symbole des Kampfes gegen die fünfte Kolonne.“ Wie Iwan habe Stalin die unangenehmste Arbeit auf sich genommen. „Als sehr erfahrener Chirurg hat er faulende, unnütze Glieder vom Körper Russlands getrennt.“

Russische Schauspielerin: „Stalin hat das Land und die Kirche gerettet“

Westliche Historiker:innen betrachten Stalin als einen der blutigsten Herrscher des 20. Jahrhunderts, der das Sowjetreich zur industriellen und militärischen Weltmacht machte, dabei aber Millionen seiner Untertanen einsperren, erschießen, deportieren oder verhungern ließ.

Die Schukschina erklärte der Zeitung „Moskowski Komsomolez“ nach ihrem Auftritt, zwar sei ihr Großvater unter Stalin erschossen worden. „Aber dafür kann ich den Mann nicht hassen, der das Land und die Kirche gerettet hat.“ Stalin ließ weit über 100 000 orthodoxe Geistliche umbringen, aber das hinderte auch den örtlichen Priester Antonij Tatarinzew nicht daran, das neu eröffnete Denkmal zu segnen. Unter Stalin habe die Kirche gelitten, verkündete er. „Aber dank ihm gibt es jetzt eine Menge neuer Märtyrer.“ Masochistische Hymnen auf einen Gewaltherrscher, die der Exilpolitiker Gennadij Gudkow hämisch betwitterte: „Das Gen der Sklaverei und Unterwerfung lebt im russischen Volk.“

Das gilt zumindest für dessen rechtsextremen Flügel. Und offenbar auch für einen Teil Altgedienter der Staatssicherheit. Laut dem Portal „Agenstwo“ wird die Stiftung „Russischer Recke“ von Veteranen des KGB und seines Nachfolgers FSB kontrolliert. Sie sammeln Geld, um weitere Stalin-Denkmäler zu errichten.

Wladimir Putin hat kein Interesse an einem Comeback Stalins

Das Comeback Stalins klemmt trotzdem. Erst im Frühjahr lehnte es eine große Mehrheit der Wolgograder:innen ab, ihre Heldenstadt wieder Stalingrad zu nennen. Seit dem offenen Bruch Wladimir Putins mit dem Westen 2014 wurden gerade ein Dutzend Denkmäler und Büsten Stalins aufgestellt.

Putin, selbst FSB-Veteran, begegnet seinem Vorgänger mit distanzierten Wohlwollen, im Herbst 2022 bezeichnete er ihn wie Wladimir Lenin und Zar Nikolai II. als einen der Führer, denen Russland seinen Weltmachtstatus zu verdanken habe. „Aber Putin ist nicht an einem neuen Stalin-Kult interessiert“, sagt der Politologe Juri Korgonjuk. „Weil dessen Popularisierung innenpolitisch eher den Kommunisten nützen würde als ihm.“

Und seit Februar 2022 schwebt der „Generalissimus des Sieges“ nicht unbedrohlich über Putins bisher wenig siegreicher „Kriegsspezialoperation“ gegen die Ukraine. Militaristische Blogger wie der Ex-Geheimdienstler Igor Strelkow forderten immer wieder eine Kriegsführung nach Stalins totalitären Vorbild, inklusive Kriegs- und Standrecht. Putin dagegen beschimpfte Strelkow als verlogenen Prahlhans und talentlosen Feigling. Politologe Korgonjuk glaubt aber nicht, dass die neuen Stalinisten Wladimir Putin gefährlich werden könnten. Ihre Verehrung für den großen Diktator sei von der demütigen Bereitschaft getränkt, sich einer gewalttätigen Staatsmacht zu unterwerfen. „Wenn die Stalinisten rebellieren“, sagt Korgonjuk, „werden sie es immer auf Knien tun.“

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