Migration

Nicht alle Kommunen fühlen sich überlastet

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Ein Transparent mit dem Symbol für den Fluchtweg hängt vor Wohncontainern der kommunalen Erstaufnahmeeinrichtung in Köln-Zollstock.
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Fachleute empfehlen „atmendes System“ für die Unterbringung Geflüchteter, um stets vorbereitet zu sein

Viele Städte und Gemeinden in Deutschland sind derzeit intensiv mit der Unterbringung von Geflüchteten beschäftigt - pauschal überlastet fühlen sich aber längst nicht alle. Eine am Mittwoch vorgestellte Analyse im Auftrag des Mediendienstes Integration bestätigt, dass etliche Kommunen zwar mit der Versorgung von Geflüchteten stark beansprucht sind – von einem „Notstand“ wollten aber nur wenige der befragten Mitarbeitenden sprechen.

Gleichwohl ist die gegenwärtige Situation für die Verwaltung herausfordernd. Rund 1,2 Millionen Menschen suchten allein 2022 Schutz in Deutschland – etwa eine Million von ihnen aus der Ukraine, 200 000 aus anderen Ländern.

Die Aufnahme so vieler Menschen in so kurzer Zeit stelle Bund, Länder und Kommunen vor zahlreiche Herausforderungen, schreiben die Autoren der Analyse. Es ergebe sich jedoch ein heterogenes Bild der kommunalen Belastungen. Die Spanne reiche „von öffentlich beklagtem Notstand, herausfordernden, aber leistbaren Anforderungen bis hin zu relativ entspannten Situationen“.

Ob Unterbringungskapazitäten vor Ort generell aufgebraucht seien, ließe sich nur schwer beantworten, sagt Autor Boris Kühn: „Sie sind keine fixe, vorgegebene Größe, sondern das Ergebnis von politischem Handeln.“ Vielmehr müssten sie laufend gebaut, akquiriert, angemietet, übergeben und umgeschichtet werden. Wie gut Kommunen aktuell zurechtkommen, hänge auch davon ab, wie aktiv und konstruktiv sie bei der Suche nach Wohnungen vorgehen.

Studie sieht „Dauerthema“

„Die Unterbringungskrise ist zum Teil auch eine Auszugskrise“, hält Co-Autor Julian Schlicht fest. In vielen Gegenden dauere es sehr lange, bis Geflüchtete aus der Erstunterbringung in eigene Wohnungen ziehen können. Wenn Geflüchtete ihren Wohnort hingegen frei wählen können – wie dies etwa bei vielen aus der Ukraine Geflohenen der Fall war – finden sie auch über private Kontakte Unterkunft, das kommunale Aufnahmesystem wird entlastet. Private Wohnungen eröffnen auch Chancen für gute Integration in der Nachbarschaft. Ein Festhalten am üblichen Verteilsystem hätte die Kommunen hingegen massiv überlastet.

Die Unterbringung Geflüchteter wird laut Bericht „ein Dauerthema bleiben“. Die Expert:innen empfehlen deshalb ein „atmendes System“, welches kleine und mittelgroße Aufnahmespitzen abfedern könnte. Die Unterbringung werde zudem umso besser gelingen, je weniger angespannt die allgemeine Lage auf dem Mietmarkt im niedrigen Preissegment ist.

Ein Beispiel, wie Kommunen die Krise bewältigen, findet sich im hessischen Marburg-Biedenkopf. Dort wurden nach 2015 mehrere Kompetenzen im Fachbereich Integration und Arbeit gebündelt. Trotz sinkender Zugangszahlen wurde eine Koordinationsstelle zwischen Hauptamt und ehrenamtlichen Organisationen aufgestockt. Ergebnis: Nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine konnte man dieses informelle Netzwerk rasch nutzen. Engagierte unterstützen den Kreis beispielsweise bei der Besichtigung angebotener Wohnungen. mit afp

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