Brasilianer macht Wahlkampfwerbung

Neymar und Bolsonaro, DFB-Team und Merkel: „Fußballer als Instrument für eine politische Agenda“?

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Politik und Fußball Hand in Hand: Links der Brasilianer Neymar, wie er online für die Wahl Bolsonaros wirbt, rechts Ex-Kanzlerin Merkel in der Kabine der deutschen Nationalmannschaft.
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Neymar macht aktive Wahlwerbung für Bolsonaro, Orban nutzt Union Berlin für schöne Fotos. Fußball und Politik sind „mittlerweile extrem engmaschig miteinander verwoben“.

Brasilia – Der Brasilianer Neymar machte im Oktober keinen Hehl daraus, dass er bei der Stichwahl im größten Land Südamerikas den amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro unterstützt. Dem Rechtspopulisten spielt das freilich in die Karten. Bessere Wahlkampfwerbung eine Woche vor dem entscheidenden Urnengang gibt es kaum.

Neymar: „Bolsonaro wiedergewählt, Brasilien Champion und alle glücklich“

In einer gemeinsamen Online-Sendung mit Bolsonaro erklärte der Profifußballer im Diensten von Paris Saint-Germain am Wochenende seine Unterstützung für den rechten Staatschef. „Ich möchte mich beim Präsidenten bedanken. Im schwersten Moment meines Lebens war der Präsident der Erste, der sich öffentlich hinter mich gestellt hat“. Was genau er meinte, sagte Neymar nicht. Aber er wolle nun etwas zurückgeben – und Bolsonaro sein erstes WM-Tor widmen. „Das wäre wirklich wunderbar: Bolsonaro wiedergewählt, Brasilien Champion und alle glücklich.“

Nun ist Bolsonaro wahrlich kein unumstrittener Präsident. Der 67-Jährige äußert sich regelmäßig abfällig über Schwarze, Schwule, Frauen oder Indigene und steht auch in Deutschland in der Kritik. Ein lupenreiner Rechtspopulist, der in Brasilien aber nach wie vor großen Rückhalt genießt. Wohl auch, weil der hierzulande von der SPD unterstützte Herausforderer und Ex-Präsident Lula da Silva mit seinen 76 Jahren nicht zwingend Aufbruchstimmung erzeugt und sich obendrein mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert sieht. Brasilien war vor der Wahl gespaltener denn je.

Sport und Politik: Fußballer „als Instrument einer politischen Agenda“?

Dennoch: Darf Neymar derart aktive Wahlwerbung betreiben? Ein Nationalspieler, der öffentlich für einen Politiker wirbt – in Deutschland wäre das kaum denkbar. Man denke allein an den wochenlangen Aufschrei nach dem Fototermin der deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Die Foto-Affäre entfachte eine Debatte um Fragen wie: Sollten sich Profifußballer öffentlich politisch engagieren? Müssen sie es ob ihrer sozialen Verantwortung vielleicht sogar? Wie einflussreich sind die Stars ganzer Generationen? „Profifußballer sind immer auch ein Stück weit Influencer“, sagt der Grünen-Europapolitiker Daniel Freund Merkur.de von IPPEN.MEDIA. „Sie erreichen auf den sozialen Medien zehntausende Menschen, die nicht immer zwingend politisch interessiert sind.“ Das scheint Politik greifbarer zu machen. Politiker, die sich mit Profisportlern rühmen, wirken vertraut, sympathisch.

Fußballer werden hier schnell zum Instrument für eine politische Agenda

Europapolitiker Daniel Freund (Grüne)

Das gemeinsame Ablichten mit der Sportelite bedeutet für Politiker eine willkommene Imagewerbung. Fußballer stellen – ob aus Überzeugung oder Naivität – ihr Gesicht zu politischen Zwecken zur Verfügung. „Sie werden hier schnell zum Instrument für eine politische Agenda“, meint Freund. „Im schlimmsten Falle machen sie sich zum Feigenblatt für eine antidemokratische Politik.“

Die Kritik nach dem Erdogan-Foto schoss vor allem auf Özil ein, der sich anders als Gündogan nicht öffentlich von Erdogan distanziert hatte. Özil habe sich „selbst diskreditiert“, meinte damals der heutige Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne). „Er taugt nicht mehr als Vorbild.“ Angela Merkel sprach von einer Situation, „die Fragen aufwarf und zu Missverständnissen einlud“. Auch von „Wahlkampfhilfe“ war die Rede. Eine Wahlkampfhilfe, die mitunter auch die Ex-Kanzlerin nutzte. Merkels Bilder aus der Kabine des DFB-Teams – auch mit Özil – gingen um die Welt.

Ein politisch brisantes Foto: Angela Merkel gratuliert dem Deutsch-Türken Mesut Özil im Jahr 2010 nach einem Sieg gegen die Türkei.

„Seht her, ich bin cool“: Wie Politiker von Fußballern profitieren wollen

Seit jeher nutzen regierende Politiker die Gunst des Profifußballs für ihre Zwecke. Unabhängig ihrer politischen Couleur. Sie vermitteln Nationalstolz und sonnen sich im Erfolg der Nationalmannschaft, wie Kroatiens Ex-Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic nach dem WM-Finale. Populistisch handelnde Akteure wissen die Macht des Sports besonders gut zu nutzen. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban etwa ließ sogar einen Profiklub in seinem Heimatdorf emporkommen. Auch Erdogan steht dem Istanbuler Klub Başakşehir FK mehr als nah.

Ferner nutzt Orban den Fußball regelmäßig für Wahlkampfwerbung, etwa wenn er Vereine in ungarisch geprägten Exilregionen finanziell am Leben hält. Oder Mitte Oktober beim deutschen Erstligisten Union Berlin, als er sich in deren Heimstadion mit dem ungarischen Fußballer des Jahres, Andras Schäfer, ablichten ließ. Als Geschenk gab es ein Union-Trikot, Pressevertreter waren nicht zugelassen.

Freund kritisiert den Union-Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten. „Wenn Viktor Orban ungarische Nationalspieler in der Alten Försterei besucht, geht es ihm natürlich um Inszenierung. In Berlin sah er sich wegen seines antidemokratischen Kurses zu Recht deutlicher Kritik ausgesetzt. Ein bunter Termin bei Union Berlin soll da nach Hause signalisieren: ‚Seht her, Ich bin cool und setze mich für Ungarn ein.‘“

Fußball und Politik: „Mittlerweile extrem engmaschig miteinander verwoben“

Auch Emmanuel Macron zeigt sich gerne fußballnah. Frankreichs Staatschef „mischt sich in den Sport ein und tut dies vor allem aus politischen Motiven“, sagt der Autor Matthias Liegmal unserer Redaktion. Er hat ein Buch über das Verhältnis von Frankreichs Politik zum Fußball geschrieben. Es wurde um ein Kapitel reicher, nachdem sich Macron öffentlich für den Verbleib von Kylian Mbappé bei Paris Saint-Germain ausgesprochen hatte.

Mit seiner Nähe zum Sport stehe Macron aber keineswegs alleine da. Liegmal nennt auch andere politische Akteure wie Wladimir Putin, Silvio Berlusconi oder Merkel. Am Sonntagabend zeigte das Bayerische Fernsehen die Ehrung des Bayerischen Sportpreis. Ministerpräsident Markus Söder ließ sich nicht lumpen, Bayern-Profi Thomas Müller den Preis persönlich zu überreichen. „Besonders in jüngster Vergangenheit ist immer deutlicher geworden, dass der moderne Fußball und die Politik mittlerweile extrem engmaschig miteinander verwoben sind“, meint Liegmal. In Brasilien, aber gewiss auch hierzulande. (as)

 

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