Ukraine-Krieg

Norwegische Armee nimmt jede Woche Kontakt mit Russlands Atom-Flotte auf – für den Ernstfall

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Die Beziehungen zwischen Russland und Norwegen sind seit dem Ukraine-Krieg abgekühlt. Doch ein paar Kanäle bleiben offen – für den Ernstfall.

Oslo – Mit dem Nachbarn klappt’s nicht mehr so gut. Lange Zeit hat Norwegen großen Wert auf seine Beziehungen zu Russland gelegt. Doch spätestens seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hat Norwegen die traditionelle Balance-Politik zwischen Nato-Bündnis und Russland-Freundschaft deutlich geändert. Das Land hat seine Militärpräsenz im hohen Norden an der Grenze zum großen Nachbarn im Osten erhöht. Um Eskalationen zu vermeiden, haben die Länder sich nun auf Regeln geeinigt, die an Zeiten des Kalten Kriegs erinnern.

„Schon vor 2014 und der illegalen Annexion der Krim haben wir gesehen, dass Russland seine militärischen Aktivitäten im Norden steigert“, sagt Brigadegeneral Eystein Kvarving, Kommunikationschef der norwegischen Streitkräfte, im Gespräch mit Ippen.Media. Bedroht fühle man sich akut nicht, immerhin hat Russland zuletzt große Teile seiner Truppen entlang der gut 200 Kilometer langen gemeinsamen Landgrenze abgezogen. „Von den Landstreitkräften, die sonst im Norden waren, ist nur noch ein Fünftel übrig. Wir gehen davon aus, dass ein Großteil dieser mechanisierten Infanterie-Brigade in der Ukraine getötet oder verwundet wurde“, so Kvarving. „Aber seit 2021 und dem Beginn des Kriegs in der Ukraine beobachten wir sehr genau, was da in unserer Nachbarschaft passiert. Immerhin sind einige von Russlands mächtigsten Zweitschlag-Kapazitäten ganz in unserer Nähe stationiert.“     

Brigadier und Kommunikationschef der norwegischen Streitkräfte Eystein Kvarving.

Russland lagert Atomwaffen auf der Kola-Halbinsel nahe Norwegen

Mit „Zweitschlag-Kapazitäten“ meint er Nuklearwaffen. Ein Teil des russischen Atomarsenals lagert auf der Kola-Halbinsel nahe der norwegischen Grenze und der sogenannten Nato-Nordflanke. Der dortige Hafen von Murmansk ist wegen der Golfstrom-Ausläufer auch im Winter oft eisfrei, Schiffe und U-Boote können gut anlanden – das macht die Halbinsel zu einem strategisch wichtigen Punkt für Russland.

Mithilfe von Aufklärungsflugzeugen und Satelliten beobachte man, was in dem grenznahen Gebiet passiert. „Wir machen mehr Aufklärungsflüge und setzen neue Flugzeuge ein. Neben den alten P3-Poseidon-Aufklärern nutzen wir zunehmend neue Modelle vom Typ P8 Poseidon“, erklärt Kvarving. Künftig werden wohl auch neuartige U-Boote bei der Aufklärung helfen, die Norwegen gemeinsam mit Deutschland entwickelt hat. „Das Interesse der Alliierten am hohen Norden ist in den vergangenen zwei Jahren stark angestiegen. Wir arbeiten mit Truppen aus den USA, aus Großbritannien, es gibt Übungen auch mit deutschem Militär“, so Kvarving.

Verdacht: Russische Fischerboote für Spionage eingesetzt

Die Kooperation mit Russland indes ist deutlich geschrumpft, der Ton ist rauer geworden. So ist der einst rege Handel im nördlichen Grenzland nahezu komplett eingestellt, russische Fischerboote dürfen manche Häfen nicht mehr anfahren, weil man vermutet, dass sie für Spionage genutzt werden. Nur noch dort, wo es nicht anders geht, arbeitet man zusammen. Zum Beispiel bei der Seenotrettung.

Jährliches Meeting zwischen hohen Militärs aus Norwegen und Russland

Ein paar Kanäle bleiben aber offen. „Es gibt ein jährliches Meeting zwischen dem norwegischen Kommandeur in Bodø und einem Vertreter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB“, erklärt Kvarving. In Bodø, gut 1000 Kilometer nördlich von Oslo, sind die Norwegian Joint Headquarters (NJHQ), das operative Kommandozentrum der norwegischen Streitkräfte.

Skype-Verbindung zur russischen Nordflotte wird wöchentlich geprüft – für den Fall der Fälle

Von einer echten Konfrontation geht in Norwegen niemand aus. Doch dem Fall der Fälle will man vorbeugen. „Wir haben noch immer eine offene Skype-Verbindung mit dem Hauptquartier der russischen Nordflotte“, sagt Eystein Kvarving. Die Nordflotte ist eine nördlich des Polarkreises stationierte russische Marine-Einheit mit Atom-U-Booten – und einem Teil des russischen Nuklarpotenzials. „Die Skype-Verbindung wird wöchentlich auf seine Funktionstüchtigkeit getestet, um sicherzustellen, dass wir darüber jederzeit miteinander reden können, falls es mal ein Missverständnis geben sollte“, so Kvarving. Denn ein Missverständnis könnte zu empfindlichen Konflikten führen – das will man ausschließen. (pen)

Transparenzhinweis: Ippen.Media wurde von der norwegischen Botschaft in Berlin nach Oslo eingeladen.

Rubriklistenbild: © Lev Fedoseyev/imago

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