VonPatrick Mayerschließen
Ein Militär-Experte analysiert die Strategie Russlands im Ukraine-Krieg. Er wähnt für 2023 maßgebliche Eckpfeiler in Wladimir Putins Kriegspolitik.
München – Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock hat es oft wiederholt: „Das ist Wladimir Putins Krieg“, sagte die Grünen-Politikerin. Daran, dass der russische Präsident die Richtung im völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine vorgibt, zweifeln viele westliche Politiker nicht auch nur ansatzweise.
Ukraine-Krieg: Militär-Experte analysiert Wladimir Putins Strategie für 2023
Und so bestimmt der Moskau-Machthaber die Strategie des russischen Militärs mit, das auch nach ukrainischen Angaben jüngst die Donbass-Festung Soledar erobert hat. Aber: Die russische Armee wurde in den vergangenen elf Monaten im Süden weit zurückgeschlagen, im Nordosten sogar bis hinter die Landesgrenze. Was also ist die Strategie Putins und seines Apparates für das Kriegsjahr 2023?
Der viel zitierte Militär-Experte Mick Ryan aus Australien hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt und sieben Schritte für das weitere Vorgehen Moskaus identifiziert. Der pensionierte Generalmajor der australischen Armee schreibt bei Twitter: „Die russische Strategie zur Unterwerfung der Ukraine wird im kommenden Jahr voraussichtlich sieben Komponenten haben. Diese sind Information, Befehl und Führung, Militär, Diplomatie, nationale Mobilisierung, Wirtschaft und Anpassungsfähigkeit.“
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1. Kompnente: Informationskrieg: „Russische Narrative, (...) um die Unterstützung des Krieges im Inland aufrechtzuerhalten und die ausländische Bevölkerung zu beeinflussen, waren schon vor dem Krieg Teil der russischen Strategie“, erklärt Ryan bei Twitter: „Sie werden 2023 fortgesetzt.“
Seine Einschätzung deckt sich mit der des Institute for the Study of War (ISW). Moskau ergreife Maßnahmen, „um die Kontrolle über die Kriegsberichterstattung wiederzuerlangen“, schreibt das ISW in einer Beurteilung zur möglichen russischen Großoffensive in der Ukraine im Frühjahr. Es ist wohl ein Fingerzeig, dass zuletzt immer mehr russische Militärblogger die öffentliche Meinung mitbestimmten. Der Kreml intensiviere deshalb seine Bemühungen, „Beziehungen zu prominenten Kriegsbefürwortern zu knüpfen“, meinen die Analysten der Denkfabrik.
Wladimir Putins Kriegsstrategie: Keine konkurrierenden Visionen im russischen Militär
2. Komponente: Befehl und Führung. Ryan verweist darauf, dass Putin mit Generalstabschef Waleri Gerassimow einen loyalen Militär zum Oberbefehlshaber über die Truppen in der Ukraine ernannt habe. Damit habe er konkurrierende Visionen im russischen Militär, wie man diesen Krieg gewinnen könne, aufgelöst.
Jetzt müsse Gerassimow „Offensiven auf dem Schlachtfeld durchführen und einen einheitlicheren Ansatz zwischen dem russischen Militär und privaten Militärunternehmen wie der Wagner-Gruppe erzwingen“, schreibt der Australier: „Er muss auch die Ausrichtung strategischer Ziele in der Ukraine überwachen und integrieren.“ Laut dem ISW versucht der Kreml, „Mängel in der Kommandostruktur zu beheben“.
3. Komponente: Offensive Militäraktionen. Gerassimow sei nicht ernannt worden, „nur um erobertes Land zu verteidigen“, analysiert Ex-Militär Ryan weiter und erwartet eine „offensive Aktion der russischen Armee“. Nicht nur er: Der ukrainische Generalstab, russische Militärblogger wie Igor Girkin, das ISW und westliche Politiker vermuten eine solche Großoffensive gleichermaßen.
Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn erklärte etwa kürzlich im „heute journal“ des ZDF, er erwarte eine großangelegte Frühjahrsoffensive Russlands. Dann müsse Europa und müsse der Westen bereit sein, militärische Ausrüstung, auch Panzer zur Verfügung zu stellen, „damit die Ukraine nicht überrollt wird“ und nicht Hunderttausende Menschen dort sterben, sagte der Diplomat zur Debatte um die Lieferung in Deutschland gefertigter Leopard-2-Panzer an die ukrainische Armee.
Die diplomatischen Bemühungen des russischen Außenministers Sergej Lawrow waren ein Schlüsselelement der russischen Strategie in diesem Krieg.
Wladimir Putins Kriegsstrategie: Sergej Lawrow soll bei China um Unterstützung werben
4. Komponente: Diplomatie. „Die diplomatischen Bemühungen des russischen Außenministers Sergej Lawrow waren ein Schlüsselelement der russischen Strategie in diesem Krieg“, erklärt Ryan: „Im Rahmen dieser Bemühungen hat er mehrere Auslandsreisen unternommen.“
Weißrussland werde wohl weiterhin ein „Brennpunkt der russischen Diplomatie sein“, meint er. Nicht nur beim belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko wolle Putin versuchen, für den eigenen Angriffskrieg zu werben, sondern auch bei China, so seine Einschätzung.
5. Komponente: Nationale Mobilmachung. Ein wichtiges Element der russischen Strategie sei die Mobilisierung des russischen Volkes für den Ukraine-Krieg gewesen, erklärt Ryan weiter. Dadurch seien mindestens 300.000 Russen in das russische Militär eingezogen worden, schätzt der Australier aus der Ferne. Gleichzeitig habe Russland versucht, seine Industrie zur Unterstützung des Krieges zu mobilisieren.
Dies werde sich auch 2023 fortsetzen. Tatsächlich hatte sich Putin in den vergangenen Wochen wiederholt bei Terminen in russischen Rüstungsunternehmen gezeigt.
Wladimir Putins Kriegsstrategie: Russland will die Infrastruktur der Ukraine zerstören
6. Komponente: Wirtschaftskrieg. Russland gehe es ferner darum, die Ukraine einzuschränken, Einnahmen zu erzielen, und gleichzeitig Kosten durch zivile Todesopfer und die Zerstörung der Infrastruktur zu verursachen, analysiert der Militär-Experte. Putin ließ seit Herbst vor allem die Energieinfrastruktur bombardieren. Ryan: „Es ist ein entscheidendes Element ihrer Strategie.“
7. Komponente: Adaptive Strategie. Vereinfacht: Aus Fehlern lernen. Russland habe seine Fähigkeit bewiesen, zu lernen und seine Strategie anzupassen, wenn es mit Rückschlägen auf dem Schlachtfeld und westlichen Interventionen konfrontiert werde, schreibt Ryan: „Die Anpassung wird auch 2023 ein wichtiger Bestandteil ihrer Strategie bleiben.“ (pm)

