Handyverbot

Handyverbot an Schulen: Mehr Rechtssicherheit, mehr aber auch nicht

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Auf dem Schulhof eines Gymnasiums in Frankfurt.
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Die Politik will die Handynutzung von Kindern einschränken. Doch die Studienlage reicht nicht aus für ein evidenzbasiertes Smartphone-Verbot an Schulen.

Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit am Handy – zu viel Zeit, meinen einige Politikerinnen und Politiker und überbieten sich derzeit mit Forderungen, dem Einhalt zu gebieten. Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) etwa verlangt in einem Gastbeitrag in der „FAZ“, dass Kinder unter 14 Jahren kein Smartphone besitzen sollten. Soziale Medien sollten erst ab 16 Jahren genutzt werden dürfen. Letzteres fordert auch Grünen-Politiker Cem Özdemir. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) will die private Handynutzung in Grundschulen verbieten. Und der Philosoph Peter Sloterdijk vergleich die Nutzung von Handys durch Kinder mit dem Konsum von Drogen.

Doch wie zielführend ist diese Debatte? Wie ist die Rechtslage? Und was bewirkt ein Verbot privater Telefone an Schulen, wie es seit diesem Schuljahr in Hessen gilt?

„Mit unseren neuen Smartphone-Schutzzonen beenden wir eine andauernde Diskussion, schützen die Gesundheit unserer Kinder und fördern die Konzentration und das soziale Miteinander im Schulalltag“, sagte der hessische Bildungsminister Armin Schwarz (CDU) in den Sommerferien. Von „Handyverbot“ spricht er nicht.

Der Grund: Das Mitnehmen von privaten Smartphones können weder Schulen, noch das Land oder der Bund Schülerinnen und Schülern verbieten, erklärt Katharina Scheiter, Psychologin und Professorin für digitale Bildung an der Universität Potsdam. Die im Grundgesetz garantierten Freiheitsrechte von Eltern und Kindern würden zu stark beschränkt. Wenn Eltern möchten, dass ihre Kinder im Notfall erreichbar seien oder sich melden könnten, wenn der Zug ausfalle, dann sei das ihr gutes Recht.

Doch dürfen Schulen schon jetzt für sich regeln, wann und wie private Smartphones auf dem Schulgelände genutzt werden dürfen: gar nicht, nur in den Pausen oder ausschließlich in bestimmten Zonen. An vielen Schulen müssen Telefone schon jetzt ausgeschaltet in der Tasche bleiben – oft für den gesamten Schultag, Pausen inklusive. Wer dagegen verstößt, muss es bis Unterrichtsende abgeben. Grundlage dafür ist die Fürsorge- und Aufsichtspflicht. Lehrkräfte und Schulen sollen die Möglichkeit haben, Ablenkungen, Mobbing oder Datenschutzverstößen sowie Verstößen gegen den Jugendschutz vorzubeugen.

In Hessen gilt seit diesem Schuljahr für alle Schulen dasselbe: Die Handys bleiben im Ranzen. Scheiter sieht darin einen wesentlichen Vorteil: „Durch diese gesetzlichen Regelungen bekommen Lehrer und Schulleitungen mehr Rechtssicherheit.“ Sie können gegenüber Eltern und Kindern damit argumentieren. Ausnahmen regeln weiter die Schulleitungen, etwa, dass private Smartphones zu Unterrichtszwecken genutzt werden können, wenn die Lehrkraft das möchte. Nicht alle Schulen verfügen über ausreichend digitale Endgeräte für den Unterricht.

Altersgrenze für Social Media?

Bleibt die Frage: Was kann eine smartphonefreie Schule bewirken? Und welche Wirkung hat das Wissen um ein lautlos geschaltetes Telefon im Ranzen auf die Konzentration der Kinder und Jugendlichen immer noch? Dazu gebe es in Deutschland wie international kaum Studien, sagt Psychologin Scheiter. Und deren Qualität sei oft schlecht.

Eine Studie, die aus ihrer Sicht „aussagekräftigere Ergebnisse“ liefert, erschien aber kürzlich im Fachjournal „The Lancet Regional Health – Europe“. Dort werden Schulen, in denen Handys im Ranzen bleiben müssen, verglichen mit Schulen ohne Einschränkungen. „Entgegen der Erwartung zeigt sich, dass es keine Unterschiede gibt“, sagt Scheiter. Durch die Einschränkung der Handynutzung seien „keine positiven Effekte auf die Schulleistungen, auf die soziale Interaktion oder das psychische Wohlbefinden der Schülerinnen und Schülern nachweisbar“. Demnach wäre ein Handyverbot keine effektive Maßnahme, um die Qualität des Unterrichts oder des Miteinanders zu verbessern.

Doch erst, wenn die private Nutzung an deutschen Schulen untersagt sei, könne man empirisch untersuchen, welche Auswirkungen Smartphones hätten. „Im Moment können wir lediglich aus Plausibilitätsgründen bestimmte Empfehlungen geben.“ So ist es etwa plausibel, dass Handys Kinder ablenken und ihre Konzentration stören. „Aber evidenzbasierte Entscheidungen können wir nicht treffen.“ Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfehlen vorsorglich, die Nutzung von Smartphones in Kitas und Schulen bis einschließlich Klasse 10 nicht zuzulassen.

In die Debatte mischt sich immer auch eine zweite: Ab wann Kinder und Jugendliche in der Lage sind, digitale Inhalte und Social Media verantwortungsbewusst und selbstbestimmt zu nutzen. Politiker:innen fordern diverse Altersgrenzen. Auf welcher Grundlage wird nicht immer klar.

Die Leopoldina hat sich für ihr kürzlich veröffentlichtes Diskussionspapier „Soziale Medien und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ Studien angeschaut. Auch die beweisen nicht eindeutig, dass die Nutzung sozialer Medien bei Kindern zur psychischen Belastung oder geringerem Wohlbefinden führt. Querschnittstudien belegten lediglich einen statistischen Zusammenhang. Es werde, erklärt Psychologin Scheiter, nicht ersichtlich, ob die Mediennutzung das geringere Wohlbefinden verursache oder ob Schüler:innen wegen geringen Wohlbefindens vermehrt zum Handy griffen.

Verbotsschild in Berlin.

Immerhin, einige Längsschnittstudien, die über längere Zeit liefen, geben Hinweise darauf, „dass die intensive Nutzung sozialer Medien ursächlich für diese Belastungen sein kann“, schreibt Leopoldina auf ihrer Homepage. Die Wissenschaftler:innen empfehlen, Kinder und Jugendliche vorsorglich zu schützen. Unter 13-Jährige sollten daher gar keinen Zugang zu Social Media haben, 13- bis 15-Jährige nur nach „gesetzlich vorgeschriebener elterlicher Zustimmung“. Außerdem sollten die sozialen Netzwerke für alle 13- bis 17-Jährigen altersgerecht gestaltet werden, ohne personalisierte Werbung, Push-Nachrichten oder endlose Möglichkeit zum Scrollen. Die stufenweise Nutzung soll die Kinder zudem „zu einem reflektierten und kompetenten Umgang“ befähigen. Doch hierfür bräuchte es mehr Regulierung der Plattformanbieter. Die bieten zwar laut eigener Richtlinien keine Accounts für unter 13-Jährige an, die Sperre ist aber leicht zu umgehen.

Dass Kinder sehr wohl Social Media nutzen, zeigt eine Studie des medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest von 2022: Mehr als die Hälfte der 6- bis 13-jährigen Befragten besaßen ein Smartphone. 70 Prozent nutzten das Internet und digitale Medien, vor allem Whatsapp, Youtube und Tiktok – allein, ohne elterliche Begleitung. Zwei Drittel der Eltern verwendeten keine technischen Schutzmaßnahmen wie Filter oder Kindersicherungen.

Die Leopoldina verweist auf die 2024 beschlossene European Digital Identity Wallet (Eudi). Die soll EU-Bürger:innen als staatlich anerkannte digitale Identität und damit auch als Altersausweis dienen. Pilotprojekte laufen, auch Deutschland soll seinen Bürger:innen bis 2026 eine entsprechende – freiwillige – Eudi-App zur Verfügung stellen.

Die Verantwortung der Eltern

Was Kinder im Umgang mit Social Media und digitalen Geräten, mit deren Chancen und Risiken, stärkt, ist Medienkompetenz. Da ist sich die Fachwelt einig. Viele Institutionen, darunter das Deutsche Kinderhilfswerk, die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur oder die Bildungsstätte Anne Frank, warnen seit Jahren davor, Kinder und Jugendliche den Gefahren im Netz einfach auszuliefern. Hinzu kommt: Digitale Medien können süchtig machen. Laut der DAK-Mediensucht-Studie 2024 nutzen 3,4 Prozent der online befragten 10- bis 17-Jährigen digitale Medien krankhaft; hochgerechnet sind das bundesweit mehr als 900 000 Kinder und Jugendliche.

„Medienkompetenz ist eine Querschnittsaufgabe in den Bildungslehrplänen der Länder ab Klasse eins“, sagt Scheiter. Da geht es erstmal um die Nutzung von Suchmaschinen, damit sich auch schon Grundschulkinder Informationen aus dem Netz ziehen können. „Aber der richtige Umgang mit Social Media, mit Algorithmen, das steht auf einem anderen Blatt“, so Scheiter. Dieser Themenkomplex werde in den Schulen „absolut nicht systematisch“ behandelt. Es hänge von der Lehrkraft ab. Aber viele Lehrer:innen seien nicht ausreichend fortgebildet und es fehle auch oft die Zeit.

Natürlich haben auch die Eltern Verantwortung – zumal der ausufernde Konsum digitaler Medien vornehmlich an Nachmittagen und am Wochenende stattfindet. Doch nicht alle Eltern können helfen.

„Viele haben weder die Zeit noch die Kompetenzen, ihren Kindern zu erklären, wie ein KI-basierter Algorithmus bei Tiktok oder Instagram funktioniert. Die Gefahr ist, dass wir, wenn wir das allein den Eltern überlassen und nicht zum Gegenstand im Unterricht machen, diejenigen abhängen, die sowieso schon benachteiligt sind, weil sie aus Familien kommen, die keine Unterstützung bieten können.“ Dies könnte die digitale Kluft weiter vergrößern.

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