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Ohne ihn beim Namen zu nennen, geht NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst in einem Gastbeitrag in der „FAZ“ auf Friedrich Merz los. Das Merkel-Lager macht gegen den Parteichef mobil. Ein Kommentar von Georg Anastasiadis.
„Das Herz der CDU schlägt in der Mitte“: Was NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst da in der „FAZ“ proklamiert, ist keine medizinische Sensation – sondern sein Griff nach der Unions-Kanzlerkandidatur und ein brutaler Angriff auf Parteichef Friedrich Merz. Es ist zudem die Aufkündigung des mühsam gewahrten Burgfriedens zwischen dem Merz- und dem Merkel-Flügel in der Partei und der Beginn eines potenziell zerstörerischen Machtkampfs. Zur Unzeit kommt er aus Sicht der CDU auch, weil er vom aktuellen Aufstand der Basis bei den Grünen ablenkt.
Wüsts zwischen Allgemeinplätzen und Unverschämtheiten mäandernder Aufsatz gipfelt in einer Anklage des (namentlich nicht adressierten) CDU-Vorsitzenden, die die Grünen nicht böser hätten formulieren können: „Wer nur die billigen Punkte hervorhebt und sich mit Populisten gemein macht, legt die Axt an die eigenen Wurzeln und stürzt sich selbst ins Chaos.“ Der Angriff des Laschet-Zöglings pünktlich zum CDU-Parteitag zielt auf die Revision der mit haushoher Mehrheit erfolgten Merz-Wahl zum Parteichef. Dieses Signal der Befriedung wird durch den neu entbrannten Richtungskampf annulliert. Dabei unterliegt der spätgeborene Wüst einem herben geschichtlichen Irrtum, wenn er eine direkte Linie zwischen den „Mitte-Kanzlern“ Kohl und Merkel zieht und Merz unausgesprochen als Konservativen mit Hang zum Populismus abstempelt: Anders als seine Nachfolgerin hat Kohl nie den Kernbestand der Unions-Programmatik einem schwankenden Zeitgeist geopfert. Kohls Wähler wussten immer, woran sie mit ihm waren.
Merz will es auch dem Merkel-Lager recht machen
Und Merz? Anders als Wüsts Zerrbild vom „Populisten“ es nahelegt, bemüht sich der in Wahrheit eher hölzerne Parteichef redlich, es auch dem Merkel-Lager recht zu machen. Sein berühmt gewordener Satz von den „kleinen Paschas“ regt nur die Gralshüter der politischen Korrektheit auf. Unter den Unionswählern dürfte er weit weniger Aufregung verursacht haben als bei den Migrations-Romantikern der Merkel-CDU. Doch nehmen deren Angriffe immer mehr den Charakter einer Kampagne an mit dem Ziel, den Parteichef sturmreif zu schießen. Vor Wüst hatte schon der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther - auch er Chef einer schwarz-grünen Koalition - den Bundesvorsitzenden heftig angerempelt.
Die CDU-Wahlkämpfer in Hessen, vor allem aber jene in den ostdeutschen Bundesländern, wo 2024 vier Landtagswahlen stattfinden, werden sich für die neu aufkommende Unruhe schön bedanken. Eine Wüst-CDU, die sich zurück nach Angela Merkel sehnt, wäre ein weiteres Konjunkturprogramm für die AfD. Doch auch für den Bayern Markus Söder wird es zwischen Wüst, der nach links zieht, und seinem Koalitionspartner Aiwanger, der mit Erfolg die Konservativen umgarnt, zunehmend ungemütlich.
Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa-Bildfunk/Schlaf/Montage:MM

