Schützengräben überwunden

Ukraine stößt durch südliche Front: Welche Städte jetzt das Ziel der Gegenoffensive sind

  • schließen

Der ukrainischen Armee gelingt im südlichen Frontabschnitt ein Vorstoß. Jetzt könnten die Truppen Kiews eine Großstadt ins Visier nehmen.

München/Tokmak/Melitopol - Der Ukraine ist bei ihrer Gegenoffensive im Süden der erste wichtige Vorstoß durch die russische Hauptverteidigungslinie gelungen. Wie russische Militärblogger schreiben, konnten ukrainische Truppen südlich von Orichiw bei Robotyne vorstoßen.

Ukraine-Gegenoffensive: Kiews Truppen stoßen bei Robotyne in Richtung Tokmak vor

Sie versuchen nun offenbar, ihre Flanken zu sichern, während die Russen wohl Gegenangriffe fahren. Die mehr als 50 Kilometer lange Angriffslinie zwischen Kachowkaer Stausee und Orichiw ist im Süden der am heftigsten umkämpfte Frontabschnitt - wie auch im Twitter-Video unten veranschaulicht wird.

Ein Vorstoß durch die stark befestigten russischen Schützengräben dort, ist der nächste militärische Erfolg Kiews im Ukraine-Krieg. Der ukrainischen Armee bietet sich so die Chance, auf drei strategisch wichtige Städte in der Region Saporischschja vorzurücken. IPPEN.MEDIA erklärt, um welche es sich handelt.

Ukraine-Gegenoffensive: Enerhodar mit AKW Saporischschja ist ein Ziel

  • Enerhodar: Nehmen die ukrainischen Truppen den vollständigen Frontabschnitt im Süden des Landes ein, könnten sie über die Fernstraße M18 auf die Kleinstadt Wassyliwka (rund 13.000 Einwohner) vorrücken. Der Ort liegt direkt am Stausee. Von hier aus verläuft die angeblich kaum gesicherte Regionalstraße P37 bis nach Enerhodar, wo sich das AKW Saporischschja befindet, das durch die Russen besetzt ist. Laut Kartenmaterial des Institute for the Study of War (ISW) und der US-amerikanischen Denkfabrik AEI‘s Critical Threats Project sind die russischen Befestigungen bei Wassyliwka stark ausgebaut. Kann die ukrainische Armee dennoch hier durchstoßen, wäre der Weg nach Enerhodar und zum AKW frei. Die P37 wäre zudem in Reichweite der HIMARS-Mehrfachraketenwerfer am Westufer des Dnipro, sodass die Russen sie kaum verteidigen könnten.

Ukraine-Gegenoffensive: Kann bei Tokmak der russische Nachschub abgeschnitten werden?

  • Tokmak: Ein Verkehrsknotenpunkt für den russischen Nachschub im Süden der Ukraine ist die Kleinstadt Tokmak (rund 32.000 Einwohner). Durch Tokmak verläuft nicht nur die Regionalstraße P37 zwischen Enerhodar und Berdjansk (113.000 Einwohner) am Asowschen Meer, das ebenfalls von der Russen besetzt ist. Sondern auch die Regionalstraße T0401 ins ebenfalls besetzte Melitopol (rund 155.000 Einwohner). Kann die Ukraine der ohnehin schwer unter Druck geratenen 49. Armee Russlands, die laut Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin einen hohen Blutzoll zahlt, den Nachschub abschneiden, wäre das eine gute Ausgangslage für militärische Operationen in westliche Richtung zum Dnipro. Gegebenenfalls könnte besagte 49. Armee sogar aufgerieben werden, sollten etwa russische Soldaten versuchen, hinter die eigenen Linien bei Donezk oder Mariupol zu kommen.

Ukraine-Krieg: Melitopol ist wohl das Hauptziel der Gegenoffensive Kiews

  • Melitopol: Laut Ian Matveev, einem russischen Militäranalysten, den die Schweizer Tageszeitung Blick zitierte, soll Melitopol eines der Hauptziele der ukrainischen Gegenoffensive sein, um dann von dort aus einen möglichen Sturm auf die Schwarzmeer-Halbinsel Krim vorzubereiten. Melitopol liegt rund 75 Kilometer südwestlich von Tokmak am Asowschen Meer. Bis dorthin dürfte es für die ukrainischen Truppen noch ein weiter Weg sein. Das britische Verteidigungsministerium hatte am 19. Juni eine Einschätzung seines Geheimdienstes veröffentlicht, wonach Russland zuletzt damit begonnen habe, Teile seiner Dnipro-Truppen vom Ostufer des riesigen Flusses abzuziehen, um die Front bei Saporischschja und im Osten bei Bachmut zu verstärken. Laut London soll es sich um mehrere Tausende Soldaten besagter 49. Armee handeln, einschließlich der 34. motorisierten Brigade (Panzer, d. Red.) sowie Marine-Infanterieeinheiten. Heißt auch: Bei einem Vorstoß bis nach Melitopol, könnten die verbliebenen russischen Truppen zwischen der Großstadt und dem Dnipro eingeschlossen werden.
  • Die Besatzer würden seine Stadt nur physisch kontrollieren, erklärte der im Exil arbeitende Bürgermeister der Stadt, Iwan Fedorow, kürzlich. In Melitopol gab es etwa Anschlägen auf russische Verwaltungsbeamte oder Kollaborateure sowie Angriffe auf militärische Ziele durch Partisanen. Laut österreichischer Tageszeitung Standard nahmen seit der Besatzung Tausende an proukrainischen Demonstrationen teil. Hier ist das russische Kommando im Süden stationiert. „Melitopol ist ein Zentrum des Widerstands - des zivilen wie auch des nicht-zivilen Widerstands. Die Kollaborateure sind derzeit in Panik. Aber die Russen sind es noch nicht wirklich. Die russischen Kommandeure verbieten den Kollaborateuren, zu gehen“, erzählte Fedorow in einem am 12. Juni veröffentlichten Interview dem Standard: „Wir haben viele Informationen darüber, dass Kollaborateure fliehen wollten, aber von russischen Stellen daran gehindert wurden. Ihre Familien sind aber bereits gegangen.“
  • Das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes schreibt in einer Analyse: „Die Befreiung Melitopols nach mehr als einem Jahr russischer Besatzung, würde die russische Armee in der Südukraine entzweischneiden - und könnte schließlich den Grundstein für eine Operation legen, die darauf abzielt, die Russen von der Krim zu vertreiben.“

Melitopol ist ein Zentrum des Widerstands - des zivilen wie auch des nicht-zivilen Widerstands. Die Kollaborateure sind derzeit in Panik.

Iwan Fedorow, Exil-Bürgermeister von Melitopol

Gegenoffensive der Ukraine: Armee-Chef fordert Geduld und beschwichtigt

Dennoch: Die ukrainische Armee ist nach eigenen Angaben weiter in der Abtastphase und hat ihre Hauptkräfte noch nicht eingesetzt. „Jeder will augenblicklich und sofort einen großen Sieg“, sagte der Kommandeur der ukrainischen Landstreitkräfte, Olexander Syrskyj, dem britischen Guardian. Die Gegenoffensive bleibt aber weiter ein Geduldsspiel. (pm)

Rubriklistenbild: © Screenshot Twitter@GloOouD

Kommentare